Katrin Steinbrenner sagt, dass das Geld nicht reicht, um am Leben teilzunehmen. © Sigrid Reinichs

Ein reinweißer Kittel, gestärkt und gebügelt, der verbirgt so manches. Die Armut und die Scham zum Beispiel. Solange Karin Steinbrenner diesen Kittel trägt und ihr Namensschild auf der Brust fühlt, ist sie mit sich im Reinen. Es ist kurz nach zwölf Uhr. Karin Steinbrenner thront auf einem hohen Stuhl hinter ihrer Kasse in der Filiale der Drogerie Rossmann in der Lüneburger Fußgängerzone. Alles an ihr ist in Bewegung. Das dichte, lockige Haar wippt. Die Hände rasen über den Warenscanner. Schokoriegel, Apfelschorle, Grußkarten. Feuchttücher, Stilleinlagen, Entwässerungskuren. Wer Karin Steinbrenner zuschaut, versinkt nach wenigen Minuten in diesem Strom aus Waren und Menschen, der an ihr vorbeizieht. Ein Strom, der den Beobachter anstrengt und ermüdet.

Karin Steinbrenner aber strahlt. Hinter ihrer Kasse sieht die 42-Jährige jünger aus, als sie tatsächlich ist. Sie wirkt souverän, auf eine rührende Art fast stolz. Und sie sagt Sätze, die man von einer Kassiererin nicht erwarten würde: »Das hier, die Kasse, das ist mein Leben, mein Glück. Alle kaufen hier ein. Mich kennt die halbe Stadt.«

Nach Dienstende ist sie eine Mutter, die oft in der Mitte des Monats fürchten muss, dass das Geld nicht reichen wird, um ihrem Sohn Sascha etwas anderes aufzutischen als Nudeln und Toast, weil das billig ist. Eine Mutter, die ihm fast all die Dinge verweigern muss, die nicht wirklich lebenswichtig sind, die aber das Leben ausmachen, wenn man 14 Jahre alt ist: mal ins Kino gehen, eine Playstation kaufen oder ein Mal im Leben in den Urlaub fahren. »Ich hasse mich dafür, dass ich meinem Sohn so wenig ermöglichen kann«, sagt sie. Geschichten wie die der Rossmann-Kassiererin Karin Steinbrenner werden selten erzählt, weil sie auf den ersten Blick so gewöhnlich wirken. Es ist die Geschichte eines normalen Frauenlebens in einem reichen Land, das sich daran gewöhnt hat, dass Mutterwerden eines der großen Armutsrisiken ist. Vor allem weil es in der Regel die Mütter sind, die den Beruf unterbrechen, Hausfrau werden und merken, dass der Arbeitsmarkt diese Entscheidung später mit aller Härte bestraft.

Zwischen dem wirtschaftlichen Status von Männern und Frauen klafft noch immer eine gewaltige Lücke: 70 Prozent der Niedriglöhner sind Frauen. 97 Prozent der Vorstandschefs der börsennotierten Unternehmen sind Männer. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, jede Dritte ist arm, hat also weniger als 1015 Euro im Monat, um sich und ein Kind zu versorgen. Das verfügbare Durchschnittseinkommen von Vätern dagegen steigt nach einer Trennung.

Vor dem Gesetz sind Männer und Frauen seit über fünf Jahrzehnten gleich. Wer verstehen will, warum die Kluft zwischen den Geschlechtern dennoch so gewaltig sei, heißt es im ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011, der muss den Blick von der Momentaufnahme lösen und ein ganzes Frauenleben betrachten. Jeder Mensch gelangt an Knotenpunkte, analysieren die Wissenschaftler: Berufswahl, Partnerschaft, Geburt der Kinder, Familienzeit, Trennung. Mit überraschender Verlässlichkeit entscheiden sich die meisten Frauen an jedem der Knotenpunkte für die Familie und gegen die Karriere. Ein zeitweiliges Zurückstecken mag sich richtig und vernünftig anfühlen. Das Problem aber ist, dass mit jeder dieser Entscheidungen die Wahlmöglichkeiten am nächsten Knotenpunkt geringer sind. Und dass es so unglaublich schwer ist, einen einmal eingeschlagenen Pfad zu verlassen, wenn er sich als Sackgasse erwiesen hat.

