GrüneJe näher, desto wärmer

Selbst wenn Jürgen Trittin nicht zum Spitzenkandidaten der Grünen gewählt würde: Gewonnen hat er bereits. von 

Jürgen Trittin

Jürgen Trittin  |  © Michael Gottschalk/dapd

Einer der beiden Gewinner des grünen Urwahl-Marathons stand schon fest, als die Idee zu diesem aufkam. Jürgen Trittin ist das Gesicht der Partei, selbst wenn er nach Auszählung der Stimmen in den kommenden Tagen nicht zum Spitzenkandidaten gewählt werden sollte – was niemand glaubt, am wenigsten er selbst. Alle wollen Trittin: die Realos, die Linken, die Parteigründer, die Neumitglieder, Männer, Frauen, alle. Und nicht nur die Grünen. Trittin ist der häufigste Gast in deutschen Talkshows, häufiger zu sehen als TV-Philosoph Richard David Precht. Sogar eine eigene schwule Fan-Gemeinde soll er inzwischen haben.

Wie auch immer Trittin das angestellt hat: Anbiederung war nicht seine Strategie. Noch immer ist es Glücksache, ob er Leute grüßt, ob er etwas Persönliches über sich erzählt oder sich zu einer freundlichen Bemerkung hinreißen lässt. Beim Urwahlforum in Gelsenkirchen, auf dem die Spitzenkandidaten-Bewerber sich den Fragen der Grünen Jugend stellen (»Was denkst du über Leute, die Drogen nehmen?« – »Warum gibt es auf unseren Parteitagen kein veganes Essen?«), nickt der schwer Erkältete sogar kurzzeitig einmal auf der Bühne weg. Auf die Frage, ob Tiere eine eigene Würde haben, hält er nur kurz eines der für die Kandidaten vorbereiteten Schilder hoch: »Nein!«

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Womöglich aber ist es genau das, was die Leute an dem 58-Jährigen mögen. Kein Spindoktor der Welt wird Jürgen Trittin je das Knarzige weghobeln können. Wenn man den gelernten Sozialwissenschaftler fragt, was ihn politisch antreibt, kommt er immer auf Clint Eastwood zu sprechen. In Für eine Handvoll Dollar fragt eine verängstigte Mexikanerin den Revolverhelden, warum er sein Leben für ein paar arme Würstchen aufs Spiel gesetzt hat. Der zischt zwischen den Zähnen hervor: »Ich hasse Ungerechtigkeit!« Darüber kann »Dirty Jürgen« sich immer wieder freuen.

Sieben Jahre hat er gebraucht, die Partei und die Öffentlichkeit den Charismatiker Joschka Fischer vergessen zu machen. Beim Besuch in Israel Anfang des Jahres hing das Über-Ego des grünen Außenministers allerdings über jedem Auftritt. Fischer war ein paar Monate vor ihm da gewesen, um sein neues Buch vorzustellen, und hatte dabei immer wieder die Säle gefüllt; zu Trittin kamen ein paar Höfliche. Er machte keine Fehler, vermied es vor allem, über die israelkritischen Deklarationen zu sprechen, die vor Jahren sein Parteifreund Christian Ströbele und 2012 SPD-Chef Sigmar Gabriel von sich gegeben hatten. Für das Emotionale, die Zusicherung an beide Seiten, dass man ihren Schmerz fühle und so weiter, dafür war Fischers Ex-Staatssekretärin Kerstin Müller zuständig. Trittin empfahl den Palästinensern am Ende eines Abendessens, vom gewaltfreien Widerstand in Gorleben zu lernen.

Apropos Gorleben: Was für Joschka Fischer die Auseinandersetzung um humanitäre Interventionen auf dem Balkan war, ist für Trittin die Frage nach der Endlagerung von Atommüll. An dieser Frage wird sich entscheiden, was er mit seinem neuen Rückhalt in Partei und Gesellschaft anfangen wird: Will er Bewegung in den festgefahrenen Streit bringen, dann muss er sich mit seiner niedersächsischen Basis anlegen. Denn die Grünen in Lüchow-Dannenberg wollen auf gar keinen Fall, dass der Standort Gorleben Teil der neuen Suche nach einem Endlager wird, wie es die Union und deren Umweltminister Peter Altmaier wollen. Im Oktober hatten Trittin und Gabriel die Gespräche mit Altmaier platzen lassen – zum Ärger des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der sie mit seiner Bekundung, auch in Baden-Württemberg nach potenziellen Standorten suchen lassen zu wollen, überhaupt erst wieder in Gang gebracht hatte. Dass Trittin diesen Konflikt allerdings im niedersächsischen Wahlkampf riskieren wird, erwarten auch führende Realos nicht.

