Der Skandal? Die Vorfälle in den Kliniken in Regensburg und Göttingen? Dass manche Ärzte jahrelang Patienten bevorzugt haben und andere deshalb womöglich gestorben sind, die unter anderen Umständen ein Organ bekommen hätten? Das alles wird nicht erwähnt. Die Krankenkassen haben zwar ihre Positionen. Die Techniker Krankenkasse fordert als Konsequenzen aus dem Skandal unter anderem weniger Transplantationszentren und eine bessere Kontrolle der Vergabe. In der Informationskampagne finden diese Argumente aber keinen Platz.

»Was sollten wir dazu auch schreiben?«, fragt Christine Richter von der BKK. »Es kam ja nicht beim Spenden der Organe zu Problemen. Die skandalösen Vorkommnisse hatten allesamt mit der Verteilung zu tun.« Man vertraue einfach darauf, dass die Menschen intelligent genug seien, wegen der einzelnen Skandale nicht gleich das ganze Prinzip infrage zu stellen.

Inwiefern Informationskampagnen die Spendenbereitschaft überhaupt befördern, ist umstritten. Folgt man Axel Rahmel, dem Medizinischen Direktor von Eurotransplant, so ist ihr Effekt allenfalls vorübergehend positiv. »Der Einfluss auf die Zustimmungsraten und die Zahl der Transplantationen ist begrenzt, wenn überhaupt messbar«, schreibt er in einem Überblicksartikel der Zeitschrift Transplant International über die weltweiten Erfahrungen mit diesem Werkzeug. Regelmäßige Schulungen der Ärzte und des Pflegepersonals seien deutlich effektiver.

Die Niederlande haben sogar negative Erfahrungen mit einer Kampagne gemacht, wie sie jetzt hierzulande geplant ist. Dort hat man vor rund zehn Jahren ein Spenderegister eingeführt und mit großem PR-Aufwand alle Bürger aufgefordert, sich einzutragen. Viele Holländer taten es, noch mehr aber taten es nicht. Der Effekt in Gesprächen mit Hinterbliebenen war fatal. Viele Angehörige verweigerten die Zustimmung zur Organspende mit der Begründung, ihr Verwandter sei ja explizit gefragt worden und habe keine Zusage gegeben. Nachträglich wollten sie diese darum nicht erteilen. Die Gefahr, dass Ähnliches in Deutschland passiere, sei »nicht von der Hand zu weisen«, sagt DSO-Chef Kirste. Auch hier müssen die von den Kassen Angeschriebenen nicht Ja oder Nein zur Organspende sagen, sie müssen nicht einmal antworten.

Die TK lässt sich von solchen Bedenken nicht bremsen. YouTube, Facebook, Twitter, die Kasse nutzt alle Kanäle, um die Botschaft zu übermitteln. Warum? Natürlich bedeuten mehr Organspender neben dem hehren Ziel, Leben zu retten oder zu verbessern, auch eine Kostensenkung. Eine Nierentransplantation sei um ein Vielfaches preiswerter als ein Patient mit einer geschädigten Niere, der jahrelang an der Dialyse hänge, sagt Björn Nashan, Professor für Transplantationsmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf.

Vielleicht gibt es jedoch einen anderen, ganz persönlichen Grund für das Engagement: Ein ehemaliger Vorstand der Kasse ist selbst lebertransplantiert.