AufklärungskampagneStreit um die Kampagne

Ob YouTube, Facebook oder Brief: Auf allen Kanälen werben die Krankenkassen um Organspender. Doch vor dem Hintergrund der jüngsten Skandale könnte die Aktion ein Fehlschlag werden. von 

Er hat alles durchgemacht, er war Nierenspender, seine Frau Empfängerin, als Politiker entschied er mit über die großen Weichenstellungen beim Thema Organspende: Frank-Walter Steinmeier. Natürlich trifft der Hamburger Musiker Flo Bauer auf seiner Reise zu Spendern und Empfängern auch den SPD-Politiker. Steinmeier erzählt, dass die Organspende seine Frau als Empfängerin der Niere viel mehr Überwindung gekostet habe als ihn als Spender. Und er ärgert sich darüber, dass fast jeder über die »Verfehlungen von Ärzten in Regensburg und Göttingen« redet, aber niemand mehr über die Reform des Gesetzes.

Knapp zehn Minuten dauert das Video, schnell geschnitten am Anfang und am Ende, ruhig und gehaltvoll beim Gespräch in der Mitte. Regelmäßig werden Filme von solchen Begegnungen ins Netz gestellt. Sie gehören zu der Aktion »Von Mensch zu Mensch«, mit der die Techniker Krankenkasse (TK) für die Organspende wirbt. Durch den Musiker Flo Bauer hofft man, neue Interessierte für das Thema zu gewinnen. »Wer keine Meinung hat, lässt später andere für sich entscheiden. Das ist eigentlich auch keine Lösung«, sagt der Hip-Hopper.

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Die TK ist früh dran mit ihrer Kampagne. Eigentlich sind die Krankenkassen laut Gesetz erst ab dem 1. November verpflichtet, ihre Mitglieder über Organspenden zu informieren und von ihnen eine Entscheidung zu erbitten. Und die meisten Versicherer würden sich damit am liebsten noch sehr viel Zeit lassen. Denn die geforderte Initiative kommt zur Unzeit: Wer heute an Organspende denkt, dem fallen zuallererst die jüngsten Transplantationsskandale ein. Für alle, die Menschen in diesen Tagen überzeugen wollen, sich einen Organspendeausweis zuzulegen, sind die Vorfälle wie ein Messer in den Rücken. Außer der TK verhalten sich die meisten Krankenkassen daher erst einmal zurückhaltend. Sie sind ratlos, wie sie den Skandalen begegnen sollen, und fürchten, dass in der jetzigen Situation viele eher mit Nein als mit Ja antworten. Oder dass der Brief ungelesen in den Müll wandert, so wie die meiste Post von der Krankenkasse.

Ein Jahr haben die Kassen Zeit, ihre Mitglieder zu informieren. Doch bei der einmaligen Kampagne bleibt es nicht. Laut Vorschrift müssen die Krankenkassen ihre Aufklärung zum Thema Organspende alle zwei Jahre wiederholen; wenn die Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sind, reicht ein Intervall von fünf Jahren. Jeder Versicherte ab 16 Jahren erhält in den nächsten Monaten also Post. In den meisten Fällen wird darin wohl die Information der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu finden sein.

An eine konzertierte Aktion ist laut Bundesverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen jedoch nicht gedacht – auch dafür fehlt es offenbar an Begeisterung. Stattdessen übt sich jede Kasse im eigenen Klein-Klein, die AOK etwa schaltet eine Online-Entscheidungshilfe, andere Kassen begnügen sich mit nüchternen Anschreiben.

Wie ein Anschreiben anmuten könnte, lässt sich bei Christine Richter vom BKK Bundesverband einsehen. Sie hat den Betriebskrankenkassen einen Musterbrief vorformuliert. »Per Gesetz sind die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, ihre Versicherten zu Organspenden zu informieren«, so beginnt das Anschreiben. Enthusiasmus für die Sache klingt anders. Schon der zweite Satz betont die Freiwilligkeit: »Ob Sie sich dafür oder dagegen entscheiden, ist Ihre höchst persönliche Angelegenheit.«

Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), würde sich emotionalere Botschaften wünschen. »Wer einmal ein Kind gesehen hat, das dank einer Herztransplantation weiterlebt, kann eigentlich nicht gegen die Organspende sein«, sagt er. Doch bei der BKK setzt man eher auf neutrale Formulierungen. »Im Grunde bitten wir die Versicherten, sich vorzustellen, dass sie überraschend sterben könnten, und dafür entsprechende Vorbereitungen zu treffen«, sagt Christine Richter. Da müsse man sensibel vorgehen. Nicht die Mitmenschlichkeit der Spende ist das Hauptmotiv des Briefes, sondern die Entlastung der Angehörigen. »Im Fall eines Hirntods werden die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des Sterbenden befragt. Deshalb sollte man zu Lebzeiten seine eigene Entscheidung treffen«, heißt es weiter im Brief. Die Hinterbliebenen in einer Notsituation nicht alleinzulassen – das ist das Hauptargument des Schreibens, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen. Immerhin, ganz am Ende tut die BKK doch noch ihre Meinung kund: »Wir würden uns freuen, wenn Sie sich ›fürs Leben‹ entscheiden.«

Leserkommentare
  1. Die mediale Berichterstattung ist aber auch fragwürdig.

