Als Sandy Wygand erstmals Ärger wegen ihres Namens bekam, stand sie als Zeugin vor Gericht. Es war in Bonn , die Wiedervereinigung lag erst ein paar Jahre zurück, und der Vorsitzende Richter fragte Wygand schon zum zweiten Mal, wie sie denn heiße. Nicht den Künstlernamen wolle er hören! Nicht den Spitznamen. Den richtigen Vornamen , bitte! Den, der im Pass stehe. Und Sandy, sagte der Richter, stehe da sicher nicht. So heiße man nicht in diesem Land.

Sandy heißt wirklich so, aber sie kam auch nicht aus diesem Land, sondern aus der DDR, und dort hatten vor allem in den siebziger Jahren Tausende Eltern ihren Kindern Namen gegeben wie Mandy oder Robby, Jacqueline oder Kevin.

Sandy Wygand ärgerte sich darüber, dass der Richter sie so vorführte. Dass er sie für unfähig hielt, ihren korrekten Namen zu nennen – immerhin studierte sie Soziologie, Psychologie und Jura. Sie war von Schwedt an der Oder ins Rheinland gezogen, und dort merkte sie, dass ihr Name wie ein Outing war: »Als Sandy konnte man offenbar keine Westdeutsche sein.«

Made in GDR

Kürzlich wunderte sich Harald Schmidt über den neuen Freund von Ex-Fußballerfrau Simone Ballack. Maik heiße der: M-A-I-K. Wohl einer von drüben, mutmaßte Schmidt.

Wygands Kommilitonen in Bonn stellten die üblichen Fragen: Wie war das in der DDR? Musstet ihr wirklich für alles anstehen? Eigentlich wollten alle wissen: Wie war das richtige Leben im falschen Staat? Nun muss die Frage an Wygand lauten: Gibt es ein richtiges Leben mit dem falschen Namen?

Heute stehen Namen wie Sandy, Peggy oder Ronny nicht gerade für den großen Erfolg, im Gegenteil. Vielleicht waren sie einmal gemeint als Demonstration herbeigesehnter Weltläufigkeit, inzwischen sind sie für viele zu einem Stigma geworden: made in GDR.

Nur wird dieses Image der Wirklichkeit vieler Menschen nicht gerecht. Sandy Wygand zum Beispiel jobbte im Bundestag, wurde Büroleiterin einer Abgeordneten, und als sie darauf keine Lust mehr hatte, ließ sie sich in Berlin vom Bund Deutscher Kriminalbeamter als Bundesgeschäftsführerin engagieren. Sie hat Karriere gemacht und Beispiele wie das ihre gibt es viele. Ein Arzt in Thüringen heißt Robby, ein Rechtsanwalt in Sachsen-Anhalt Randy und eine Professorin in Mecklenburg-Vorpommern Mandy.

»Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose«

Allein an der Universität Leipzig waren schon 380 Peggys, 217 Ronnys und 379 Mandys immatrikuliert. »Unsere Statistiken beweisen, dass es viele Akademiker gibt, die solche stereotypen Vornamen tragen«, sagt Gabriele Rodriguez. Die Leipziger Sprachwissenschaftlerin erklärt werdenden Eltern, wie sie ihre Kinder benennen dürfen, und sie erforscht Namenstrends. Ihr aktueller Datenschatz besteht aus 628.588 Einträgen – die Namen eines Großteils der bisher immatrikulierten Studenten an der Universität, auch deren Studiengang, Geburtsort und Alter. Rodriguez kann so nachweisen, dass mancher Kevin heute – mitunter promovierter – Chemiker ist, Theologe oder Germanist.

Diese Menschen können nicht nur erzählen, wie Vornamen einem das Leben erschweren, sondern auch, wie man mit seiner Identität umgeht – als Ostdeutscher. Welche Rolle spielt es heute noch für die Karriere, in den neuen Ländern groß geworden zu sein? Die Mandys, Ronnys und Nancys können diese Fragen beantworten, weil schon ihre Namen Offenbarungen sind, weil man nur hören muss, wie sie heißen, um zu ahnen, woher sie kommen. Also: Schadet es der Karriere, ein Ostdeutscher zu sein?

