Pro und ContraDarf man Hausfrau sein?

Ein Pro und Contra von Sabine Rückert und Christoph Drösser von  und

Pro: Hausfrauen sind Rebellinnen – und schuften für unsere Zukunft

Wahrscheinlich hat eine Frau, die es – kinderlos oder mit einem Kind – an die Spitze eines Unternehmens schafft, auch das Zeug zur fünffachen Mutter und erfolgreichen Hausfrau. Vielleicht steckt in jeder Karrierefrau ihre unsichtbare Zwillingsschwester, die Hausfrau, die sie auch hätte sein können und deren Möglichkeit sie immer ein bisschen schmerzlich mitdenkt: Was wäre, wenn ich jetzt nicht in dieser Konferenz säße, sondern daheim, im Kreise vieler Kinder?

Die bürgerliche Hausfrau war über Jahrhunderte eine machtvolle Person. Sie herrschte über das Haus, also einen richtigen Betrieb, zu dem zahllose Söhne und Töchter und oft auch Angestellte gehörten. Sie war Wirtschafterin – Ökonomie bedeutet Haushalt. Die Tischreden des Reformators Martin Luther illustrieren, wie der Alltag seiner Frau Katharina von Bora aussah: Sie braute Bier, buk Brot, hielt das Vieh, kommandierte das Gesinde und fütterte sechs Kinder. Und um ihren Mittagstisch saßen ungefähr zwanzig Personen – täglich.

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Noch bis vor hundert Jahren war die bürgerliche Hausfrau eine Chefin. Ihr Lebensmittelpunkt war die Küche, in der sie sich mit einer Innigkeit der Zubereitung von Speisen widmete, die heute im Zeitalter der Tiefkühlpizza unvorstellbar ist. Sie war Schneiderin, die ihren Kindern Hosen und Kleider nähte und flickte, sie war Wäscherin und Bäuerin. Sie war Krankenschwester der alten Eltern. Und sie war Lehrerin einer von ihr selbst geborenen kleinen Schulklasse. Sie war das Zentrum einer Sippe. All die Aufgaben, die heute an den Kindergarten, die Schule, an H&M, das Schnellrestaurant, das Altenheim und den Fernseher delegiert werden, lagen früher in der Verantwortung der Hausfrau.

Heute ist die Rolle der Hausfrau eine Wahlmöglichkeit für die Frau der Mittel- und Oberschicht, deren ökonomische Verhältnisse in Ordnung sind und deren Familie stabil ist. Knapp sechs Millionen deutsche Frauen im erwerbsfähigen Alter sind zu Hause. Und es kommt drauf an, was sie draus machen. Eine Hausfrau, die zwischen Spülmaschine und vollautomatischem Wäschetrockner im Eigenheim sitzt und auf ein einsames Kind aufpasst, ist bloß mehr ein Ausläufer jener großen Frauenrolle. Dann gibt es noch die Hausfrau, die an einem Gutverdiener hängt und ihr Leben beim Friseur verplempert – nachdem sie das Kind im Ganztagskindergarten abgegeben hat. Auch von ihr muss hier nicht die Rede sein.

Hausfrau kann heute ein ganz und gar politisch nicht korrekter Lebensentwurf sein, ein Widerstand gegen alle Aufdringlichkeiten des Zeitgeists. Die bewusste Hausfrau ist eine Rebellin gegen die Zwänge des Marktes. Sie macht nicht mit beim großen Rattenrennen. Sie ist nicht immer mobil und erreichbar. Sie sitzt am Sandkasten und schaut den Kleinkindern beim Schaufeln zu. Sie hat, was Kinder zum Großwerden brauchen: Zeit. Zeit zum Spazierengehen, zum Plätzchenbacken, zum Basteln, zum Vorlesen. Sie ist eine Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen Dimension.

Eine Hausfrau aus Überzeugung ignoriert die ökonomische Forderung: »Wir haben Bildung in dich reingesteckt, jetzt musst du dich amortisieren.« Dabei liegt ihre Ausbildung nicht brach, sondern fließt in die Erziehung der Kinder, denen sie eine Gesprächspartnerin und ein Beistand bis zum Abitur sein kann. Die Hausfrau ist eine merkwürdig altruistische Erscheinung in einer Welt von Egomanen, sie arbeitet nicht an ihrer Selbstoptimierung, sondern am Wohlergehen anderer, Schwächerer. An der Stabilität von Bindungen in einer Zeit der Unverbindlichkeit: Hausfrauen hüten die Kinder, eigene und fremde. Sie pflegen hinfällige Verwandte. Sie helfen Nachbarn, geben Flüchtlingen Nachhilfe, engagieren sich bei Kirchen, machen Besuche bei Menschen, die niemand besucht. Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?

Es ist nicht unbedingt ein Spaß, Hausfrau zu sein. Ihre Arbeit wird nicht wertgeschätzt. Im Gegenteil, die Hausfrau wird öffentlich angefeindet und steht unter dem Druck, ihre eigene Biografie dauernd rechtfertigen zu müssen. Dabei arbeiten auch die Hausfrauen an der Zukunft der Gesellschaft. In aller Stille eben. Sie halten die Dinge zusammen und sorgen für eine Atmosphäre, in die man heimkehren kann.

Sabine Rückert

Leserkommentare
    • rahotcl
    • 09. November 2012 14:55 Uhr

    denn er spricht etwas an, was viel zu selten thematisiert wird: die permanente intellektuelle Unterforderung die über die Jahre gesehen zur Unzufriedenheit führt (wie in anderen Berufen auch).

