Giancarlo De CataldoAlles eine Erfindung?

Giancarlo De Cataldo ist Richter in Rom – und Schriftsteller. Seine Fälle verarbeitet er zu Politthrillern, die nah an der Realität sind: Sie handeln von der Mafia, von Korruption und von Terroranschlägen. Ein Hausbesuch in Rom von Tobias Gohlis

Der Krimiautor Giancarlo-de-Cataldo

Giancarlo De Cataldo auf dem Roten Teppich: Sein Buch "Romanze Criminale" machte ihn berühmt.  |  © Getty Images

"Würden die Römer über den Literaturnobelpreis entscheiden, würden sie mich wählen", sagt Giancarlo De Cataldo mit breitem Grinsen. Ein kolossales 600-Seiten-Buch hat den Richter mit der kräftigen Statur und der dicken Brille berühmt gemacht. Es erschien 2002 unter dem schlichten Titel Romanzo Criminale – »Kriminalroman« – und erzählt, wie es einer Straßengang in den späten siebziger Jahren gelang, die Macht in Rom zu ergreifen. Na ja, nicht die ganze Macht, da gab es immer noch den Papst. Aber die auf den Straßen, und als sie die erobert hatte, kontrollierte sie den gesamten Heroinhandel, das Glücksspiel, die Bordelle, das Schwarzgeld. De Cataldo kühl: »Die Magliana-Bande, das waren kriminelle Genies. Sie brachen mit der zentralistischen Mafia- und Camorra-Tradition und bauten sich ein horizontales Netzwerk. Die Mitglieder entschieden gemeinsam, anfangs jedenfalls, und operierten getrennt. Sie besaßen ökonomischen Verstand. Sie entführten einen Grafen, um das Lösegeld als Startkapital in den Ankauf von Drogen zu investieren, und verzichteten zunächst auf dicke Autos und goldene Rolex-Uhren.« Michele Placido verfilmte den Roman, doch richtig populär wurde die Magliana-Bande durch eine Fernsehserie. Jugendliche tragen T-Shirts mit den Konterfeis von De Cataldos Figuren Dandi, Freddo und El Libano, der Begriff »Romanzo Criminale« ist sprichwörtlich geworden.

Dass die Identitäten der realen Gangmitglieder überhaupt gerichtsnotorisch wurden, ist nicht zuletzt das Verdienst des Richters Giancarlo De Cataldo. Er hat ihnen den Prozess gemacht, bevor er sie im Roman verewigte. Denn zunächst, in ihrer besten Zeit zwischen 1977 und 1982, wurden sie als Bande gar nicht wahrgenommen. Morde, Drogendelikte und andere Verbrechen wurden als Einzeltaten, nicht als Resultat des Organisierten Verbrechens verfolgt. Es dauerte bis 1996, die Anklagepunkte für den einzigen großen Prozess zusammenzustellen, der der Magliana-Bande jemals gemacht wurde. Außer Giancarlo De Cataldo war kein Richter daran interessiert, das Verfahren anzufassen. »Das war eine großartige Chance für mich – als Autor.« De Cataldo studierte Ermittlungsprotokolle, verhandelte und verurteilte. Und erschloss sich damit das Quellenmaterial, das er in sechsjähriger Arbeit zu Romanzo Criminale umformte.

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Der Mann, der den letzten Magliana-Boss Maurizio Abbatino als Kronzeugen vernahm, bevor er ihn als Romanfigur Freddo zum T-Shirt-Motiv machte, bewohnt mit Mutter, Ehefrau und Sohn, der gerade Abi gemacht hat, eine weitläufige Altbauetage im römischen Viertel Prati. Der Vatikan und der Justizpalast liegen jeweils zehn Minuten zu Fuß entfernt. Giancarlo De Cataldo sitzt auf einem Sofa, gegenüber steht die Skulptur eines polnischen Künstlers. Sie zeigt den Kopf von Karl Marx, gespalten von einem goldenen Sowjetstern. »Marx hat Kopfschmerzen«, amüsiert sich De Cataldo.