Ein Gespräch mit Denny Jahn. Er ist Schulleiter eines Thüringer Gymnasiums, ein junger Typ mit kantiger Brille, der moderne Lehrmethoden liebt. Bei ihm dürfen die Schüler den Unterricht benoten. Jahn hat an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena studiert, Geschichte und Geografie. Sein Vorname schien ihm »ziemlich unpassend«, sagt er. »›Denny‹ hat nie repräsentiert, wie ich mich selbst wahrnehme und fühle.« Einen deutschen Namen hätte er sich gewünscht, stattdessen trägt er einen englischen, mit eingedeutschter Schreibweise. Musste das sein?, hat er sich oft gefragt.

"Ich habe das schlechte Image durch Leistungen entkräftet"

Nach dem Studium zog Jahn nach Nordrhein-Westfalen , wurde Lehrer in der Nähe von Bielefeld. Dort lernte er, dass sein Vorname auch eine Chance ist, weil die Kollegen ihn damit unterschätzten. »Die Leute waren überrascht von mir«, erzählt Jahn. »Ich habe das schlechte Image durch Leistungen entkräftet.«

Der 37-Jährige hätte Karriere machen können in Nordrhein-Westfalen. Er wollte lieber heimkehren und wurde schließlich Schulleiter in Thüringen. So hat Denny Jahn doppelt profitiert: erst vom Überraschungsbonus des kompetenten Ostdeutschen, dann vom Rückkehrerbonus des West-Geprüften.

Jahns Name war mehr Hilfe als Hürde, und trotzdem wollte der Lehrer seinen Kindern eine ähnliche Erfahrung ersparen. Er hat sie Marius Alexander, Julius Leonhard und Marie Helene genannt. »Wenn sie später mal Ärzte werden, dann sollen ihre Türschilder etwas hermachen«, sagt er, »ich will ihnen nicht die Zukunft versauen.«

Schließlich kennt Denny Jahn die Studien, die in den vergangenen Jahren über Namen wie seinen veröffentlicht wurden. Grundschullehrer trauen Kevins oder Chantals weniger zu als anderen Kindern, heißt es da zum Beispiel. Eine Studienteilnehmerin lieferte damals einen inzwischen legendären Satz: »Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose.«

Einige dieser Studien betreute Astrid Kaiser, eine Erziehungswissenschaftlerin aus Oldenburg. Jüngst mussten Hunderte Lehrer identische Arbeiten korrigieren, nur der Vorname der Kinder variierte. Heraus kam: Justins werden im Schnitt schlechter benotet als andere Gleichaltrige.

Und nicht nur in der Schule haben es die Kevins und Mandys schwerer, selbst auf Partnerbörsen im Internet werden sie tendenziell eher gemieden, wie Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität herausfanden.

Die Forscherin glaubt: Kinder werden nach Sehnsüchten benannt

Mit dem DDR-Image dieser Namen hat das nicht mehr viel zu tun. Forscherin Astrid Kaiser vermutet, dass hinter dem Kevin-Peggy-Cindy-Robby-Spott eigentlich »Sozialschichten-Arroganz« stecke. Englische Namen, sagt sie, seien mal ein Trend der Mittelschicht gewesen – vor allem im Osten, in Teilen auch in Westdeutschland. »Dann begannen Menschen aus den unteren Schichten, diese Namen zu imitieren.« Kaiser sagt, dass sich beide Phänomene, das Ost- und das Unterschichten-Phänomen, im öffentlichen Bewusstsein irgendwann vermengten.

»Nur Drogenkinder und Ossis heißen Kevin«, hat der Komiker Michael Mittermeier einmal gesagt, und so böse dieser Satz klingt: Mittermeier hielt damals, vor fünf Jahren, die Kevin-Vorurteile noch auseinander. Eine seiner Comedy-Kolleginnen vermischte sie in ihrer eigenen Kunstfigur zu einem gemeinsamen Klischee. Sie zog sich einen rosafarbenen Samtanzug an und nannte sich »Cindy aus Marzahn«. Das typische Plattenbau-Pummelchen, so lautete die ironisierte Botschaft, heißt eben Cindy – und es kommt aus Ostberlin.

