GriechenlandGott ist nicht mehr geizig

Die orthodoxe Kirche Griechenlands ist sehr reich, aber den Armen zu helfen war nicht ihre Sache. Erst in der Krise entdecken die Priester ihre Barmherzigkeit. von 

Staus gibt es in griechischen Städten eigentlich meist nur dann, wenn Polizei und Protestierende aufeinander losgehen. Aber heute demonstriert niemand. Warum also diese endlosen Autokolonnen im Stadtzentrum, woher diese dichten Menschenmassen vor der Hagios-Demetrios-Kirche? Stundenlang stehen die Griechen geduldig an, um in die überfüllte Kathedrale zu kommen. Der Grund ist eine goldene Ikone, die ebenso klein wie erhaben ist. Es ist die berühmte Mariendarstellung Axion esti (»Gepriesen sei«) vom heiligen Mönchsberg Athos. Wenn die Wartenden nach Stunden zu ihr vorgedrungen sind, bekreuzigen sie sich, setzen die Lippen an die Ikone, streicheln das Bildnis und bekreuzigen sich wieder. Mit einem Lächeln gehen sie davon.

Die orthodoxe Kirche rettete Griechenland in den schlimmsten Zeiten. Sie pflegte das eigenständige Bewusstsein der Griechen über Jahrhunderte im Osmanischen Reich. Sie formte den griechischen Nationalstaat gegen alle Widerstände seit 1821 mit. Was tut die orthodoxe Kirche heute, um den Griechen aus der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg herauszuhelfen?

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»Wir zeigen Axion esti!«, ruft Bischof Anthimos von Thessaloniki mit fester Stimme. Der zweitmächtigste Mann der griechischen Staatskirche sitzt in seinem holzgetäfelten Büro zwischen Ikonen, Silberleuchtern, alten Telefonen und einem angejahrten Drucker. Er lässt Mandellikör mit kandierten Kirschen servieren. Auf der Brust trägt er ein Medaillon mit einem Marienbild, darüber den langen weißen Bart und die langen grauen Haare, die er im Nacken zusammengebunden hat. »Wir haben diese wertvolle Ikone vom Berg Athos geholt, um die Menschen moralisch aufzurichten.« Eine Welle des Atheismus würde von Europa auf Griechenland einstürzen. »Aber wir halten durch«, sagt Bischof Anthimos. »Wir haben unsere Gebete und unsere Liturgie.«

Das ist die orthodoxe Kirche, wie man sie sich im Westen vorstellt. Ganz in der Liturgie versunken, in Gesängen und Gebeten, die bei großen Festen auch die ganze Nacht andauern. Man schließt die Augen, gibt sich der Zeremonie hin, anstatt sich von allzu abgehobenen Predigten und Gotteszweifeln ernüchtern zu lassen. Es gibt Dinge, die sind größer als der menschliche Verstand. Wenn man in Griechenland im Bus an einer orthodoxen Kirche vorbeifährt, dann bekreuzigen sich manchmal alle Passagiere. Wenn dann auch noch der Fahrer das Kreuz vor der Brust schlägt, am besten in einer Kurve, kann der Bus auch schon mal ins Schlingern geraten. Doch mit Gottes Hilfe findet er schnell in die Spur zurück. Das Urvertrauen ist wichtig in dieser tiefen Krise des Landes. Allein für Soziallehre, Sozialarbeit und gelebte Barmherzigkeit ist die orthodoxe Kirche weniger bekannt.

Keine Institution genießt ähnliche Priviliegien

Die orthodoxe Kirche ist reich. Sie gebietet über riesige Ländereien in ganz Griechenland und Immobilien in besten Innenstadtlagen, die sie vermietet. Niemand weiß, wie viel sie wirklich besitzt und welchen Wert das Grundeigentum hat. Sie bekommt Geld für Taufen, Hochzeiten und Todesfälle. Die Gehälter der Geistlichen zahlt der Staat, seitdem die Kirche vor 60 Jahren mit dem Staat einen großen Immobiliendeal schloss. Damals tauschte die Orthodoxie weite Wälder und Felder gegen Häuser in den Städten. Aus heutiger Sicht ein prächtiges Geschäft. Erst seit 2010 muss die Kirche auf ihre Miet- und Pachteinnahmen Steuern zahlen. Aber nicht die üblichen 45 Prozent, sondern nur 20 Prozent. Keine andere griechische Institution genießt ähnliche Privilegien. Die orthodoxe Kirche als eigensüchtige Institution. Stimmt dieses Bild noch?