Karin Steinbrenner kommt 1970 in Lüneburg als drittes Kind eines Gaststättenwirts und einer Hausfrau zur Welt. Ihre Eltern haben wenig Zeit für sie. »Wir liefen so mit«, sagt sie. »Wenig Hilfe in der Schule, wenig Ermunterung.« Karin Steinbrenner ist ein wildes Mädchen, liebt Fußball statt Puppen und sucht überall das, was sie zu Hause so selten bekommt: Aufmerksamkeit. »Ich habe mich immer in den Vordergrund gedrängt«, sagt sie.

Karin Steinbrenner ist kein typisches Mädchen. Trotzdem nimmt sie nach dem Hauptschulabschluss, am ersten Knotenpunkt ihres Lebens also, den Weg, den auch heute noch viele Mädchen gehen, sie macht eine Lehre als Verkäuferin in einem Lebensmittelmarkt. Studien, die die Berufswünsche von Kindern untersuchen, kommen seit Jahrzehnten zu nahezu identischen Ergebnissen: Schon im Alter von fünf Jahren wissen die meisten Kinder, welche Berufe als angemessen für ihr Geschlecht gelten. Als Teenager wählen sie dementsprechend aus: Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau, Arzthelferin und Friseurin sind auch heute noch die häufigsten Ausbildungsberufe junger Frauen.

Karin Steinbrenner vermag nicht zu sagen, warum sie Verkäuferin geworden ist. »Es kam einfach so«, sagt sie. War ihr klar, dass es mit dem Beruf schwer sein würde, eine Familie zu ernähren? »Nee, überhaupt nicht. Wenn man so jung ist, dann denkt man darüber gar nicht nach. Aus heutiger Sicht war das sicher ein Fehler.«

Damals aber hat Karin Steinbrenner das Gefühl, das Richtige zu tun. »Ich war fasziniert von der Ware, von den Kunden«, sagt sie. »Warum wählen die welches Produkt? Werbung, Marketing, das war immer mein Traum.« Und doch schlägt sie den Weg einer Verkäuferinnenlehre ein. Im ersten Berufsjahr entwirft sie in ihrer Freizeit Fantasie-Slogans für ihre Arbeitgeber, beklebt damit ihr erstes eigenes Auto. Sie liebt ihren Laden, deckt Fehler in der Inventur auf. Karin Steinbrenner steigt schnell auf. Bald leitet sie ihre erste Filiale. Sie verdient gut, kauft sich einen BMW , tiefer gelegt, mit breiten Reifen. »Traumhaft viel Geld« habe sie in dieser Zeit gehabt, sagt sie. Mit 26 dann steigt sie bei Rossmann ein, übernimmt eine umsatzstarke Filiale in der Innenstadt, hat zwölf Leute unter sich. »Das hat Spaß gemacht. Natürlich. Aber ich hatte einen anderen Lebensplan. Ich habe von Kindern geträumt und von einem tollen Mann.«

Den Mann, mit dem das wahr werden soll, trifft Karin Steinbrenner im Fitnessstudio. Er arbeitet nicht nur dort, sondern ist auch Profibodybuilder. »Das war mein Mann, mein Typ, mein Mensch. Ich habe ihn wirklich geliebt«, sagt sie. Er zieht zu ihr in die Wohnung. Es ist eine Partnerschaft unter Gleichen. Jeder hat sein eigenes Geld, die Arbeit im Haushalt teilen sie. »Ich fand seine Nase toll, seinen Mund. Und ich habe mir gedacht: Unsere Kinder sollen genau so aussehen. Und auch er wollte mit mir eine Familie.«