Peggy Daume verschwieg ihren Vornamen zu Beginn ihrer Lehrer-Ausbildung. Sie stellte sich ihren Schülern nur als »Frau Daume« vor, denn Peggy, fand sie, klang nicht gerade nach der nötigen Autorität. Einige der Kinder hatten Aufmerksamkeitsstörungen, sie waren laut und wild. Manchmal saß zusätzlich eine Sozialarbeiterin im Unterricht, denn eine einzelne Lehrerin hätte die Gruppe nicht bändigen können. In dieser Zeit ertappte sich Peggy Daume dabei, dass auch sie Namen mit Vorurteilen verknüpfte. Zu oft waren es die Kevins, die Maurices oder Chantals, die ihr das Leben schwer machten: Einer der Kevins schmiss mal einen Stuhl durch den Raum.

Inzwischen lässt sich die 35-Jährige nicht mehr »Frau Daume« nennen, sondern: Prof. Dr. Peggy Daume. In Flensburg lehrt sie Mathematik. Um sich durchzusetzen zu können, glaubte sie, sich erst von ihrem Namen distanzieren zu müssen. Dabei empfehlen Fachleute wie Astrid Kaiser eigentlich, sich auseinanderzusetzen mit den Vorurteilen, die andere hegen könnten. Am besten stelle man sich mit einem kleinen Vorab-Satz vor: »Ich heiße zwar Peggy, aber ich bin nicht so, wie Sie denken.« Peggy Daume hat das nicht gemacht. Und klingt so etwas nicht auch zu sehr nach Entschuldigung? Als bitte etwa ein polnischer Autohändler vorauseilend um Verzeihung dafür, dass deutsche Kunden denken könnten, seine Autos seien alle gestohlen?

Als Ostdeutscher Karriere zu machen, das heißt auch, sich zu entscheiden: Will ich über meine Identität sprechen – oder kann ich sie ausklammern?

Ist das wirklich Ihr Name?

Peggy Daume, die Professorin, wurde im Urlaub in Frankreich von einer älteren Dame aus Köln angesprochen. Ob Peggy wirklich ihr Name sei, wollte diese wissen. Daume hätte nun erklären können, dass ihre Mutter sie tatsächlich so genannt hatte, wegen Peggy March, der Schlagersängerin. Sie hätte erzählen können, dass March ein Star war in der DDR, weil sie als eine von wenigen Amerikanerinnen durch das Land touren durfte. Daume hat all das nicht gesagt. Vielleicht hätte es zur Ost-West-Verständigung beigetragen. Aber ist sie dafür verantwortlich? Peggy Daume hat sich entschieden, dass die Vorurteile der anderen nicht ihr Problem sein sollen. Sie antwortete der Dame aus Köln nur, dass sie wirklich so heiße – und dass sie gern ihren Pass zeigen könne.

Allerdings ist es einfacher, eine tatsächliche Identität weitgehend zu verschweigen, als eine vermeintliche permanent aufklären zu müssen. Peggy Eisele ist eine schwäbische Frau, eine Anwältin für Strafrechtsfälle. Wenn sie redet, sagt sie »isch« statt »ist«, sie klingt wie Jogi Löw, und es gibt kaum einen Kollegen bei Gericht, der sich nicht darüber wundert, wie eine vermeintlich Ostdeutsche so stark schwäbeln kann.

Peggy hieß man eben nicht, nicht als Frau aus der alten Bundesrepublik. Die 37-Jährige hat in ihrem Leben nur vier andere Peggys getroffen: eine Ratte, einen Dalmatiner, die Katze einer Freundin – und eine Mandantin aus dem Osten. Ihr Name, sagt die Anwältin süffisant, mache sie immer zu etwas Besonderem.

