Umstrittene AnalyseDie rechte Mischung

Warum es schwierig ist, vom Erbgut auf den ökonomischen Erfolg zu schließen von 

»Unverantwortlich« sei diese Studie. »Ethnische Säuberungen und Genozid« könnten damit gerechtfertigt werden. So steht es in einem offenen Brief von 18 Harvard-Forschern. Es geht um eine Studie der US-Ökonomen Quamrul Ashraf und Oded Galor. Die beiden behaupten, einen deutlichen Zusammenhang zwischen der genetischen Diversität einer Nation und deren Wirtschaftserfolg gefunden zu haben.

Ihre statistische Analyse der Daten von 145 Ländern hatte ergeben, dass Staaten mit einer mittleren genetischen Diversität das höchste Pro-Kopf-Einkommen haben. Die Begründung der Forscher: Niedrige Diversität sei mit geringer Innovationskraft verbunden, hohe dagegen mit geringem Vertrauen zwischen den Bürgern. Auch dafür legen sie statistische Korrelationen vor. Die Wirtschaft blühe besonders dort, wo die Diversität in der goldenen Mitte liege, zum Beispiel in den USA und Europa. Die Studie erscheint bald im renommierten American Economic Review.

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Die Kritiker werfen den beiden Wirtschaftswissenschaftlern statistische Fehler und eine mangelhafte Auswahl der Indikatoren für genetische Vielfalt, Innovation und Vertrauen vor. Zudem hätten sie aus statistischen Korrelationen auf kausale Zusammenhänge geschlossen. Nur weil ein bestimmtes Maß von genetischer Diversität ebenso anzutreffen sei wie ein bestimmtes Maß für Innovation, müsse das eine nicht der Grund für das andere sein. Korrelation mit Kausalität zu verwechseln sei »wohl einer der zwei oder drei schlimmsten und am weitesten verbreiteten Denkfehler«, schrieb der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould einmal.

Ihre Schärfe bekommt die Auseinandersetzung auch dadurch, dass die Kritiker die Moralkeule schwingen: »Im heutigen ökonomischen Klima ist es leicht – und verantwortungslos –, die Schuld für den wirtschaftlichen Zustand ganzer Regionen oder Völker auf unkontrollierbare Faktoren wie genetische Varianz zu schieben«, schreiben sie zunächst noch recht moderat. Zwei Sätze weiter versteigen sie sich zu dem Vorwurf, die Studie leiste der Billigung von Völkermord Vorschub.

Diese Moralisierung findet der Anthropologe und Populationsgenetiker Henry Harpending von der University of Utah grundfalsch. Zwar hält er die Studie methodisch für problematisch, wünscht sich aber trotzdem eine Auseinandersetzung mit dieser Art von Forschung. »Als Wissenschaftler wüsste ich schon gern, ob genetische Diversität eine Rolle spielt«, sagt er. »Darüber überhaupt nicht nachzudenken wäre Selbstzensur.« Auch der Verhaltensökonom Daniel Benjamin von der Cornell University in New York meint: »Man sollte solche Forschung nicht generell für tabu erklären.« Er gehört zum Social Science Genetics Association Consortium, das Sozialwissenschaftler, Epidemiologen und Genetiker zusammenbringt, um solche Studien zu verbessern.

Benjamin will die »Sprachbarriere« zwischen den Disziplinen überwinden und damit den Dialog verbessern. Die Wirtschaftswissenschaftler könnten von den Biologen lernen, wie man mit genetischen Daten umgehe. Mit dem Wissen der Ökonomen wiederum könnten diesen Daten Erkenntnisse entlockt werden, auf die Genetiker allein niemals gekommen wären.

Die Gruppe will auch das größte Problem der »Genoeconomics« angehen: Indem sie verschiedene Datensätze zusammenführt, will sie die Stichproben vergrößern. »Die meisten Erhebungen beziehen nur einige Hundert Leute mit ein«, sagt Benjamin. »Um wirklich etwas sagen zu können, brauchen wir aber Daten von etwa 40.000.« Denn der Einfluss einzelner Genvarianten auf so etwas Komplexes wie das menschliche Verhalten ist extrem klein. »Studien dieser Art sind deshalb voll scheinbarer Effekte.«

Solche Schwierigkeiten mussten Daniel Benjamin und seine Kollegen selbst erfahren. Anders als Galor und Ashraf suchen sie nach der genetischen Basis der Eigenschaften einzelner Menschen, nicht nach denen von ganzen Gruppen. Im Rahmen einer Studie mit mehr als 2.000 Teilnehmern entdeckten sie eine Verbindung zwischen dem Bildungserfolg und einer bestimmten Genvariante. Doch als sie mit weiteren Testpersonen das Ergebnis replizieren wollten, gelang es ihnen nicht. Das zeigt: Vorsicht vor der voreiligen Interpretation von Korrelationen. Vorsicht aber auch vor voreiliger Moralisierung.

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Leserkommentare
    • lxththf
    • 10. November 2012 16:25 Uhr

    sollen das sein? Verwechseln Sie nicht Kultur, oder politische System mit genetischen "Anlagen".
    Nur ein Gedankenexperiment. Man setzt die Welt auf 0. Alle Länder haben die gleichen Rohstoffvorkommen, politischen Systeme, Kultur, etc. Quasi die Ausgangslage ist in allen Ländern gleich. Dann würde der Logik der Studie zu Folge es dennoch zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen kommen? Das ist die Grundlage für Rassismus.