Leserkommentare
  1. weil er mir ohne Schnäuzer nach seinem Herzinfakt besser gefällt :-) und er in Kombination mit Frau Künast eine echte politische Bereicherung für eine Koalition bilden würde.

    Zudem brauchen wir endlich wieder bereits erprobte Politiker, die die noch üben und dabei ganze Parteien ins Bedeutungslose ziehen haben wir aktuell genug.

    8 Leserempfehlungen
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    Der Mann hat den Flaschenpfand zu verantworten und damit der Umwelt wohl überhaupt keinen Dienst erwiesen. Für den Atomausstieg sein und dafür Kohlekraftwerke bauen, damit erst recht Strahlung emittiert wird? Nein. Leute mit seinen Qualitäten haben wir in der Politik mehr als genug. Da brauchen wir nicht noch Trettin.

    mit Schnäuzer war er überaus sexy. Schade, dass er sich blank gemacht hat.

    der im Kabinett Schröder für die Aufnahme Griechenlands in den € gestimmt hat.
    ebenso wie für das Brechen des Maastrichtvertages (3x hintereinander) und der Schuldobergrenzen,
    so das sich danach auch kein anderer € Staat mehr dran halten musste und die Schuldenparty begann, die uns jetzt um die Ohren fliegt.
    Ja, solche "Genies" brauchen wir wirklich, wenn wir dieses Land kaputt machen wollen

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit inhaltlichen und sachbezogenen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche und polemische Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/jz

  5. Urwahl-Prozess mit all seinen Peinlichkeiten ziemlich wohlfeil." - das war er, weiß der Kuckuck, das war er; aber es ist immer wieder eindrucksvoll zu bemerken, wer sich nicht entblödet, solchen Spott in die Medien zu bringen und und wer ihn bringt. Beide scheinen zu dumm zu sein zu bemerken, wie sie sich selbst damit ein Negativurteil ausstellen. -

    Eine Leserempfehlung
  6. Der Mann hat den Flaschenpfand zu verantworten und damit der Umwelt wohl überhaupt keinen Dienst erwiesen. Für den Atomausstieg sein und dafür Kohlekraftwerke bauen, damit erst recht Strahlung emittiert wird? Nein. Leute mit seinen Qualitäten haben wir in der Politik mehr als genug. Da brauchen wir nicht noch Trettin.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "ich auch"
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    Den richtigen Namen haben Sie sich ausgesucht...

    Fürs Dosenpfand waren immer noch Töpfer und Merkel verantwortlich.

    • xpeten
    • 07. November 2012 20:10 Uhr

    ist bekannt, aber Kohlekraftwerke?

  7. Das waren noch Zeiten, als sich die Grünen zusammenfanden. Damals, als theoriegetränkte Revolutionäre wie Trittin, die einst das geknechtete Proletariat aus seinen Banden lösen wollten, plötzlich die Umwelt als Objekt der Befreiung ausmachten. Rentierpullis trickende Pfarrerstöchterchen sorgten für ein bisschen Sanftmut in diesen beinharten Auseinandersetzungen. Und in der Tat: Die Zivilgesellschaft, ein bis dahin unbekannter Terminus in der bundesrepublikanischen Untertanengesellschaft, entwickelte sich langsam. Das war ein enormer Fortschritt.
    Gerade einmal 20 Jahre dauerte es aber, bis ein Allesemanzipierer und Allesintegrierer wie Trittin zum Ausgrenzer wurde. Mit der rot-grünen Agenda-Politik verschärfte sich die Spaltung der Gesellschaft in einem bis dahin nicht vorstellbaren Ausmaß, und auch Trittin tat mit in der Meinung, Sozialabbau sei bekömmlicher, wenn er aus biologischem Anbau käme.
    Die mit jener Politik verbundenen Begriffe (Ein-Euro-Job, Billiglöhner, Altersarmut etc.) schafften es bei der Wahl zum Unwort des Jahres stets auf die vordersten Plätze. Die Ich-AG errang sogar den Titel.
    Keine politische Formation dieser Republik hat sich so schnell von ihren Ursprüngen gelöst - mit Trittin immer an der Spitze. Dies lässt auf wenig Substanz schließen.

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  8. Den richtigen Namen haben Sie sich ausgesucht...

    Fürs Dosenpfand waren immer noch Töpfer und Merkel verantwortlich.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ja genau!"
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    können Sie Ihre Fehl-Interpretation korrigieren.

    "Fürs Dosenpfand waren immer noch Töpfer und Merkel verantwortlich."
    ---------------
    Ja ja, und für die Analphabeten wars Gutenberg

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