ZEIT: Wie wollen Sie die Wirkung unserer Hilfe denn nun bemessen?

Asche: Nehmen wir ein klassisches Wasserversorgungsprojekt: Da werden Brunnen gebohrt, Leitungen gelegt und Genossenschaften gefördert, die sich um die Instandhaltung kümmern. Durch den Vergleich mit einer Nachbarregion können wir feststellen: Hat der Geber etwas bewirkt? Mit so einer Kontrollgruppe hat man ein experimentelles Design – wie in den Testlaboren der Pharmaindustrie.

ZEIT: Nun ja, ob der Brunnen versandet ist oder die Leitungen nach fünf Jahren noch liegen, ließe sich doch mit bloßem Auge erfassen, oder?

Asche: Uns interessiert auch die soziale Wirkung: Können Mädchen und Frauen zur Schule gehen oder arbeiten, weil sie nicht mehr so viel Wasser schleppen müssen? Oder: Hat sich die Qualität des Wassers verbessert? Das passiert nämlich – Überraschung! – keineswegs immer. Wenn das Brunnenwasser in den Hütten mit Wasser aus anderen Quellen zusammengekippt wird und die Menschen mit schmutzigen Händen hineingreifen, dann sind wieder so viele Kolibakterien drin wie im nächstgelegenen Tümpel. Dann hat am Projektdesign ganz klar etwas gefehlt. Das zeigt eine Studie der BMZ-Evaluierer in Benin, und von solchen Erfahrungen wollen wir lernen.

ZEIT: Entwicklungspolitik fördert immer öfter ganze Regierungsprogramme. Da ist die Wirkung der Hilfe doch noch viel schwerer zu erfassen als bei Einzelprojekten.

Asche: Aber auch bei landesweiten Programmen können wir Wirkungsketten bemessen. In Ruanda wollen wir studieren, was dreißig Jahre deutsche Entwicklungshilfe im Gesundheitssektor gebracht haben. Unter anderem wurde dort ein Krankenversicherungssystem aufgebaut, das es sonst in Entwicklungsländern meist nur für Staatsbeamte oder in großen Unternehmen gibt. Es gilt international als erfolgreich, und theoretisch kann man die Tatsache nutzen, dass die Versicherung schrittweise eingeführt wurde. Aus den Bezirken, die später drangekommen sind, kann man die Kontrollgruppe bilden und schauen: Hat sich die Gesundheit der Menschen in den Pionierbezirken schneller verbessert?

ZEIT: Wie frei waren Sie bei der Auswahl dieses ersten Projekts? Es klingt so schön positiv, und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist Ihr Gründer und Gesellschafter.

Asche: Wir wollen nicht nur Misserfolge, sondern auch positive Erfahrungen evaluieren. Und wir reagieren auch auf Nachfrage – ob aus dem Bundesministerium, den Organisationen vor Ort oder dem Parlament. In Ruanda war es so: Deutschland zieht sich dort aus dem Gesundheitssektor zurück und konzentriert sich auf die Wirtschaftsförderung. Denn die Regierung in Kigali möchte, dass nicht mehr alle Geber alles machen. Daraufhin fragte das BMZ: Wenn wir die große Abschlussveranstaltung haben, welche Bilanz können wir ziehen? Das fanden wir spannend, auch im Blick auf Lehren für andere Länder.

ZEIT: Lohnt sich der Aufwand? Viele Gutachten der »Evaluierungsindustrie« bestätigen schlicht Bedenken, die es von Anfang an gab.

Asche: Auch das werden wir analysieren: Warum sind kritische Fragen politisch nicht aufgegriffen worden? Wenn wir die Ursachen dafür öffentlich machen, wird das einen ganz anderen Stellenwert haben als hausinterne Gutachten. Genau da sehe ich unsere Stärke im Lernprozess.

ZEIT: Aber was können Evaluationen bewirken?

Asche: Illusionen mache ich mir da nicht. Es wäre ein seltsames Politikverständnis, zu glauben, dass Regierungshandeln in erster Linie auf wissenschaftlicher Evidenz aufbaut.