Um das herauszufinden, lohnt eine Fahrt in das Dorf Liti, eine gute halbe Autostunde von Thessaloniki entfernt. Kleine Gehöfte, weiß getünchte Ferienhäuser mit roten Ziegeldächern, Schrebergärten, keine Industrie. Ohne das nahe Thessaloniki könnten die 4000 Menschen hier in der Krise nicht überleben. Viele von ihnen sind auf den Staat angewiesen, und der Staat kann immer weniger für sie tun. In dieser Lage bietet Pater Nikolaos nicht nur Liturgie und Kontemplation. Der jugendlich wirkende Priester war acht Jahre lang auf dem Berg Athos, kennt die weltabgewandte Umgebung, aus der die Ikone Axion esti stammt. Aber er hat auch ein kirchliches Radioprogramm gemacht und in einem Jugendzentrum gearbeitet. Er führt uns durch die Kirche und durch das Refektorium, das er zum Klassenzimmer umfunktioniert hat. »Hier lernen über 200 Schüler in Nachmittagskursen byzantinische Malerei, Musik und Computerwissenschaften«, sagt Pater Nikolaos. Aber auch Nachhilfe in Mathematik und Fremdsprachen ist dabei. Solche Kurse kosten die Familien sonst Geld, hier sind sie kostenlos. Er will ein weiteres Gebäude errichten lassen, das bis zu 900 Schüler fassen soll. Die Kirche hat eine Küche, die allmählich zur Dorfküche wird. Die Menschen essen hier nach dem Gottesdienst. Doch nicht nur dann.

Leserkommentare
  1. Ich habe sehr wohl etwas gelernt, zum einen dass (Nord-)Europäer ein anderes Religions- & Kirchenverständnis als östlichere & südlichere Regionen (einschließlich Griechenland) haben. Das liegt aber nicht an der Kirche, sondern an der Mentalität der Personen.

    Ausserdem geht es hier nicht um den Papst, sie behaupten ja auch nicht, dass die EKD diesselbe hierarchische Struktur hat, wie die kath. Kirche. Also hören sie bitte auf Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

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    sollten sie unter dem begriff:
    "beispiel"
    mal im duden nachschauen
    und ansonnsten:
    über welche nordeuropäer sprechen sie?
    die bei pabstbesuchen demonstrierenden spanier?

    • omnibus
    • 10. November 2012 19:01 Uhr
    10. Seltsam

    aber jedes Mal, wenn über die unglaublichen Privilegien der unterschiedlichen Gruppen in Griechenland lese, habe ich den Eindruck, es handle sich um einen Feudalstaat im Mittelalter und nicht um ein europäisches Land im 21. Jahrhundert.

  2. Zwei Punkte über die man durchaus streiten kann.

    Antwort auf "Im Grunde richtig, "
  3. Die Kirche, wie im Artikel ja auch beschrieben, hat KEINERLEI PERSONALKOSTEN, werden ja vom Staat übernommen. Unlängst meinte ich von einer Diskussion zu hören, daß der Staat diese Kostenübernahme auf 50 % zu senken andenke.

    Diese Kirche hat einiges an Reichtümern, vorsichtig formuliert.

    Und wird mit weniger als der Hälfte des regulären Steuersatzes besteuert.

    Dimitris Droutsas antwortete mir einmal mit folgenden Worten (umfaßte auch die Steuerbefreiung der Reeder):

    "Weil die einzelnen Interessensgruppen sich bisher erfolgreich dagegen zur Wehr setzen konnten. Dies war und ist nur durch die Unterstützung seitens der politischen Führung des Landes in den letzten 30 Jahren möglich. Um damit zu brechen, bedarf es größerer politischer Entschlossenheit."

