Er hat alles durchgemacht, er war Nierenspender, seine Frau Empfängerin, als Politiker entschied er mit über die großen Weichenstellungen beim Thema Organspende: Frank-Walter Steinmeier. Natürlich trifft der Hamburger Musiker Flo Bauer auf seiner Reise zu Spendern und Empfängern auch den SPD-Politiker. Steinmeier erzählt, dass die Organspende seine Frau als Empfängerin der Niere viel mehr Überwindung gekostet habe als ihn als Spender. Und er ärgert sich darüber, dass fast jeder über die »Verfehlungen von Ärzten in Regensburg und Göttingen« redet, aber niemand mehr über die Reform des Gesetzes.

Knapp zehn Minuten dauert das Video, schnell geschnitten am Anfang und am Ende, ruhig und gehaltvoll beim Gespräch in der Mitte. Regelmäßig werden Filme von solchen Begegnungen ins Netz gestellt. Sie gehören zu der Aktion »Von Mensch zu Mensch«, mit der die Techniker Krankenkasse (TK) für die Organspende wirbt. Durch den Musiker Flo Bauer hofft man, neue Interessierte für das Thema zu gewinnen. »Wer keine Meinung hat, lässt später andere für sich entscheiden. Das ist eigentlich auch keine Lösung«, sagt der Hip-Hopper.

Die TK ist früh dran mit ihrer Kampagne. Eigentlich sind die Krankenkassen laut Gesetz erst ab dem 1. November verpflichtet, ihre Mitglieder über Organspenden zu informieren und von ihnen eine Entscheidung zu erbitten. Und die meisten Versicherer würden sich damit am liebsten noch sehr viel Zeit lassen. Denn die geforderte Initiative kommt zur Unzeit: Wer heute an Organspende denkt, dem fallen zuallererst die jüngsten Transplantationsskandale ein. Für alle, die Menschen in diesen Tagen überzeugen wollen, sich einen Organspendeausweis zuzulegen, sind die Vorfälle wie ein Messer in den Rücken. Außer der TK verhalten sich die meisten Krankenkassen daher erst einmal zurückhaltend. Sie sind ratlos, wie sie den Skandalen begegnen sollen, und fürchten, dass in der jetzigen Situation viele eher mit Nein als mit Ja antworten. Oder dass der Brief ungelesen in den Müll wandert, so wie die meiste Post von der Krankenkasse.

Ein Jahr haben die Kassen Zeit, ihre Mitglieder zu informieren. Doch bei der einmaligen Kampagne bleibt es nicht. Laut Vorschrift müssen die Krankenkassen ihre Aufklärung zum Thema Organspende alle zwei Jahre wiederholen; wenn die Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sind, reicht ein Intervall von fünf Jahren. Jeder Versicherte ab 16 Jahren erhält in den nächsten Monaten also Post. In den meisten Fällen wird darin wohl die Information der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu finden sein.

An eine konzertierte Aktion ist laut Bundesverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen jedoch nicht gedacht – auch dafür fehlt es offenbar an Begeisterung. Stattdessen übt sich jede Kasse im eigenen Klein-Klein, die AOK etwa schaltet eine Online-Entscheidungshilfe, andere Kassen begnügen sich mit nüchternen Anschreiben.

Wie ein Anschreiben anmuten könnte, lässt sich bei Christine Richter vom BKK Bundesverband einsehen. Sie hat den Betriebskrankenkassen einen Musterbrief vorformuliert. »Per Gesetz sind die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, ihre Versicherten zu Organspenden zu informieren«, so beginnt das Anschreiben. Enthusiasmus für die Sache klingt anders. Schon der zweite Satz betont die Freiwilligkeit: »Ob Sie sich dafür oder dagegen entscheiden, ist Ihre höchst persönliche Angelegenheit.«

Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), würde sich emotionalere Botschaften wünschen. »Wer einmal ein Kind gesehen hat, das dank einer Herztransplantation weiterlebt, kann eigentlich nicht gegen die Organspende sein«, sagt er. Doch bei der BKK setzt man eher auf neutrale Formulierungen. »Im Grunde bitten wir die Versicherten, sich vorzustellen, dass sie überraschend sterben könnten, und dafür entsprechende Vorbereitungen zu treffen«, sagt Christine Richter. Da müsse man sensibel vorgehen. Nicht die Mitmenschlichkeit der Spende ist das Hauptmotiv des Briefes, sondern die Entlastung der Angehörigen. »Im Fall eines Hirntods werden die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des Sterbenden befragt. Deshalb sollte man zu Lebzeiten seine eigene Entscheidung treffen«, heißt es weiter im Brief. Die Hinterbliebenen in einer Notsituation nicht alleinzulassen – das ist das Hauptargument des Schreibens, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen. Immerhin, ganz am Ende tut die BKK doch noch ihre Meinung kund: »Wir würden uns freuen, wenn Sie sich ›fürs Leben‹ entscheiden.«

Der Organspende-Skandal wird in den Kampagnen nicht erwähnt

Der Skandal? Die Vorfälle in den Kliniken in Regensburg und Göttingen? Dass manche Ärzte jahrelang Patienten bevorzugt haben und andere deshalb womöglich gestorben sind, die unter anderen Umständen ein Organ bekommen hätten? Das alles wird nicht erwähnt. Die Krankenkassen haben zwar ihre Positionen. Die Techniker Krankenkasse fordert als Konsequenzen aus dem Skandal unter anderem weniger Transplantationszentren und eine bessere Kontrolle der Vergabe. In der Informationskampagne finden diese Argumente aber keinen Platz.

»Was sollten wir dazu auch schreiben?«, fragt Christine Richter von der BKK. »Es kam ja nicht beim Spenden der Organe zu Problemen. Die skandalösen Vorkommnisse hatten allesamt mit der Verteilung zu tun.« Man vertraue einfach darauf, dass die Menschen intelligent genug seien, wegen der einzelnen Skandale nicht gleich das ganze Prinzip infrage zu stellen.

Inwiefern Informationskampagnen die Spendenbereitschaft überhaupt befördern, ist umstritten. Folgt man Axel Rahmel, dem Medizinischen Direktor von Eurotransplant, so ist ihr Effekt allenfalls vorübergehend positiv. »Der Einfluss auf die Zustimmungsraten und die Zahl der Transplantationen ist begrenzt, wenn überhaupt messbar«, schreibt er in einem Überblicksartikel der Zeitschrift Transplant International über die weltweiten Erfahrungen mit diesem Werkzeug. Regelmäßige Schulungen der Ärzte und des Pflegepersonals seien deutlich effektiver.

Die Niederlande haben sogar negative Erfahrungen mit einer Kampagne gemacht, wie sie jetzt hierzulande geplant ist. Dort hat man vor rund zehn Jahren ein Spenderegister eingeführt und mit großem PR-Aufwand alle Bürger aufgefordert, sich einzutragen. Viele Holländer taten es, noch mehr aber taten es nicht. Der Effekt in Gesprächen mit Hinterbliebenen war fatal. Viele Angehörige verweigerten die Zustimmung zur Organspende mit der Begründung, ihr Verwandter sei ja explizit gefragt worden und habe keine Zusage gegeben. Nachträglich wollten sie diese darum nicht erteilen. Die Gefahr, dass Ähnliches in Deutschland passiere, sei »nicht von der Hand zu weisen«, sagt DSO-Chef Kirste. Auch hier müssen die von den Kassen Angeschriebenen nicht Ja oder Nein zur Organspende sagen, sie müssen nicht einmal antworten.

Die TK lässt sich von solchen Bedenken nicht bremsen. YouTube, Facebook, Twitter, die Kasse nutzt alle Kanäle, um die Botschaft zu übermitteln. Warum? Natürlich bedeuten mehr Organspender neben dem hehren Ziel, Leben zu retten oder zu verbessern, auch eine Kostensenkung. Eine Nierentransplantation sei um ein Vielfaches preiswerter als ein Patient mit einer geschädigten Niere, der jahrelang an der Dialyse hänge, sagt Björn Nashan, Professor für Transplantationsmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf.

Vielleicht gibt es jedoch einen anderen, ganz persönlichen Grund für das Engagement: Ein ehemaliger Vorstand der Kasse ist selbst lebertransplantiert.