Messe Paris PhotoUnd David Lynch kuratiert

Wer sich für Fotografie interessiert, muss Mitte November nach Paris reisen. Ein Vorbericht über die Messe Paris Photo und die Foto-Auktionen. von J. Emil Sennewald

Auch wenn uns die Teilnahme an dieser Messe das letzte Hemd kostet, es lohnt sich!« Jérôme Poggi, ein aufsteigender Junggalerist aus dem Viertel um den Gare du Nord, erhofft sich viel von der Paris Photo, der großen internationalen Messe für Fotografie. Er wird hier vom 15. bis 18. November zum ersten Mal dabei sein und den bisher noch viel zu unbekannten Georges Tony Stoll präsentieren. Mit Malerei, Zeichnung und Fotografien wühlt dieser »den Keller der Archive« auf, so sagt es der Künstler. Seine Bilder, in denen sich banale Szenen oft ins Unheimliche wenden, wirken wie eine Kreuzung aus Lars von Trier, Nan Goldin und Gus van Sant.

»Es gab auf der Paris Photo früher zu viel kunsthandwerkliche Fotografie zu sehen, doch das hat sich geändert.« Das meint auch der Kölner Galerist Karsten Greve, der ebenfalls zum ersten Mal an dieser Messe teilnimmt: Abzüge von Italiens Landschaftsmeister Mimmo Jodice bringt er mit. Zudem bietet er Bilder des konzeptuell-subversiven Duos Adam Broomberg und Oliver Chanarin an, dessen Fotogramme aus dem Afghanistankrieg Aufmerksamkeit erregt haben.

Anzeige

Seit vergangenem Jahr hat sich die Anziehungskraft der Messe deutlich verstärkt, sie findet unter neuer Leitung und im glamourösen Grand Palais statt. Gerade erst ist am gleichen Ort die Messe für zeitgenössische Kunst Fiac zu Ende gegangen, sie war auch dieses Jahr ein Publikumserfolg und zog über 70.000 Besucher an. Wenn auch hochpreisige Kunst (wie etwa ein Calder für 2,5 Millionen Euro, verkauft von Vedovi aus Brüssel) einigen Galerien gute Umsätze bescherte – die mittleren und kleinen Galerien hatten zu kämpfen. Viele Sammler sehen derzeit noch genauer hin, und ausländische Galerien gaben auf der Fiac ein Niveau vor, das es den Pariser Kollegen schwer machte.

Gleiches gilt auch für die Paris Photo. Ein Blick in deren Programm zeigt, dass die Fotomesse noch einmal einen Sprung nach vorn macht. Die Galerien Poggi und Greve gehören zu den 36 Neuzugängen, von denen fünf aus den USA und sieben aus Deutschland kommen. Die meisten mit Einzelpräsentationen etablierter Namen: Parrotta aus Stuttgart bringt Fotos von Timm Rautert aus den siebziger Jahren mit. Weinstein aus Minneapolis setzt auf Akte von Alec Soth, ebenso auf Sicherheit gehen Christophe Guye aus Zürich mit Bildern von Balthasar Burkhard und Nikolaus Ruzicska aus Wien mit Axel Hütte.

Zwar wurde die auf Kunstbesitz erweiterte Vermögensteuer – in den vergangenen Wochen das Angstthema unter den französischen Kunsthändlern – abgeschmettert, doch die Kulturbudgetkürzungen durch die sozialistische Regierung, die heftigsten der letzten 15 Jahre, verunsichern viele. Bis 2015 wird der Kulturhaushalt von heute 2,54 Millionen auf 2,35 Millionen Euro sinken. Auch große Museen werden also in Zukunft noch mehr Sammlerzuneigung brauchen. Christian Bouqueret gab letztes Jahr seine Sammlung mit rund 7.000 Fotografien zum Schnäppchenpreis ans Centre Pompidou, bis zum 14. Januar werden dort 300 dieser Fotos von Helden der Moderne wie Brassaï, Steiner oder Man Ray gezeigt. Neunzig Prozent Steuernachlass für Sponsor Yves Rocher machten den Ankauf möglich.

Solch großzügige Steuergeschenke sind mit Kulturministerin Aurélie Filippetti wohl nicht mehr drin. Sie hat viele Prestigeprojekte beendet, auch das Foto-Museum Hôtel Nevers, das den Sully-Flügel des Jeu de Paume für historische Fotografie ersetzen sollte. Eine richtige Entscheidung, denn viele Museen wie das Orsay zeigen regelmäßig historische Fotografie, und mit Le Bal ist ein anspruchsvolles Fotografie-Zentrum in Montmartre hinzugekommen. Die Fotografie braucht in Paris nicht noch mehr Orte, sie braucht bessere Koordination, mehr Gemeinschaftsgeist.

Einer, der diesen Gemeinschaftsgeist wecken kann, ist Julien Frydman, seit 2011 künstlerischer Leiter der Paris Photo. Der ehemalige Direktor bei Magnum und Ratgeber der Lumas-Stiftung in Arles will »die Fotografie öffnen«, sie »aus dem Ghetto holen« – mit einer »Messe, die sich erneuert, die sich ständig verändert«. Bisher gelingt das: 51.144 Besucher zählte man letztes Jahr, 35 Prozent mehr als 2010, sicher auch wegen des Umzugs ins Grand Palais.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Fotografie | Kunst | Messe | Auktion | Paris
    Service