Über Monate versank sie in einem Strudel aus Brüllen und Stillen

1998 kommt Sascha, das Wunschkind, zur Welt, und alles wird anders. Kurz vor der Geburt hat Karin Steinbrenner die Stelle als Filialleiterin gekündigt. Sie will als Hausfrau ganz für ihren Sohn sorgen. An den meisten Abenden ist ihr Freund bis um zehn Uhr im Fitnessstudio, das er mittlerweile selbst leitet. Karin Steinbrenner sitzt zu Hause, und ihr Alltag ist so ganz anders als ihr Traum vom Familienleben. Sascha schreit viel. Sie ist überfordert und versinkt über Monate in einem Strudel aus Brüllen und Stillen, benebelt von Talkshows, die sie den ganzen Tag laufen lässt. »Es war schrecklich. Ich glaube, am Anfang habe ich nur geweint. Geweint, weil ich allein bin, geweint, dass ich kein Geld mehr habe, dass mein Job weg ist, dass die Bestätigung weg ist. Ich fiel in ein Loch.« War das klar, dass die Betreuung des Kindes ihre Aufgabe sein würde? »Ja. Eigentlich blöd. Dabei hätte er gerne mehr gemacht. Er hat es so oft gesagt: Karin, lass doch mal was liegen. Aber ich habe ihn nicht gelassen.« Es ist, sagt sie, als habe sie damals den Verstand abgeschaltet. Dass sie bald wieder in den Beruf zurückkehren könnte oder sich die Kindererziehung mit ihrem Mann teilen könnte, diese Möglichkeit existierte nicht in ihrem Weltbild. Und der deutsche Staat unterstützt dieses Rollenmodell seit jeher. Im Gegensatz zu Skandinavien und Frankreich , wo der Staat gezielt die Kinderbetreuung fördert , oder Großbritannien , wo viele Frauen gar nicht anders können, als schnell wieder zu arbeiten, ist Deutschland immer noch konservativ, der Staat unterstützt nicht in erster Linie die Kinderbetreuung, sondern die Mutter, die zu Hause bleibt.

Das erste Kind, so beschreiben es Wissenschaftler, ist und bleibt der große »Traditionalisierer« im Leben der meisten Paare. Das erste Jahr gilt fast allen Eltern als Aufgabe der Mutter. Danach hat sich die Arbeitsteilung im Haushalt oft dauerhaft verändert. In einer aufwendigen Langzeitstudie hat eine Gruppe Bamberger Forscher über Jahre die Rollenverteilung von Ehepaaren untersucht. Im Moment der Eheschließung teilten noch gut 40 Prozent der Paare die Hausarbeit relativ partnerschaftlich auf, schreiben die Wissenschaftler. Dieser Anteil sinkt über die Jahre und betrug bei der letzten Befragung nach 14 Jahren Ehe nur noch 13,7 Prozent. Vor allem nach der Geburt des ersten Kindes zögen sich viele Väter zurück.

Mutmaßungen über die Gründe dieser überraschend klaren Rollenverteilungen füllen Regalmeter. Zwei mögliche Ursachen aber liefern fast alle Forscher: Zum einen scheint es vielen Frauen schwerzufallen, die Macht im Haushalt abzugeben. Sie wünschen sich zwar, dass die Männer mithelfen, lassen aber selten zu, dass diese auch wirklich mitbestimmen. Und so verharrt der putzwillige Partner oft in der wenig attraktiven Rolle des Schülers, der ständig etwas falsch macht, und gibt irgendwann auf. Zum anderen beobachten die Forscher, dass die Aufgabenteilung bei den wenigsten Paaren ausgehandelt wird. Die meisten gleiten gemächlich in über Generationen erlernte Verhaltensweisen hinein. Und so, staunt ein Forscher, schafften es selbst die Paare, die in den Interviews verbal die Idee der Gleichheit der Geschlechter priesen, die Ungleichheit im Haushalt einfach so hinzunehmen.

