»Derzeit sind es rund 30 Menschen im Dorf, denen wir regelmäßig Essen nach Hause bringen«, sagt der Priester. »Ihr Stolz verbietet es ihnen, in die Kirche zu kommen und sich vor den Augen des ganzen Dorfes das Essen zu holen.« In der Kirche im Nachbardorf gibt es eine Suppenküche für über 100 Menschen. Täglich holen sich die Menschen dort Nudeln mit Tomatensoße, Fleischklößchen, Hühnersuppe oder Moussaka ab. Diese Kirchenküchen verbreiten sich über ganz Griechenland. Die Kirche hilft nicht nur mit Gebeten. Das ist eine neue Erfahrung für die Armen. Die Krise verändert das Land und ihre Priester. »Wir beschäftigen auch Gärtner und Bauern«, sagt Pater Nikolaos, »sie zeigen den Menschen, wie man Land urbar macht.« Doch manchen wird auch Geld gezahlt. Einige Dorfbewohner sitzen abends im Dunkeln, weil sie die Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Andere werden in diesem Winter nicht heizen können. »Also bezahlen wir ihnen die Stromrechnung, kaufen Öl und Holz.« Doch woher hat die Kirche das Geld für diese neuen Formen der Barmherzigkeit?

Aus Spenden, sagt Pater Nikolaos. Doch Geldfragen bespreche man besser mit dem Bischof in Thessaloniki. »Die Griechen spenden«, sagt Bischof Anthimos nicht ohne Stolz. »Wir bekommen Geld auch von Griechen aus dem Ausland.« Auch Deutsche würden überweisen, zuletzt seien Trockenfrüchte aus Frankfurt angekommen. Das sei wichtig in einer Zeit, in der die Griechen von der Troika aus EU, Währungsfonds und Europäischer Zentralbank »erniedrigt« würden. »Aber wenn die Steuern auch für uns weiter erhöht werden, kann selbst die Kirche nicht mehr helfen.«

Viele Griechen ziehen bei solchen Erklärungen die Augenbrauen hoch. Linke Politiker fordern ein Ende der kirchlichen Privilegien. Der Kirchenbesitz soll zunächst einmal registriert und geschätzt werden, wovon die Geistlichkeit nicht so richtig viel hält. Rena Dourou von der oppositionellen linken Syriza-Partei nimmt an, dass dabei viel unbesteuertes Vermögen zutage treten werde. Die gemäßigte Demokratische Linke schlägt vor, dass sich die Kirche an den Priestergehältern beteiligt. Andere wollen die Steuern auf das Grundeigentum der Orthodoxie an den normalen Satz angleichen. Konservative Politiker und die Kirche halten dagegen. Zum Beispiel der Nea-Dimokratia-Abgeordnete Konstantinos Gioulekas, ein enger Parteifreund von Premier Antonis Samaras. Er wird bald für den einflussreichen Bürgermeisterposten in Thessaloniki kandidieren. Gioulekas meint, der Staat müsse alles Land zurückgeben, das er vor 60 Jahren erhalten habe, wenn er nicht mehr die vollen Priestergehälter zahlen wolle. Und Bischof Anthimos sagt, der Staat nutze schon den größten Teil des Kirchenbesitzes. Aber niemand weiß eben, wie viel das genau ist.

"Warum sollten sie nach Säkularisierung rufen?"

Kirche und Staat sind in Griechenland tief miteinander verwoben. Artikel 3 der Verfassung erklärt die Orthodoxie zur griechischen Religion schlechthin. Das Religionsministerium ist zugleich die oberste Erziehungsbehörde. Orthodoxe Priester geben dem neu gewählten Premierminister und Präsidenten ihren Segen. Sie sind mit Weihrauchfass und Weihwedel dabei, wenn das Schuljahr beginnt, ein nationaler Feiertag begangen oder ein Supermarkt eröffnet wird. Das amerikanische Religion Data Archive, das das Ausmaß der Begünstigung einer bestimmten Religion in allen UN-Staaten verglichen hat, ordnet Griechenland deshalb zwischen Iran, Saudi-Arabien und Malaysia ein.

Linke und liberale Griechen halten das für verhängnisvoll. Doch auch sie sind vorsichtig, weil die Kirche im Volk beliebt ist. Rena Dourou von Syriza beteuert: »Wir kämpfen nicht gegen die Kirche, sondern stellen konkrete Fragen.« Am radikalsten äußert sich der griechische Philosoph Stelios Ramfos. Er hält die Kirche für ein Modernisierungshindernis. Die Orthodoxie habe sich nie wirklich reformiert. Sie stelle die Glaubensgemeinschaft über das handlungsfähige Individuum. Sie verneine die Zeit, in der wir lebten. »In manchen Gegenden Griechenlands gibt es noch Gebete für Regen, anstatt sich um anständige Bewässerung zu kümmern«, sagt Ramfos. »Die Kirche stellt Hoffnung und Errettung über die Verantwortung.« Auch die Suppenküchen würden dieses Prinzip nicht infrage stellen. Und das verhindere am Ende Reformen in Griechenland. Warum sich verändern, wenn die Erlösung ohnehin komme? Ramfos fordert die konsequente Trennung von Kirche und Staat. »Nur dann kann sich der Staat wirklich modernisieren!«

Gibt es eine Aussicht auf eine wirkliche Säkularisierung Griechenlands? »Unmöglich!«, lacht Konstantinos Gioulekas von der regierenden Nea Dimokratia. Die Mehrheit der Griechen wolle das nicht. Bischof Anthimos beugt sich bei der Frage weit über den Schreibtisch vor und nimmt sein Medaillon mit dem Marienbild in die Hand. Bei der Säkularisierung unterscheide sich Griechenland stark von Nordeuropa, sagt er. Die Menschen am Mittelmeer seien einfach der Natur und Gott näher. »Sehen Sie sich die Menschen vor der Ikone vom Berg Athos an: Sie sind glücklich! Warum sollten sie nach Säkularisierung rufen?«