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    Genetische Vielfalt ist doch gerade eine Antwort auf regional unterschiedliche Umweltbedingungen.

    denn "die Welt", besser gesagt die Menschheit war bereits einmal auf Null. Alle Menschen auf der Welt stammen von Vorfahren ab, die einst in Afrika lebten. Afrika hatte also am längsten Zeit, sich zu entwickeln und ist heute der am wenigsten entwickelte Kontinent. Woran das wohl liegen mag?
    Die Menschen, die sich aus Afrika nach Europa, Asien usw. ausgebreitet haben, haben dort keine "Kulturen" und "politischen Systeme" vorgefunden, sondern diese sind nur durch sie erschaffen worden.

    Sie schreiben:
    "Nur ein Gedankenexperiment. Man setzt die Welt auf 0. Alle Länder haben die gleichen Rohstoffvorkommen, politischen Systeme, Kultur, etc. Quasi die Ausgangslage ist in allen Ländern gleich. Dann würde der Logik der Studie zu Folge es dennoch zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen kommen? Das ist die Grundlage für Rassismus."

    Und was wäre, setzten wir das Gedankenexperiment fort, wenn die Welt sich tatsächlich wirtschaftlich unterschiedlich entwickelen würde? Dürfte man dann nicht darüber sprechen?

  1. Kommentar #9 reagiert wie erwartet mit dem Begriff "Rassismus". Danke für die Bestätigung meines Beitrags.

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    • lxththf
    • 10. November 2012 17:15 Uhr

    einfach auf ihn zu reagieren und vielleicht zu antworten. Was für "Anlagen" sind es also, von denen Sie reden? Sie müssen ja etwas mit dem Begriff gemeint haben.

  2. Heute ls ich einen Bericht über "Haben". Der Autor verscuhte mit allen Miteln und allen möglichen "großen Namen" zu belgen, daß der Erwerb von Gütern gleichbedeutend mit Glück ist. Daß das Keinind eine Schmusedecke "haben" will, wurde als eines vieler Beweise genannt, das "Haben wollen" etwas menschliches, gutes, gesundes ist.
    Wer viel Wert auf "Sein" legt, verleugnet sein eigentliches Interesse: das Haben wollen.
    Ich zwang mich dazu, den Artikel fertig zu lesen.

    Es gleicht einer geistigen Vergewaltigung, was manche Wissenschaftler als Ergebnis von Forschung veröffentlichen.

    • lonetal
    • 10. November 2012 16:44 Uhr

    Sie schreiben: "Wow. Das ist wohl der Anfängerfehler schlechthin. So etwas machen Erstsemester."

    Svhön wär's, aber das ist doch gang und gäbe. Bestes Beispiel die Intelligenzforschung mit ihrem IQ.

    Antwort auf "Spinne ich?"
  3. Die höchste genetische Vielfalt findet man in Afrika.

    Die Studie scheint von kultureller Offenheit/Austausch/Kopie der letzten paar Jahrhunderte und sich ergebenden wirtschaftlicher Erfolg auf genetische Vielfalt (Menschheitsgeschichte) zu schließen zu wollen.

    • lxththf
    • 10. November 2012 17:15 Uhr

    einfach auf ihn zu reagieren und vielleicht zu antworten. Was für "Anlagen" sind es also, von denen Sie reden? Sie müssen ja etwas mit dem Begriff gemeint haben.

    Antwort auf "Reaktion erwartet"
  4. das wissenschaftliche 'zurück zur natur' in gesellschaftlichen fragen nimmt immer wunderlichere formen an.
    die totalitäre anmaßung der naturwissenschaften, sämtliche sozialen, kulturellen und inviduellen äußerungen durchs raster ihrer kurzschlüssigen kategorien pressen zu müssen, kriegt langsam etwas wahnhaftes.
    der hype um solche pseudo-erkenntnisse erinnert stark an die wissenschaftsgläubigkeit und die naiven organologischen gesellschaftsdeutungen des 19.jahrhunderts.
    bis vor einer weile erfuhr man von 'sensationsbefunden' wie diesem allenfalls aus der rubrik 'vermischtes' irgendeines boulevardblättchens. und so sollte es unter aufgeklärten verhältnissen auch sein.

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    Verhältnisse, die nichts auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse geben?

  5. warum diese Studie für "Euthanasie und Genozid" taugen soll...noch, warum sie die Basis für wirtschaftlichen Erfolg liefern soll.

    Ihre Schwächen - allen voran die Verwechslung von Korrelation und Kausalität - stechen sofort ins Auge. Die Diversität ist, was das Gelingen wirtschaftlicher Ziele angeht, nur ein Faktor unter vielen. Als ob es keine Rolle spielen würde, welche gesellschaftlichen Leitbilder und Arbeitsethoi es gibt, ob es zwischen den Angehörigen der Diversität Konflikte gibt oder welche Chancen die Menschen haben, dass ihre Talente erkannt werden!

    Mal im Ernst: käme selbst der härteste Diktator auf den Gedanken, Menschen wegen genetischer Merkmale auszulöschen, um die Wirtschaftsleistung zu steigern? Oder bestünde umgekehrt tatsächlich die Möglichkeit, dass irgendein Staatsmann auf den Gedanken käme, man könne die volkswirtschaftliche Leistung rein dadurch steigern, dass man die Diversität bis zu einem Zielwert steigere?

    Die Studie ist nichts weiter als ein weiterer irrelevanter Fetzen, der im heutigen publish-or-perish-Wissenschaftsbetrieb kurzzeitig hochgespült wird!

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    eine der härteste Diktaturen ist exakt auch so vorgegangen.
    Es gab hinreichend vorgebrachte wirtschaftliche "Begründungen" für die Euthanasie, Titel - was kostet ein "Erbkranker" das "gesunde Volk".
    Aber das hat mit der hier gegenständlichen Studie nichts zu tun.

    die "Leitbilder", "Arbeitsethoi" und "Chancen"? Vom Mars?

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  • Schlagworte Genetik | DNA | Reichtum | Erbgut | Ökonomie | Forschung
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