Als Karin Steinbrenners Sohn ein Jahr alt ist, trennt sich ihr Freund von ihr. »Er meinte immer: Du siehst mich nicht mehr«, sagt sie. »Wir leben zusammen. Aber du nimmst mich nicht wahr. Und so war es wohl auch.« Schon bald hat er eine andere Frau. Den Unterhalt für seinen Sohn überweist er stets pünktlich. Weil Karin Steinbrenner nicht verheiratet war, hat sie nach der Trennung keinen Anspruch auf Versorgung. »Das geht ganz schnell«, sagt sie. »Alleinerziehend und sofort Sozialhilfe.«

In einer gediegenen Kanzlei am Kurfürstendamm füllen solche Abstiege von Frauen ganze Aktenmeter. Lore Maria Peschel-Gutzeit, die 1960 eine der ersten Richterinnen Deutschlands war, später Justizsenatorin in Berlin , sitzt am Konferenztisch. Peschel-Gutzeit ist Spezialistin für Familienrecht. Sie hält oft Vorträge, spricht an Schulen und an Universitäten. Peschel-Gutzeit ist 80 Jahre alt, trägt ein rosafarbenes Jackett, onduliertes Haar. Eine konservative Frau, denkt man, bis sie zu reden beginnt. »Wenn ich jungen Frauen davon abrate, sich finanziell abhängig zu machen, dann schauen die mich an und sagen: ›Aber wir lieben uns doch!‹. Es sind archaische Vorstellungen, die sie aus den Köpfen nicht herausbekommen: Er verdient das Geld, und sie hält ihm den Rücken frei.« Zu Lore Peschel-Gutzeit kommen die Frauen ganz am Anfang, vor der Trauung, wenn sie über einen Ehevertrag nachdenken. Dann rät Peschel-Gutzeit ihnen, meist vergeblich, schriftlich zu vereinbaren, wer wie lange zu Hause bleiben wird, wenn Kinder da sind – und wie der arbeitende Ehepartner den sorgenden dafür entschädigt. Und vor ihr sitzen die Frauen am Ende der Ehe, wenn sie einsehen müssen, dass der Traum nicht hielt. »Meine Mandantinnen sind dann völlig erschüttert. Ich habe nicht eine dabei, die gesagt hat: Ich habe einen Plan für den Ernstfall.« Selbst wenn das Ende nicht überraschend käme, weil der Mann zum Beispiel seit langem eine Freundin habe, würden viele Frauen nichts unternehmen, um finanziell autark zu werden. Offenbar sind die alten Leitbilder zu tief in ihnen verankert und die Frauen zu träge, sie zu überwinden. Es fehlen die Vorbilder dafür und ein staatlicher Anreiz.

Im Jahr 2008 wurde das Unterhaltsrecht neu geregelt . Seitdem gilt der Grundsatz der Eigenverantwortung. »Wie das dann im Falle der meisten klassischen Frauenberufe abläuft, kann ich Ihnen erzählen«, sagt Lore Peschel-Gutzeit. »Da kommt dann eine Mutter, die Einzelhandels- oder Bürokauffrau oder Friseurin gelernt hat, und die trifft auf einen Arbeitsmarkt, der zerteilt ist in Minijobs und Midijobs und Teilzeitjobs und Zeitarbeit. Diese Mütter können mit ihrem erlernten Beruf keine sichere Lebensgrundlage mehr schaffen.«

Karin Steinbrenner verließ Rossmann als Filialleiterin. Ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes fängt sie als Packhilfe im selben Laden wieder an. 10,5 Stunden die Woche will sie zunächst arbeiten. Einen Kita-Platz für Sascha hat sie nicht, deshalb weiß sie nicht, wohin mit ihrem Sohn, wenn der Vater keine Zeit hat. Ihre Chefin ist nachsichtig, auch wenn Karin Steinbrenner häufig kurzfristig absagen muss. »Ich habe ständig geweint. Das Kind, die Trennung, die Sozialhilfe. Es war alles zu viel. Als Sascha zwei Jahre alt war, hab ich dann gekündigt, obwohl ich meine Arbeit liebe.« Mehr als zwei Jahre lang bleibt Karin Steinbrenner zu Hause. Dann kehrt sie zurück. Diesmal hält sie durch. Auch weil sie für Sascha einen Halbtagsplatz im Kindergarten bekommen hat. Sie ist dankbar, dass Rossmann ihr noch mal eine Chance gewährt, aber wieder ist sie Packhilfe für 10,5 Stunden pro Woche. Es ist, als seien all ihre Qualifikationen durch Saschas Geburt und die Zeit als Hausfrau entwertet worden.

