NetzpolitikAusgeschwärmt

Das Internet sollte alles neu erfinden: Politik, Freundschaft, Demokratie, Medien. Was als Idee begann, wurde zur Ideologie. Die wird jetzt von der Wirklichkeit widerlegt. von  und

Eine Weile lang schien es, als müsse im Netzzeitalter eigentlich alles neu erfunden werden. Die Politik, das Recht, der Journalismus, die Demokratie, unser Begriff von Eigentum. Es schien, als würde das Internet die Gesellschaft von Grund auf revolutionieren, die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem aufheben, geografische Distanzen verschwinden lassen und die Kommunikation irrwitzig beschleunigen. Manche fantasierten schon, das Netz werde auch den Menschen umformen, ihn zum Cyborg machen, zu einem maschinenhaften Mischwesen.

Alles Alte, Hergebrachte, schien unwiederbringlich überholt. Die Piraten versprachen, dass die »flüssige Demokratie«, softwaregesteuert und bürgernah, den staubigen Parlamentarismus ersetzen würde. Julian Assange, der Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, versprach eine Welt ohne Geheimnisse und prophezeite, anonyme Enthüllungen würden den investigativen Journalismus ablösen. Und spontane Kampagnen im Netz, so dachten viele, sollten an die Stelle der mühsamen Kompromisssuche treten, wie sie in den westlichen Aushandlungsdemokratien üblich ist.

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In den vergangenen Jahren sah es so aus, als sei die Transparenz-Revolution über uns gekommen. Als laufe alles unweigerlich auf direkte Demokratie zu, auf ein unmittelbares Mitreden aller bei allen wichtigen Entscheidungen. Nerds und Hacker wurden zu Idolen einer Gesellschaft, die in ihnen die Wegbereiter für eine offenere, vermeintlich gerechtere Zukunft sahen. Sie eroberten die Titelseiten, trieben die etablierte Politik und die etablierten Medien in die Defensive. Die Begeisterung für die Internetrevolution überrollte Parlamente und Presse.

Aber vielleicht war all das nur eine optische Täuschung, hervorgerufen vom Tempo der Veränderung, vielleicht war das, was wir für eine Revolution hielten, kleiner, langsamer, schwerer zu lesen, als wir dachten.

Das Utopische und Überschießende, die Erlösungsfantasien, die mit dem Netz verbunden wurden (und werden) – sie haben sich jedenfalls einstweilen nicht erfüllt. Die Revolutionäre von WikiLeaks und der Piratenpartei haben sich selbst entzaubert, an die Stelle grenzenloser Euphorie ist Ernüchterung getreten. Die Welle ist gebrochen.

Ausgerechnet die Piraten, die mit Themen statt Köpfen Politik machen wollten, kommen aus dem Personalchaos nicht mehr heraus: Gerade erst haben wieder zwei Mitglieder aus dem Vorstand ihren Rücktritt angekündigt: Julia Schramm, die von Parteimitgliedern als »geldgeile Hure« diffamiert worden ist, nachdem ihr Verlag Urheberrechtsverletzungen ihres Bestsellers abgemahnt hatte; ein Sündenfall wider das Parteidogma der freien Nutzung geistigen Eigentums, zu dem sich auch Schramm stets bekannt hatte. Und Matthias Schrade warf hin, weil er die Zusammenarbeit mit dem exzentrischen politischen Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader, nicht mehr ertragen konnte. In Umfragen ist die Partei unter fünf Prozent gerutscht, und ob sie 2013 in den Bundestag kommen wird, ist einstweilen völlig offen.

Auch die globale Internetikone Julian Assange hat viele seiner treuesten Anhänger enttäuscht. Heute sitzt er isoliert in der ecuadorianischen Botschaft in London, verfolgt von britischen Polizisten und schwedischen Staatsanwälten wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts. Der Mann, der es mit den Mächtigen der Erde aufnehmen wollte, kuschelt mit Diktatoren wie Russlands Staatspräsident Putin und Ecuadors Raffael Correa; er ist heute kaum mehr als ein narzisstischer B-Promi, der Verschwörungstheorien bewirtschaftet.

Wie hängen die beiden Phänomene zusammen? Da ist zunächst der rasend schnelle Aufstieg und der jähe Absturz. Das Netz ist ein hysterisches Medium, es neigt zu heftigsten Ausschlägen: Riesenhaftigkeit und Verzwergung liegen nur ein paar Klicks auseinander. Phänomene, die eben noch gigantisch wirkten, können morgen verschwinden; was heute alle Welt fesselt, ist im nächsten Moment nichtig. Wohin die langen Linien weisen, ist fast unmöglich zu sagen.

Aber hinter dem Hype liegt etwas anderes, Wichtigeres. Beide Vorgänge, die Entzauberung Assanges und die Selbstdemontage der Piraten, zeigen, dass es ein Irrtum war, die neuesten Entwicklungen einfach hochzurechnen und umstandslos in die Zukunft zu verlängern. Die Umbrüche, die das Netz vorantreibt, sind schnell, aber sie müssen nicht von Dauer sein. Sie sind technologisch faszinierend, aber sie müssen deshalb dem Traditionellen nicht notwendig überlegen sein. Sie markieren Defizite des Bestehenden, aber sie müssen es deshalb nicht unbedingt ablösen. Man könnte auch sagen: Es war falsch, aus dem Neuen eine Ideologie zu machen.

Eine Weile lang schien es, als bestimme das Internet die Politik und nicht mehr andersherum. Immer wieder trieb die Netzlobby die etablierten Parteien mit fantasievollen, polemischen Kampagnen vor sich her. Die Annahme war, dass sie vom Internet ja viel mehr verstünde als herkömmliche Politiker, die von Internetregulierung lieber ihre Finger lassen sollten.

Leserkommentare
  1. Ihr Artikel bringt auf den Punkt, was irgendwie ja auch klar war: Nach dem großen Aufbruch folgt Katzenjammer. Jetzt ist Zeit für Sammlung und Konsolidierung der Konzepte. Nur dir alte Welt mit der schwerfälligen Demokratie oder nur das Netz mit seinem Mief der Server-Räume sind sicher nicht die Optionen.

  2. "Jeder Mensch auf der Welt wird sich unmittelbar am politischen Diskurs beteiligen können, wann immer er will: mal oberflächlich, mal intensiv, mal sporadisch, mal dauerhaft, und zwar durchaus mit Aussicht auf Erfolg. Das verändert den politische Diskurs komplett."

    Genau hierzu haben ich und ein paar Kommilitonen uns Gedanken gemacht & freuen uns sehr Ihre Meinung zu erfahren:
    http://dms.simontour.info...

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