DIE ZEIT: Herr Asche, Sie waren Entwicklungsexperte in Afrika. Haben Sie etwas bewirkt?

Helmut Asche: Das würde ich schon sagen. In Kenia habe ich die Regierung beraten und dazu beigetragen, dass sie ziemlich regelmäßig nationale Armutsberichte veröffentlicht. Heute kann man dort im Armuts-Atlas genau sehen, wo die Not am größten ist. Und auch, wo sich etwas zum Guten verändert hat.

ZEIT: Aber Sie sollten die Armut doch nicht berechnen, sondern bekämpfen.

Asche: So haben Bundesregierungen auch lange argumentiert. Deswegen wollten sie auch in Deutschland keinen Armutsbericht. Aber eine solche Analyse hilft, gezielte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ich muss allerdings zugeben: Ob die Erkenntnisse in Kenia längerfristig zur richtigen Politik geführt haben, hat im Nachhinein niemand mehr überprüft.

ZEIT: Ist Ihr Projekt damals begutachtet worden?

Asche: Natürlich gab es Fortschrittskontrollen. Da kommt ein Gutachter und gibt nützliche Ratschläge. Aber der bekommt sein Honorar von der Institution, die das Projekt durchführt. Der politische Clou unseres neuen Evaluierungsinstituts ist seine Unabhängigkeit. Wir entscheiden allein, was wir wie beurteilen. Und die Ergebnisse werden veröffentlicht.

ZEIT: Ein Blick auf die Website des Ministeriums zeigt: Schon heute belegen Studien, dass nicht alle Maßnahmen helfen.

Asche: Sicher, auch die bisherige Evaluierungspraxis war nicht unkritisch. Aber man kann eine Staffelung beobachten: Prüft das Ministerium, ist das Urteil meistens kritischer als das, was die durchführenden Organisationen selbst publizieren. Am Ende kann der Auftraggeber Berichte eben doch noch mal im eigenen Interesse umschreiben lassen.

ZEIT: Kritiker fragen trotzdem, ob wir Ihr Institut wirklich brauchen. Denn trotz aller Mängel wird doch kein anderer Politikbereich derart gut durchleuchtet wie Entwicklungspolitik.

Asche: In der Bildung oder bei der Steuerung des Arbeitsmarkts wird auch viel geprüft. Denken Sie nur an die Pisa-Studien. In der Entwicklungspolitik ist es besonders wichtig, genauer hinzuschauen. Der zuständige Minister hat einen großen Etat, und die Entscheidungsspielräume beim Ausgeben des Geldes sind größer als bei den meisten Kabinettskollegen. Er kann große Summen zwischen Ländern, Regionen und Instrumenten ziemlich frei hin und her schieben. Und es gibt noch viele weitere Gründe, warum unser neues Institut Sinn macht.

ZEIT: Als da wären?

Asche: Die Ausgaben für Entwicklungshilfe steigen, wir steuern auf 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu. Da sollte der deutsche Steuerzahler besser als bisher erfahren, was mit dem vielen Geld erreicht wird. Außerdem ist es wichtig, dass sich unsere Partner in den Entwicklungsländern ihr eigenes Urteil bilden können. Um die geht es ja schließlich. Beim Begutachten werden wir eng mit ihnen zusammenarbeiten. Ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten müssen so gestärkt werden, dass wir für sie in zehn, zwanzig Jahren überflüssig sind.

"Wir wollen nicht nur Misserfolge, sondern auch positive Erfahrungen evaluieren"

ZEIT: Wie wollen Sie die Wirkung unserer Hilfe denn nun bemessen?

Asche: Nehmen wir ein klassisches Wasserversorgungsprojekt: Da werden Brunnen gebohrt, Leitungen gelegt und Genossenschaften gefördert, die sich um die Instandhaltung kümmern. Durch den Vergleich mit einer Nachbarregion können wir feststellen: Hat der Geber etwas bewirkt? Mit so einer Kontrollgruppe hat man ein experimentelles Design – wie in den Testlaboren der Pharmaindustrie.

ZEIT: Nun ja, ob der Brunnen versandet ist oder die Leitungen nach fünf Jahren noch liegen, ließe sich doch mit bloßem Auge erfassen, oder?

Asche: Uns interessiert auch die soziale Wirkung: Können Mädchen und Frauen zur Schule gehen oder arbeiten, weil sie nicht mehr so viel Wasser schleppen müssen? Oder: Hat sich die Qualität des Wassers verbessert? Das passiert nämlich – Überraschung! – keineswegs immer. Wenn das Brunnenwasser in den Hütten mit Wasser aus anderen Quellen zusammengekippt wird und die Menschen mit schmutzigen Händen hineingreifen, dann sind wieder so viele Kolibakterien drin wie im nächstgelegenen Tümpel. Dann hat am Projektdesign ganz klar etwas gefehlt. Das zeigt eine Studie der BMZ-Evaluierer in Benin, und von solchen Erfahrungen wollen wir lernen.