Von den 400 Euro, die Rossmann ihr monatlich zahlt, darf sie 160 behalten. Der Rest wird auf ihr Hartz-Geld angerechnet. »Man arbeitet, aber man ist trotzdem ausgegrenzt, am Rande«, sagt Karin Steinbrenner. »Bei uns hat das Geld einfach nie gereicht, um am Leben wirklich teilzunehmen.« Das Hartz-Geld, das laut Gesetz die Existenz sichern soll, ist einfach zu wenig. Als Karin Steinbrenner schließlich zur Lüneburger Tafel geht, um dort um Essen zu bitten, zieht sie den Kragen ihrer Jacke hoch. »Das war so peinlich«, sagt sie. »Weil mich ja so viele vom Rossmann kennen.« Sie ist überrascht, wie viele ihrer Kunden in der Schlange stehen und auch auf ein paar Lebensmittel hoffen. Solange sie Hartz IV bekommt, geht Karin Steinbrenner von da an zwei Mal pro Woche zur Tafel. »Es ist wie betteln«, sagt sie. »Aber ich bin glücklich, dass es solche Hilfen gibt.« Sechs Jahre lang lebt Karin Steinbrenner mit dieser Mischfinanzierung aus Hartz IV, dem Job und schließlich den Essensspenden.

Aus der Perspektive der Geschlechtergleichstellung sind Minijobs »desaströs«

Sieben Millionen Menschen arbeiten als geringfügig Beschäftigte. 63 Prozent sind Frauen. Aus der »Perspektive der Geschlechtergleichstellung« seien die Minijobs »desaströs« urteilt eine Expertenkommission, die das Familienministerium berät. Der Gesetzgeber dränge durch die steuerliche Bevorzugung dieser Jobs viele Frauen in die Arbeitsverhältnisse, die niemanden ernähren, mache sie finanziell abhängig von staatlicher Hilfe oder dem Gehalt des Ehemanns. Aus der Perspektive vieler Arbeitgeber scheint das Modell dagegen lohnend zu sein. Bei den Gebäudereinigern und in der Gastronomie sind inzwischen 40 Prozent der Beschäftigten 400-Euro-Jobber. Auch der Einzelhandel setzt massiv auf die Aushilfskräfte. Nur darüber reden möchte kaum jemand. Lidl, Aldi, KiK : Sie alle lehnten ab, für diesen Text den Kontakt zu einer 400-Euro-Kraft zu vermitteln. Es ist ihnen wohl unangenehm, wenn nach außen dringt, dass ein beträchtlicher Teil der Mitarbeiter von der Arbeit nicht leben kann.

Der Abstieg von Karin Steinbrenner war rasant. Der Versuch, sich wieder aufzurappeln, dauert nun schon dreizehn Jahre. 2009 bietet ihr Rossmann endlich einen Teilzeitjob an. 52 Prozent der deutschen Frauen arbeiten Teilzeit, viele mit geringer Stundenzahl, obwohl sie gerne mehr arbeiten würden. In den letzten Jahren ist in Deutschland zwar die Zahl der Frauen, die berufstätig sind, gestiegen. Die Zahl der Stunden aber, die jede Frau im Schnitt arbeitet, ging zurück. Damit ist Deutschland ein europäischer Sonderfall. Ein Grund für diese Zerfaserung der Erwerbstätigkeit sind die Minijobs. »Ich glaube nicht, dass dieses deutsche Modell weiblicher Erwerbstätigkeit zukunftsfähig ist«, kommentiert das der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow.

