Ein reinweißer Kittel, gestärkt und gebügelt, der verbirgt so manches. Die Armut und die Scham zum Beispiel. Solange Karin Steinbrenner diesen Kittel trägt und ihr Namensschild auf der Brust fühlt, ist sie mit sich im Reinen. Es ist kurz nach zwölf Uhr. Karin Steinbrenner thront auf einem hohen Stuhl hinter ihrer Kasse in der Filiale der Drogerie Rossmann in der Lüneburger Fußgängerzone. Alles an ihr ist in Bewegung. Das dichte, lockige Haar wippt. Die Hände rasen über den Warenscanner. Schokoriegel, Apfelschorle, Grußkarten. Feuchttücher, Stilleinlagen, Entwässerungskuren. Wer Karin Steinbrenner zuschaut, versinkt nach wenigen Minuten in diesem Strom aus Waren und Menschen, der an ihr vorbeizieht. Ein Strom, der den Beobachter anstrengt und ermüdet.

Karin Steinbrenner aber strahlt. Hinter ihrer Kasse sieht die 42-Jährige jünger aus, als sie tatsächlich ist. Sie wirkt souverän, auf eine rührende Art fast stolz. Und sie sagt Sätze, die man von einer Kassiererin nicht erwarten würde: »Das hier, die Kasse, das ist mein Leben, mein Glück. Alle kaufen hier ein. Mich kennt die halbe Stadt.«

Nach Dienstende ist sie eine Mutter, die oft in der Mitte des Monats fürchten muss, dass das Geld nicht reichen wird, um ihrem Sohn Sascha etwas anderes aufzutischen als Nudeln und Toast, weil das billig ist. Eine Mutter, die ihm fast all die Dinge verweigern muss, die nicht wirklich lebenswichtig sind, die aber das Leben ausmachen, wenn man 14 Jahre alt ist: mal ins Kino gehen, eine Playstation kaufen oder ein Mal im Leben in den Urlaub fahren. »Ich hasse mich dafür, dass ich meinem Sohn so wenig ermöglichen kann«, sagt sie. Geschichten wie die der Rossmann-Kassiererin Karin Steinbrenner werden selten erzählt, weil sie auf den ersten Blick so gewöhnlich wirken. Es ist die Geschichte eines normalen Frauenlebens in einem reichen Land, das sich daran gewöhnt hat, dass Mutterwerden eines der großen Armutsrisiken ist. Vor allem weil es in der Regel die Mütter sind, die den Beruf unterbrechen, Hausfrau werden und merken, dass der Arbeitsmarkt diese Entscheidung später mit aller Härte bestraft.

Zwischen dem wirtschaftlichen Status von Männern und Frauen klafft noch immer eine gewaltige Lücke: 70 Prozent der Niedriglöhner sind Frauen. 97 Prozent der Vorstandschefs der börsennotierten Unternehmen sind Männer. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, jede Dritte ist arm, hat also weniger als 1015 Euro im Monat, um sich und ein Kind zu versorgen. Das verfügbare Durchschnittseinkommen von Vätern dagegen steigt nach einer Trennung.

Vor dem Gesetz sind Männer und Frauen seit über fünf Jahrzehnten gleich. Wer verstehen will, warum die Kluft zwischen den Geschlechtern dennoch so gewaltig sei, heißt es im ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011, der muss den Blick von der Momentaufnahme lösen und ein ganzes Frauenleben betrachten. Jeder Mensch gelangt an Knotenpunkte, analysieren die Wissenschaftler: Berufswahl, Partnerschaft, Geburt der Kinder, Familienzeit, Trennung. Mit überraschender Verlässlichkeit entscheiden sich die meisten Frauen an jedem der Knotenpunkte für die Familie und gegen die Karriere. Ein zeitweiliges Zurückstecken mag sich richtig und vernünftig anfühlen. Das Problem aber ist, dass mit jeder dieser Entscheidungen die Wahlmöglichkeiten am nächsten Knotenpunkt geringer sind. Und dass es so unglaublich schwer ist, einen einmal eingeschlagenen Pfad zu verlassen, wenn er sich als Sackgasse erwiesen hat.

Karin Steinbrenner kommt 1970 in Lüneburg als drittes Kind eines Gaststättenwirts und einer Hausfrau zur Welt. Ihre Eltern haben wenig Zeit für sie. »Wir liefen so mit«, sagt sie. »Wenig Hilfe in der Schule, wenig Ermunterung.« Karin Steinbrenner ist ein wildes Mädchen, liebt Fußball statt Puppen und sucht überall das, was sie zu Hause so selten bekommt: Aufmerksamkeit. »Ich habe mich immer in den Vordergrund gedrängt«, sagt sie.

Karin Steinbrenner ist kein typisches Mädchen. Trotzdem nimmt sie nach dem Hauptschulabschluss, am ersten Knotenpunkt ihres Lebens also, den Weg, den auch heute noch viele Mädchen gehen, sie macht eine Lehre als Verkäuferin in einem Lebensmittelmarkt. Studien, die die Berufswünsche von Kindern untersuchen, kommen seit Jahrzehnten zu nahezu identischen Ergebnissen: Schon im Alter von fünf Jahren wissen die meisten Kinder, welche Berufe als angemessen für ihr Geschlecht gelten. Als Teenager wählen sie dementsprechend aus: Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau, Arzthelferin und Friseurin sind auch heute noch die häufigsten Ausbildungsberufe junger Frauen.

Karin Steinbrenner vermag nicht zu sagen, warum sie Verkäuferin geworden ist. »Es kam einfach so«, sagt sie. War ihr klar, dass es mit dem Beruf schwer sein würde, eine Familie zu ernähren? »Nee, überhaupt nicht. Wenn man so jung ist, dann denkt man darüber gar nicht nach. Aus heutiger Sicht war das sicher ein Fehler.«

Damals aber hat Karin Steinbrenner das Gefühl, das Richtige zu tun. »Ich war fasziniert von der Ware, von den Kunden«, sagt sie. »Warum wählen die welches Produkt? Werbung, Marketing, das war immer mein Traum.« Und doch schlägt sie den Weg einer Verkäuferinnenlehre ein. Im ersten Berufsjahr entwirft sie in ihrer Freizeit Fantasie-Slogans für ihre Arbeitgeber, beklebt damit ihr erstes eigenes Auto. Sie liebt ihren Laden, deckt Fehler in der Inventur auf. Karin Steinbrenner steigt schnell auf. Bald leitet sie ihre erste Filiale. Sie verdient gut, kauft sich einen BMW , tiefer gelegt, mit breiten Reifen. »Traumhaft viel Geld« habe sie in dieser Zeit gehabt, sagt sie. Mit 26 dann steigt sie bei Rossmann ein, übernimmt eine umsatzstarke Filiale in der Innenstadt, hat zwölf Leute unter sich. »Das hat Spaß gemacht. Natürlich. Aber ich hatte einen anderen Lebensplan. Ich habe von Kindern geträumt und von einem tollen Mann.«

Den Mann, mit dem das wahr werden soll, trifft Karin Steinbrenner im Fitnessstudio. Er arbeitet nicht nur dort, sondern ist auch Profibodybuilder. »Das war mein Mann, mein Typ, mein Mensch. Ich habe ihn wirklich geliebt«, sagt sie. Er zieht zu ihr in die Wohnung. Es ist eine Partnerschaft unter Gleichen. Jeder hat sein eigenes Geld, die Arbeit im Haushalt teilen sie. »Ich fand seine Nase toll, seinen Mund. Und ich habe mir gedacht: Unsere Kinder sollen genau so aussehen. Und auch er wollte mit mir eine Familie.«