ZEIT: Entwicklungspolitik fördert immer öfter ganze Regierungsprogramme. Da ist die Wirkung der Hilfe doch noch viel schwerer zu erfassen als bei Einzelprojekten.

Asche: Aber auch bei landesweiten Programmen können wir Wirkungsketten bemessen. In Ruanda wollen wir studieren, was dreißig Jahre deutsche Entwicklungshilfe im Gesundheitssektor gebracht haben. Unter anderem wurde dort ein Krankenversicherungssystem aufgebaut, das es sonst in Entwicklungsländern meist nur für Staatsbeamte oder in großen Unternehmen gibt. Es gilt international als erfolgreich, und theoretisch kann man die Tatsache nutzen, dass die Versicherung schrittweise eingeführt wurde. Aus den Bezirken, die später drangekommen sind, kann man die Kontrollgruppe bilden und schauen: Hat sich die Gesundheit der Menschen in den Pionierbezirken schneller verbessert?

ZEIT: Wie frei waren Sie bei der Auswahl dieses ersten Projekts? Es klingt so schön positiv, und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist Ihr Gründer und Gesellschafter.

Asche: Wir wollen nicht nur Misserfolge, sondern auch positive Erfahrungen evaluieren. Und wir reagieren auch auf Nachfrage – ob aus dem Bundesministerium, den Organisationen vor Ort oder dem Parlament. In Ruanda war es so: Deutschland zieht sich dort aus dem Gesundheitssektor zurück und konzentriert sich auf die Wirtschaftsförderung. Denn die Regierung in Kigali möchte, dass nicht mehr alle Geber alles machen. Daraufhin fragte das BMZ: Wenn wir die große Abschlussveranstaltung haben, welche Bilanz können wir ziehen? Das fanden wir spannend, auch im Blick auf Lehren für andere Länder.

ZEIT: Lohnt sich der Aufwand? Viele Gutachten der »Evaluierungsindustrie« bestätigen schlicht Bedenken, die es von Anfang an gab.

Asche: Auch das werden wir analysieren: Warum sind kritische Fragen politisch nicht aufgegriffen worden? Wenn wir die Ursachen dafür öffentlich machen, wird das einen ganz anderen Stellenwert haben als hausinterne Gutachten. Genau da sehe ich unsere Stärke im Lernprozess.

ZEIT: Aber was können Evaluationen bewirken?

Asche: Illusionen mache ich mir da nicht. Es wäre ein seltsames Politikverständnis, zu glauben, dass Regierungshandeln in erster Linie auf wissenschaftlicher Evidenz aufbaut.

"Ich will vermeiden, dass die Erwartungen an unser Institut zu hoch werden"

ZEIT: Das klingt sehr defensiv. Der neue Chef der Weltbank, Jim Yong Kim, sagt viel optimistischer: Evidenz ist unsere eigentliche Stärke, wenn wir etwas bewegen wollen!

Asche: Dem widerspreche ich nicht. Ich will nur vermeiden, dass die Erwartungen an unser Institut zu hoch werden. Politik reagiert in erster Linie auf ein komplexes Gefüge widerstreitender Interessen. Die Chance der Evaluierung ist es, in diesem Aushandlungsprozess die Grundlagen für rationale Entscheidungen zu verbessern.

ZEIT: Heute bestimmt das BMZ die Entwicklungspolitik nicht mehr allein. Auch das Auswärtige Amt oder Ressorts wie Umwelt, Landwirtschaft und Wissenschaft arbeiten in Entwicklungsländern. Müssten Sie deren Arbeit nicht auch begutachten?

Asche: Bislang konzentriert sich unser Mandat auf Maßnahmen, die aus dem Entwicklungsetat finanziert werden, und das müssen wir erst einmal stemmen. In der Sache liegt es nahe, sich auch um die Entwicklungsarbeit anderer Ministerien zu kümmern. Der Minister bietet unsere guten Dienste da gelegentlich auch schon an. Das wäre dann die Evaluierung der internationalen Zusammenarbeit schlechthin. Vielleicht heißen wir in zehn Jahren ja nur noch Deutsches Evaluierungsinstitut!

ZEIT: Dann müssten Sie aber auch die Bundesregierung zu Hause prüfen dürfen!

Asche: Die Südafrikaner haben im Präsidialamt schon ein eigenes Departement, das in aller Breite die Regierungstätigkeit begutachtet.

ZEIT: Offenbar fällt es uns anderswo leichter als im eigenen Land, das moderne Entwicklungsziel »gute Regierungsführung« zu fördern?

Asche: Ob wir in den Bundes- und Landesregierungen schon eine entsprechende Evaluierungskultur haben, kann man durchaus infrage stellen. Zum Entstehen dieser Kultur kann unser Institut seinen kleinen Beitrag leisten.