»Seit ich auf zwanzig Stunden bin, habe ich das Gefühl, dass ich mehr wert bin«, sagt Karin Steinbrenner. »Ich wohne direkt beim Amt und sehe die Arbeitslosen da immer in der Schlange stehen. Es ist wunderschön, nicht mehr dazugehören zu müssen. Aber mehr Geld habe ich immer noch nicht.« Karin Steinbrenner, die mal eine schlechte Schülerin war, hat gelernt, zu rechnen. Ihr Monatsbudget addiert sie aus dem Stand: Das Gehalt für 20 Stunden bei Rossmann, der Unterhalt von Saschas Vater und das Kindergeld machen zusammen 1371 Euro netto. Davon gehen 413 Euro für die Miete ab, 240 Euro für Strom, den vor allem der Warmwasseraufbereiter zieht. Dann noch weitere Kosten für Handys, Versicherungen, Schuldenrückzahlung und einiges mehr. »Für Essen, Kleidung, Schulsachen bleiben uns 350 Euro im Monat. Wir sind immer noch arm.«

In einem schmucklosen Altbau in Berlin-Pankow ist diese Armut der Mütter der Hauptgrund für die vielen Kreuze, die Sozialarbeiterin Regina Ruhm auf ihren Beratungsbögen macht. Jedes Kreuz steht für ein Leben, das vermutlich nie beginnen wird. »Als ich bei der Schwangerenkonfliktberatung angefangen habe, war ich überrascht«, sagt Regina Ruhm. »Man denkt ja, die klassischen Gründe für eine Abtreibung seien andere: Der Partner ist abgehauen oder will kein Kind. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die meisten Frauen wirtschaftliche Gründe nennen.« Die Frauen, die vor ihr sitzen, haben Zeit-, 400-Euro- oder Niedriglohnverträge. »Es kommen Bäckereiverkäuferinnen, die wissen, dass keine Kita zu ihren Arbeitszeiten ab vier Uhr morgens geöffnet hat, oder Verkäuferinnen, die ständig am Wochenende und am Abend arbeiten müssen. Die haben Angst, dass der Job weg ist, wenn sie sich für das Kind entscheiden, dass sie dann für immer arm sind.« Vor allem Frauen, die das zweite oder dritte Kind erwarten, säßen vor ihr, sagt Regina Ruhm. Frauen, die nach einem langen Weg wieder ins Berufsleben zurückgekehrt seien. »Die entscheiden sich dann oft gegen das Kind, weil sie nicht wieder zu Hause sein wollen«, sagt Regina Ruhm. »Weil sie wissen, wie schwer es wird. Und ich kann denen dann nicht einmal sagen: Die Gemeinschaft kümmert sich, es gibt Kita-Plätze, es gibt Arbeitgeber, die Rücksicht nehmen.«

Bald endet Karin Steinbrenners Schicht. Die Plastikkassette mit den Einnahmen in der Hand, verlässt sie ihre Kasse. Als sie den weißen Kittel ausgezogen hat, sieht sie müde und geschafft aus. Vor Kurzem hatte sie ihren Rentenbescheid in der Post. Seitdem gibt es eine weitere Zahl in ihrem Leben, die ihr Angst macht. Wenn es ihr nicht gelingt, mehr zu arbeiten, wird sie einen Rentenanspruch von 300 Euro haben. Die wirtschaftliche Bilanz eines normalen Frauenlebens in Deutschland. Im Schnitt haben Frauen rund 60 Prozent niedrigere Rentenbezüge erarbeitet als Männer. Karin Steinbrenner hat einen Beruf erlernt, ein Kind erzogen und sich angestrengt, dennoch immer zu arbeiten. »Und dann«, sagt sie, »sitze ich vor diesem Zettel und frage mich: Karin, was hast du falsch gemacht?«