    Die ständige Routine aus Waschen, putzen, einkaufen lässt sich dann eben nicht mehr durch einen VHS Kurs oder einen Lesezirkel aufpimpen.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 09. November 2012 14:57 Uhr
    10. Bestens

    " Am besten, davon bin ich überzeugt, wäre sowieso, wenn in einer Partnerschaft beide Teilzeit arbeiteten, vielleicht zusammen anderthalb Stellen. Davon könnten die meisten gut leben – und keiner müsste sich komplett aufgeben für seinen Job.

    Und da Mama in der Regel mehr Geduld hat und besser "neutral" zuhören kann, sollet sie den ersten Teil des Tages arbeiten, damit die Kinder für das Neueste einen Ansprechpartner haben.

    2 Leserempfehlungen
  1. >> Die Hausfrau ist eine merkwürdig altruistische Erscheinung in einer Welt von Egomanen, sie arbeitet nicht an ihrer Selbstoptimierung <<

    ... *ihre* Rolle der Selbstoptimierung. Kein Altruismus, lediglich eine andere Form von "Egoismus".

    2 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 09. November 2012 16:07 Uhr

    Genau wie jede Hilfeleistung oder kostenlose Unterstützung auch nur Egoismus ist. Aber der beste Deal ist doch, wenn beide zufrieden sind. Das könnte man denen sagen, die keinen Altruismus in dieser ach so schlechten Welt erkennen können.

    • felix78
    • 09. November 2012 15:06 Uhr

    habe ich mir überlegt ich werde hausmann...

    da könnte ich mich selbst verwirklichen, und die kinder erziehen und mich um soziale projekte kümmern etc

    aber warscheinlich werde ich dann von der gesellschaft als arbeitsscheuer faulpelz abgestempelt der nur seine frau ausnutzt...

    war nur so ein gedanke

    5 Leserempfehlungen
  2. Die Überschrift bringt mich dazu in Steine zu beißen.

    Ist es denn nicht möglich, dass sich eine Frau frei entscheiden darf? Muss da so eine öffentliche Diskussion daher, wie Frau zu sein hat? Was richtig und was falsch ist? Bekanntermaßen sind wir nicht alle gleich, haben also ganz unterschiedliche Meinungen und Bedürfnisse und diese müssen dann emanzipiert, frei geäußert und umgesetzt werden.

    Damals sollte Frau zu Hause bleiben, dann wollte sie das nicht, dann kamen die 68er "zur Befreiung" der Frau. Aber daraus ergibt sich nicht, dass jede Frau das gleiche Lebensprinzip hat, oder?

    Frauen haben einen miesen Stand, wenn sie sich a) dafür rechtfertigen müssen zu Hause zu bleiben oder b) dafür zu rechtfertigen, dass sie z. B. das Kind in die KiTa geben (da hagelt es dann gleich Kritik von Müttern die zu Hause bleiben).

    Eltern sind die schlimmste Spezies überhaupt, wenn sie immer versuchen andere Eltern zu erziehen. Und sowas passiert dank solcher Artikel.

    12 Leserempfehlungen
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    • kamy
    • 09. November 2012 15:45 Uhr

    ... sie kann auch als Eremitin in die Wüste gehen. Kein Mensch hat einem anderen zu sagen, was er oder sie gefälligst zu machen hat.

    Unter einer Bedingung: Sie muss die Folgen selbst tragen.
    Bei Hausfrauen bedeutet das, sie muss einen Versorger haben. Der hat ein Wörtchen mit zureden. Und die Gesellschaft kann mitreden, wenn es eine Umverteilung in Richtung Hausfrauenehe gibt. Und das gibt es dank Splitting, Krankenkassenmitversicherung und Renten.
    Die Kosten dieser "Verabschiedung aus dem entgeltlichen Erwerbsleben" kostet - und zwar auch die anderen.
    Und so lange das so ist, darf man diesen Lebensentwurf auch infrage stellen. Es ist auch eine Verteilungsfrage, wie so oft.

    Übrigens: Alle Frauen und Männer, die einen Haushalt führen, sind Hausfrauen bzw. -männer. Wir können uns alle loben dafür, auch wenn wir - so nebenbei - noch für Geld arbeiten.

    • Fdgo1
    • 09. November 2012 15:11 Uhr
    15. Warum

    ... müssen sich die Menschen in eine freiheitlich-demokratischen Grundordnung eigentlich dafür rechtfertigen, wie sie ihr Leben in individueller Freiheit gestalten wollen?

    Brechen Sie irgendwelche Gesetze, sind sie ein Problem für die Gesellschaft?

    Diese ständige Spaltung der Gesellschaft nervt nur noch.

    Leben und leben lassen!

    (Wenn da nicht die unsägliche Gleichstellung = Gleichmacherei = Gleichschaltung wäre, die nichts, aber auch gar nichts mit Gleichberechtigung und Anerkennung von Unterschieden bei Chancengleichheit zu tun hat.
    Denn die Quote ließe sich schließlich auch erreichen, indem Männern das Arbeiten verboten würde. Na Hauptsache die Statistik und das Einsortieren in einfache Schlagworte für das Computervergleichsprogramm passt. Oder aber die durch nichts belegte Behauptung, der Wirtschaft gingen Arbeitskräfte verloren, die tatsächlich aber kein Mensch braucht, jedenfalls nicht, wenn sie mehr 400 EUR im Monat kosten.)

    Wir sollten uns endlich wieder unserer Grundwerte erinnern und nicht diese Gesellschaft zerstören, weil irgendwelche Lobbyisten aus Wirtschaft und/oder Ideologie ihr Süppchen köcheln.

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