Als er mit achtzehn 1974 aus seiner süditalienischen Heimatstadt Taranto nach Rom kam, fühlte er sich fremd und ausgestoßen, wie Scialoja, der einsame Ermittler in seinen Romanen. »Ich kam aus einer Mittelschichtfamilie und wollte Regisseur werden. Wegen der Krise – sie war fast so schlimm wie heute – gab es eine Aufnahmesperre an der Filmhochschule. Jeder Sohn aus dem Süden muss einen akademischen Abschluss machen. Also studierte ich Jura. Aber wichtiger war mir die Talkshow, die ich bei einem der ersten freien Rundfunksender Italiens hatte. Das war eine tolle Zeit. Wir machten Kultur gegen Unwissenheit und Armut.« Während De Cataldo jeden Nachmittag über Filme, Bücher und Musik sprach, lieferten sich Linke und Rechte vor der Tür Straßenschlachten. Nicht nur die Roten Brigaden übten den bewaffneten Kampf, auch die Neofaschisten, die Frontlinien des Kalten Krieges verliefen zwischen den rechten und linken Quartieren der Hauptstadt.

Das Richterhandwerk lernte De Cataldo auf die harte Tour. Auf seiner ersten Dienststelle bearbeitete er Bewährungsverfahren. Fünf Jahre lang besuchte er die Gefängnisse Latiums und lernte nicht nur das Elend der Knäste kennen, sondern auch alle Arten von Kriminellen, vom Terroristen bis zum Drogendealer. Seine Frau etablierte sich derweil als Anwältin im Zivilrecht, so würde sie nie ihrem Mann vor Gericht gegenüberstehen müssen. Über die Jahre als Bewährungsrichter schrieb Giancarlo De Cataldo eine Mischung aus Essay und Tatsachenbericht, den er, Adorno im Hinterkopf, Minima Criminalia nannte. Sein erster Roman dann war American hard-boiled fiction auf Italienisch, darin ging es um Organhandel. De Cataldo schrieb Essays über Süditalien und Skripts für TV-Serien, aber erst dreizehn Jahre nach seinem Erstling, 2002, gelang ihm mit Romanzo Criminale der Durchbruch. Geschichte als Geschichte des Verbrechens zu erzählen, das war das darin erstmals realisierte Konzept. In Romanzo Criminale rief er nicht nur den Römern einen vergessenen Teil ihrer lokalen Historie in Erinnerung. Er schuf den ersten Roman, der die »bleierne Zeit« der terroristischen Attentate von rechts und links und des inneren Kalten Krieges mit realistischen Mitteln darstellte.

Aus den Prozessakten rekonstruierte De Cataldo Aufstieg und Fall der Magliana-Bande, Traum und Realität des Aufstiegs von kleinen Straßenräubern zu Bourgeois, die sich den erstrebten Anschein von Wohlstand und Seriosität gaben, mit Politikern und Unternehmern auf Du und Du standen. Der steinreich gestorbene »Dandi« Enrico De Pedis wurde sogar in einer Basilika beerdigt, die dem Vatikan gehört. Je mächtiger die Bande wurde, desto interessanter wurde sie für die geheimen Dienste. Um die Verwicklungen zwischen Politik, Freimaurern und Geheimbünden wie der Loge Propaganda Due ranken sich Gerüchte, die Fakten sind dürftig. Jedenfalls soll die Magliana-Bande 1978 geholfen haben, das Versteck des von den Roten Brigaden entführten Premierministers Aldo Moro zu finden, war aber wohl auch in den Anschlag von Ultrarechten auf den Bahnhof von Bologna im Jahr 1985 verwickelt, bei dem 85 Menschen starben. Als Verehrer Pasolinis zitiert Giancarlo De Cataldo gerne den Spruch: »Ich weiß, aber ich kann nicht beweisen.« Sein Wissen um das nicht vor Gericht beweisbare Zusammenspiel zwischen Gangstern, Geheimdiensten und rechten Politikern ist in den Romanzo Criminale eingewoben.

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