Am Tag, als Etgar Keret nach Warschau aufbricht, in die Stadt, in der seine Großeltern umgebracht wurden, sitzt seine Mutter Orna in ihrer Küche am Rande von Tel Aviv und sagt: »Ich kann nichts erzählen. Ich werde sonst verrückt. Ich lande in der Klapsmühle. Oder ich bringe mich um.« Viele ihrer Freunde nahmen sich das Leben. »Nein, nein, das ist hier fest verschlossen«, sagt sie und klopft sich auf die Brust. »Das ist ein Reißverschluss. Wenn er nur ein bisschen aufgeht, dann zerlegt es mich.«

Orna Keret spricht Polnisch, melodisch und ohne Akzent. Sie hat es als Mädchen gelernt und konserviert; nach dem Krieg ging sie nach Israel, in Polen war sie nie wieder. Aber als sie sich an die Gerüche ihrer Kindheit erinnert, fallen ihr mühelos die Worte ein. »Der Duft von Maiglöckchen«, sagt sie. »Und Vergissmeinnicht! Hier wachsen sie nicht. Ich vermisse sie.« Sie redet und schweigt und redet, und mit jedem Satz tastet sie sich näher an die Grenzen des Warschauer Ghettos.

»Chłodna-Straße? Natürlich kenne ich die!« Sie zählt die Straßen auf, in denen sie als Kind im Ghetto umherlief, eine nach der anderen. Sie schweigt. Dann sagt sie: »Ich bin die Einzige, die überlebt hat. Ich musste meinem Vater versprechen, dass ich die nächste Generation gründe und unser Name am Leben bleibt.« Stille. »Zehn Schwangerschaften hatte ich zu ertragen, sieben Kinder verloren, drei geboren. Ich habe mein Versprechen gehalten.«

Nun reist ihr jüngster Sohn Etgar nach Warschau, wo ihre Familie vor 72 Jahren fast ausgelöscht wurde und wo sich heute seine Kurzgeschichten so gut verkaufen wie nirgendwo sonst außerhalb von Israel. Die Polen lieben seine schwarzen Erzählungen. Vielleicht, weil er nie moralisiert; seine Helden sind Kinder, Frauen und Männer, deren Leben einen absurden Dreh haben, den Keret so beiläufig erzählt, als sei die Welt eben so: verrückt und verdreht. Wie in der Geschichte von dem Jungen, der als Erwachsener den Figuren seiner Lügengeschichten begegnet und sich vor ihnen rechtfertigen muss, warum er ihnen all den Mist angedichtet hat.

Es ist nicht Kerets erster Besuch in Warschau, aber für seine Mutter ist es der wichtigste: Ein Haus soll eingeweiht und nach ihm benannt werden. Es steht an der Chłodna, Ecke Żelazna, dort, wo eine Brücke das kleine mit dem großen Ghetto verband. Als Kind schlich sich die Mutter hier aus dem Ghetto und schmuggelte Essen für die Familie. Nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der ein SS-Mann wahllos auf Juden schoss, wird nun ein Ort nach ihrer Familie benannt. Das Haus, in dem Orna Keret einst lebte, gibt es nicht mehr; wo es stand, ist jetzt ein Park. »Ich habe nicht einmal Gräber, an die ich gehen könnte«, sagt sie.

Etgar Keret sitzt die ganze Zeit neben seiner Mutter und hört ihr zu, doch nun spürt er diese Müdigkeit hochkriechen, die immer kommt, wenn sie von diesen Zeiten spricht. Als stemme sich sein Körper gegen diese Geschichten. Er steht auf, drückt ihr einen Kuss auf den Nacken und geht.

Stunden später wuchtet er am Ben-Gurion-Flughafen seinen Koffer auf das Gepäckband.

Etgar, 18 Kilo? Für fünf Tage?

»Das ist fürs Haus! Meine Bücher und die Familienfotos, die meine Mutter mir rausgesucht hat.« Auf einem Foto ist seine Mutter als Kind auf einem Pferd in Warschau zu sehen; ein anderes zeigt seinen Vater kurz vor seinem Tod im letzten Winter. »Ich will, dass es dort ein bisschen bewohnt aussieht.«

Das Haus, das der polnischen Stiftung für zeitgenössische Kunst gehört und in dem Künstler leben sollen, könnte aus einer seiner Kurzgeschichten stammen: Es ist aufdringlich. Es hat sich einen winzigen Platz zwischen zwei Häusern erkämpft, wo eigentlich nichts hingehört. Es ist nicht sehr breit. 92 Zentimeter misst es an der engsten, 152 an der breitesten Stelle. Insgesamt 14 Quadratmeter. Zwei Ebenen. Dem Warschauer Architekten Jakub Szczęsny kam die Idee dazu, als er vor einigen Jahren diese Lücke entdeckte. Dann fielen ihm Kerets Geschichten ein. Er reiste nach Tel Aviv, um den Autor davon zu überzeugen, dass er der Herr dieses Hauses sein muss. Es passt einfach zu ihm.

Es könnte der Ort sein, an dem der Junge aus einer seiner Erzählungen wohnt, dessen Eltern immer kleiner werden, je größer er wird. Bis er schließlich sein Wachstum stoppt, damit sie nicht ganz verschwinden, und fortan Vater und Mutter in seiner Hemdtasche trägt. Dieses Haus, es passt ebenso gut zu einem Mann Mitte 40, der sich freut, weil er seine Familie symbolisch dorthin zurückbeamt, wo sie vernichtet wurde. Doch dieser Ort ist nicht prachtvoll oder andächtig, er ist: schmal. Das schmalste Haus der Welt. Und vielleicht spürt dieser Mann mehr Unbehagen über das, was mit ihm geschieht, als er sich eingestehen kann. Etgar Keret weiß, dass es in dem Haus eng ist. Er soll darin nicht leben, aber es bewohnen, symbolisch. Er fürchtet, dass es dunkel sein wird; dass es einem die Brust zuschnüren könnte, weil es sich so klaustrophobisch anfühlt wie die Verstecke, in die sich seine Eltern gerettet haben. Er reißt einen Witz nach dem anderen. Sie beruhigen ihn.

Jetzt steht Etgar Keret zum ersten Mal vor diesem Ding, das er bislang nur als Entwurf kannte. Es hat ein sichtbares Skelett aus Metall, das an ein Baugerüst erinnert. Bedeckt ist es von Wänden aus plastikähnlichem Material, als hätte jemand Mehrwegflaschen verarbeitet. Keret klappt die Falltür nach innen. Sie sieht aus wie der Eingang zu einem Versteck. Dann steht er in der Mitte der ersten Ebene, gute zehn Schritte lang. Da sind: ein Klo und eine Dusche von der Größe einer Flugzeugtoilette, daneben ein Herd und ein Tisch mit zwei festgeschraubten Stühlen. Gegenüber: ein Sitzsack.