    Es wird ständig nur negativ berichtet. Von Fällen, in denen z. B. Kinder durch eine Organspende gerettet werden und ihr Leben noch leben dürfen, oder eine Mutter die weiterleben darf und ihre Kinder unendlich dankbar dafür sind, dass es Mama noch gibt.

    Meistens lese ich Berichte nach dem Motto: "Wenn du den Ausweis unterzeichnest, dann nehmen sie dich aus wie ein Schlachtschwein während du noch atmest und Musik hörst."

    Meines Erachtens nach sind auch die Medien an diesem Desaster mitschuldig.

    Und zur Organspende soll jeder stehen wie er sich eben entscheidet: Hier aber per Kommentaren allen Menschen einreden zu wollen: "Das ist gut" oder "Das ist schlecht" ist doch überflüssig. Es soll sich jeder SEINE EIGENEN Gedanken dazu machen (und sich richtig inrofmieren, nicht nur über ZEIT-Artikel). Wenn man nicht die gleiche Meinung hat: Wo ist das Problem? Der eine lässt es, der andere nicht. Toleranz? Hallo, wo bist du?

    • zimra
    • 08. November 2012 12:01 Uhr

    sondern nur Hirntod. Sie können immer noch Schmerzen empfinden, aber nicht mehr dagegen protestieren.
    Es geht also voll über Ihren Arsch und nicht daran vorbei,
    um es mit Ihren Worten zu formulieren.
    Genau das ist heute Stand der üblichen Praxis.

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    es gibt einen Unterschied zwischen (dem) Tod und tot (sein) - der Hirntod und für hirntot erklärt werden

    und mich würde interessieren wo fundierte Erkenntnisse über das vorhandene oder nicht vorhandene Schmerzempfinden von für hirntot erklärte Menschen zu finden sind, da Sie es ansprechen (ich kenne mich in dem Metier nicht aus)

    • TddK
    • 08. November 2012 12:18 Uhr

    Nicht mal über meine Leiche kriegen die meine Organe!

  2. bravo genau so seh ich das auch, die Organentnahme bei hirntoten ohne Betäubung ist würde los uns schmerzhaft.Sind die Hirntoten etwa doch nicht tot?

  3. es gibt einen Unterschied zwischen (dem) Tod und tot (sein) - der Hirntod und für hirntot erklärt werden

    und mich würde interessieren wo fundierte Erkenntnisse über das vorhandene oder nicht vorhandene Schmerzempfinden von für hirntot erklärte Menschen zu finden sind, da Sie es ansprechen (ich kenne mich in dem Metier nicht aus)

  4. Ich bin selbst Organspenderin, und habe meinen Vater frueh verloren, weil sich kein geeigneter Organspender gefunden hat, aber ehrlichgesagt finde ich es abstossend, wie "Leben retten" oft als Wert an sich ins Feld gefuehrt wird. Es geht nie darum, ein Leben zu retten, denn wir werden alle frueher oder spaeter sterben. Punkt. Zudem geht es im Falle der Angehoerigen, die auf ein Spenderorgan fuer einen geliebten Menschen warten haeufig darum, dass sie selbst den Abschiedsschmerz noch nicht erleben wollen (denn derjenige, der stirbt, spuert ja nicht mehr, dass er tot ist). Die meisten Transplantierten benoetigen nach ein paar Jahren ein weiteres Spenderorgan - es geht also jeweils immer nur um ein paar gewonnene Jahre oder sogar Monate - nicht um "ein gerettetes Leben". Natuerlich ist diese gewonnene Zeit wertvoll, sie rechtfertigt es aber nicht, dass die Angehoerigen des Sterbenden terrorisiert werden oder dass sie sich schuldig fuehlen muessen, wenn sie den Koerper des Menschen, von dem sie sich selbst gerade unter Schmerzen verabschieden, nicht "freigeben". Niemand hat ein Anrecht auf die Organe eines anderen.

    Antwort auf "Gefällt mir nicht"
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    Niemand hat einen Anspruch auf irgendwas. Meine Mutter hat auch keinen Anspruch auf ihr Weihnachtsgeschenk, sie bekommt dennoch eines.

    Ihre Erfahrungen tun mir natürlich Leid, niemand möchte jemandem, insbesonder einem nahestehenden Menschen, beim Sterben zusehen.

    Dennoch gibt es genügend Fälle, in denen beispielsweise Kindern Organe gespendet werden, die dann weiterleben. Und das soll in Ihren Augen nichts wert sein??????????????????????????

    Jedes Leben ist etwas wert, ob man nun abfährt auf Organspende oder nicht. Aber pauschal zu behaupten, es würde nicht ums Leben gehen ist zynisch. Da kann man ja gleich jedem, der auf ein Organ wartet dazu raten Sterbehilfe zu verlangen.

    • Afa81
    • 08. November 2012 22:11 Uhr

    ...niemand hat das Recht auf ein Organ eines anderen. Es hat auch niemand das Recht auf meine Zigaretten, trotzdem gebe ich gerne mal eine.

    Und wenn Sie das Wort "Retten" so definieren, dann gibt es nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik das Wort "Retten" garnicht - alles zerfällt irgendwann mal - nichts ist ewig.

    Organspenden sollte man nicht nur auf 90+ beschränken. Es gibt auch Menschen mit kranken Herzen, denen eine Organspende durchaus ein etwas unkomplizierteres Leben bieten kann. Denn es hat auch niemand das Recht, gesund zur Welt zu kommen (was das Recht auf ein Organ auch wieder etwas anders aussehen lassen kann).

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