Eisele war wenige Wochen alt, als ihre Mutter sie zum Taufbecken trug. Der Pfarrer ließ Wasser über ihren Kopf tropfen und verkündete vor der Gemeinde: »Ich taufe dich auf den Namen Peggy.« Dann machte er einen Pause und ergänzte: »Maria«. Peggy Maria – so steht es auch auf ihrem Taufschein. Peggy allein klinge zu unchristlich, rechtfertigte sich der Pfarrer später, und wahrscheinlich klang es auch zu sehr nach dem anderen Teil Deutschlands, der schon damals als gottlos galt.

Zwar dürfte ein schwäbischer Pfarrer heute wohl kein Kind mehr eigenmächtig umbenennen; und auch wenn westdeutsche Kinder inzwischen auf Namen wie Justin getauft werden: Eiseles Erfahrungen zeigen doch, dass es in Westdeutschland mehr Konventionen und damit Korrektive gab. Sie bewahrten viele Eltern davor, ihre Kinder Peggy, Mandy oder Robby zu nennen. Nur: Wieso verliebten sich so viele Ostdeutsche in solche Namen?

Biblische Namen wie Maria oder David hatten für viele DDR-Bürger kaum mehr Bedeutung, und alte deutsche Varianten wie Rudolf oder Heinrich erinnerten damals noch zu sehr an berühmte Nazis. Was blieb, waren jüngere Namen.

Exotische Namen sind die Kevins von morgen

Die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser glaubt, dass Kinder nach politischen Sehnsüchten benannt werden: »Eltern suchen nach Namen, die aus dem Land ihrer Träume kommen.« Westdeutsche hätten in den sechziger Jahren Skandinavien verehrt – ihre Kinder heißen heute Jan oder Sören. Viele Ostdeutsche sehnten sich nach dem Westen, den USA, nach dem Land der Freiheit, in dem die Kinder bestimmt Johnny hießen oder Cindy.

Wenn Kaiser recht hat, dann rächt sich diese Sehnsucht heute. Die Kinder aus der DDR sollten so heißen wie vermeintlich die des Westens – und sind gerade deshalb inzwischen als Ostdeutsche zu identifizieren. Man gönnte sich die Freiheit, sie unkonventionell zu benennen, einem politischen Wunsch zu folgen – und ahnte noch nicht, dass genau das lächerlich wirken könnte, sobald sich der Wunsch in eine Möglichkeit verwandelte.

Jacqueline Krohne ist Sopranistin, sie lernte an einer renommierten Schweizer Gesangschule, sie ist schon durch Europa getourt. Ihre Eltern, Brandenburger, hatten sie nach Jacqueline Kennedy benannt, der US-Präsidentengattin. Nur nach amerikanischer Weltläufigkeit klingt der Name heute nicht mehr. »Jacqui« hieß die pubertierende Tochter im Blödelfilm Go Trabi go, Jacqueline hieß das kotzende Pferd in Schuh des Manitu, und Jacqueline hießen auch fünf andere Mädchen an Krohnes Schule.

Die Sopranistin wollte es besser machen, sie gab ihrer Tochter einen einzigartigen Namen: Philidel, nach einer Figur aus der Oper King Arthur . Die Standesbeamtin konnte »Philiddel«, wie sie es aussprach, in keinem Namenbuch finden. Es musste extra ein Gutachten beschafft werden. Mit Erfolg. Den Namen habe es immerhin schon unter Sklaven auf den Bahamas gegeben.

Was Jacqueline Krohne nicht weiß: Ausgerechnet diese Namen – die neu eingetragenen, exotischen – könnten die Kevins und Mandys von morgen bezeichnen. Schon heute wollen viele Eltern ihre Kinder möglichst originell benennen: mit Sky, Lorraine, Mia-Mechthild oder gern auch allen in Kombination. Im Internet kursiert längst eine Bezeichnung für dieses Phänomen: »Chantalismus« . Vorzeigebeispiele dafür sind die Kinder des Schauspielers Uwe Ochsenknecht, die ähnlich viel Spott ertragen müssen wie die Sandys, Peggys und Kevins. Sie heißen Wilson Gonzalez, Jimi Blue und Cheyenne Savannah. Aber das bedeutet ja nicht, dass aus ihnen nichts werden kann.