    Die Aufgabe einer Kirche ist es nicht, Reichtümer zu erwerben (oder zu verwalten), sondern den Menschen zu helfen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  4. sollten sie unter dem begriff:
    "beispiel"
    mal im duden nachschauen
    und ansonnsten:
    über welche nordeuropäer sprechen sie?
    die bei pabstbesuchen demonstrierenden spanier?

    Antwort auf "Äpfel und Birnen"
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    Ohne persönlich werden zu wollen, bitte schlagen Sie zuerst das wort "Papst" im Duden nach.

    Da ich in meinem Beitrag Griechenland miteingeschlossen habe, können sie davon ausgehen, dass "nördlich" alles jenseits von Griechenland zählt und in den Einflussbereich der röm.-kath. und der protestantischen Kirchen fällt.

  5. 14. Duden

    Ohne persönlich werden zu wollen, bitte schlagen Sie zuerst das wort "Papst" im Duden nach.

    Da ich in meinem Beitrag Griechenland miteingeschlossen habe, können sie davon ausgehen, dass "nördlich" alles jenseits von Griechenland zählt und in den Einflussbereich der röm.-kath. und der protestantischen Kirchen fällt.

    Antwort auf "warscheinlich"
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    meinen sie wohl ausschlieslich griechenland
    die ausnahme in der welt
    das einzige
    das wahre
    dort
    wo jemand sobald er in die örtliche kirche aufgenommen wird überhaupt nichtmehr fähig ist unrecht zu tun, oder auch nur zu übersehen
    der himmel auf erden.....

    darf a bisserl mehr sein?

    • grapo
    • 10. November 2012 20:15 Uhr

    Die Orthodoxe Kirche hat das Volk durch dunkle Zeiten gefuehrt, und ist Teil des Volkes.
    Geimeinschaftssinn und Demokratie sind nun mal in diesem Land entstanden.
    Der Unterschied zur Katholischen Kirche ist dass die Entscheidungen nie von einer Person getroffen werden , sondern von einer Synode.
    Der Vorsitzende der griechischen Kirche ist ein tief demokratischer (im Gegensatz zu Anthimos) Bischof, und erster unter gleichen.
    Suppenkuechen gibt in fast jeder groesseren Gemeinde in GR seit 2010.
    Dass es vorher keine gab bedeutet nicht, dass die Kirche nicht Unterstuetzung fuer Arme nicht bereitgestellt hat.
    Das Familien auch vor der Krise von den Gemeinden "durchgefuettert" wurden, ist eine Tatsache.
    Dass die Kirche alles nicht an die grosse Glocke gehaengt hat, bedeutet nicht dass sie keine soziale Gestalt hatte.
    Zur griechisch orthodoxen Kirche in Deutschland moechte ich nur eines sagen.
    Als die griechisch Orthodoxe Metropolie in D gegruendet wurde (60er Jahre) und ein Recht auf Erhebung der Kirchensteuer (genauso wie die Katholische Kirche und die Protestanten hatte), hat der damalige Metropoliot Augustinos abgelehnt.
    Die Kirche wurde und wird nur von Spenden der Glaeubigen finanziert.
    Schluss, Aus Amen.

    3 Leserempfehlungen
  6. beim Lesen des Artikels ging mir so durch den Kopf, daß jetzt, wo es an ihr Eingemachtes gehen könnte, sich diese Kirche plötzlich auf ihr eigentliches vorgegebenes Daseinsrecht besinnt.
    Wir beginnen heute , wo alle Ressourcen zur Neige gehen,langsam aber sicher hinter all die Machtspiele zu blicken und auch die Kirchen dieser Welt können dieser Entschleierung nicht entgehen! "Gott" ist ein einmal erfundenes Machtinstrument des Patriarchates und wenn die Griechen der Natur wirklich so nahe stehen, dann sollten sie lieber anfangen, Mutter Erde und Vater Sonne zu heiligen. Denn sie sind es, denen wir unsere Existenz verdanken!

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    Natur wird von den Griechen eben anders definiert - und solange es allen zu Gute kommt, ist es völlig unerheblich ob es Gott nun gibt oder nicht.

    Auch "Mutter Erde und Vater Sonne" kommen nicht aus dem Nichts.

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