Gleichzeitig hat Hisbollah das Regime von Assad nicht im befürchteten Maße militärisch unterstützt. Sie spekuliert offensichtlich auf einen Sieg Assads und hat sein Regime mit Kämpfern und Material beliefert. Doch wenn man bedenkt, wie eng Hisbollah, Syrien und der Iran miteinander verbunden sind, ist die Unterstützung überraschend gering ausgefallen. Es stünde zweifellos in der Macht der libanesischen Islamisten, aktiver Hilfe zu leisten. Dass sie es nicht tun, ist ein Anzeichen dafür, dass sie entschieden haben, Assad nicht bedingungslos zu unterstützen.

Sanktionen gegen Hisbollah würden diese relative Stabilität aus dem Gleichgewicht bringen und damit den demokratischen Bestrebungen der Libanesen und Syrer schaden. Hisbollah könnte sich hierdurch in der Zeit nach Assad in der eigenen Existenz gefährdet sehen. Diese Sorge könnte sie dazu bewegen, ihre militärische Macht doch noch stärker einzusetzen, um ihre eigene Position zu sichern. Das würde einen Dominoeffekt in Gang bringen: Ein militärisches Eingreifen von Hisbollah hätte zwangsläufig eine Reaktion der Sunniten zur Folge, die das Land in einen schweren Konflikt treiben könnte. Hisbollah wäre Siegerin dieses Konflikts und könnte ihren Einfluss im Land weiter verstärken. Für die schwache Demokratie im Libanon wäre das eine verheerende Entwicklung.

Nach den jüngst verschärften Sanktionen der US-Regierung jetzt weiteren internationalen Druck auf Hisbollah auszuüben kann dazu führen, dass das schiitische Bündnis zwischen Assad, Hisbollah und ihrem gemeinsamen Verbündeten, dem Iran, gestärkt wird, während die sunnitischen Golfstaaten und die Türkei sich für die syrische Oppositionsbewegung einsetzen. Wenn Hisbollah auf internationaler Ebene in die Enge getrieben würde, könnte sie sich genötigt fühlen, alles auf eine Karte zu setzen und eine Entscheidung – sowohl innenpolitisch als auch zur Unterstützung des Assad-Regimes – mit Gewalt herbeizuführen. Dies würde nicht nur Assad in die Hände spielen. Die Gewalt würde sich auch über die Grenzen Syriens hinaus ausweiten – mit verheerenden Konsequenzen für die gesamte südliche Nachbarschaft der Europäischen Union.

Die deutsche und europäische Position gegenüber Hisbollah hat für die gesamte Region weitreichende Auswirkungen. Zweifellos müssen die Islamisten für ihren internationalen Terrorismus und die Unterstützung für Assads brutales Vorgehen deutlich verurteilt werden. Und doch scheint die Lage der Region sie dazu zu bewegen, ihr Auftreten auf eine Weise zu mildern, die weder Assad maßgeblich stärkt noch das prekäre Gleichgewicht im Libanon zerstört.

Es gäbe gute Gründe, Sanktionen gegen Hisbollah einzuführen. Bessere gibt es jedoch, sich zumindest momentan dagegen zu entscheiden – es würde helfen, einen blutigen Konflikt nicht noch weiter eskalieren zu lassen.