DIE ZEIT:New York hat diese Woche 370.000 Menschen evakuiert . Wäre eine solche Aktion auch in Deutschland denkbar?

Christoph Unger: Wir haben hier fast wöchentlich eine Evakuierung , insbesondere wegen der Kriegsfolgelasten. So wurden in Koblenz schon 42.000 Menschen in Sicherheit gebracht , als es eine Bombe zu entschärfen galt. Es handelt sich um keine triviale Aktion, wenn zum Beispiel Intensivpatienten aus dem Krankenhaus gebracht werden müssen. Aber solche Evakuierungen beherrschen die deutschen Städte, darin sind wir gut. Auch auf große Hochwasser, an Rhein oder Mosel , sind wir vorbereitet.

ZEIT: Und worauf nicht?

Unger: Seit Fukushima diskutieren wir, ob wir in der Lage sind, rund um kerntechnische Anlagen großräumig zu evakuieren . Reichen dazu unsere Planungen? Dieses Problem haben wir mit den Schweizer Kollegen besprochen. Dabei entdeckten wir Defizite für den Fall, dass so ein Ereignis kurzfristig kommt und viele Menschen für längere Zeit – nicht nur einen Sonntagnachmittag lang zum Bombenräumen – evakuiert werden müssen.

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ZEIT: Wo liegen die Defizite?

Unger: Bei den operativen Fragen. Eine lautet: Wie kriege ich die Menschen raus – und wer muss drinbleiben? Wenn Sie eine große Stadt wie Hamburg nehmen: Dort wird nicht nur gewohnt, sondern der Ort hat bestimmte Funktionen in der Gesellschaft und für Europa . Also muss jemand für den Elbtunnel sorgen und jemand die kritische Infrastruktur rund um den Hafen im Auge behalten.

ZEIT: Was ist zu tun, wenn ein schweizerisches Atomkraftwerk hochgeht?

Unger: Erst ist zu überlegen, wie man die deutsche Bevölkerung informiert und sie mit einbezieht. Die Evakuierung kann ja nur in eine Richtung verlaufen. Also fragen wir uns, wie wir die recht mobile Bevölkerung dort aus dem Ballungsraum rausbekommen: über welche Straßen und mit welchen Verkehrsmitteln. Auch andere Dinge wie die psychische Belastung der Betroffenen müssen bedacht werden. Es funktioniert ja nicht automatisch, wenn die Leute den Befehl kriegen, sich ins Auto zu setzen und rauszufahren. Möglicherweise hat der eine oder andere Angst, nicht zurückzukommen, er sorgt sich um Angehörige oder die Kinder, die in der Schule sind. Es gibt Hunderte von Problemen, die sich auftun und auf die man vorbereitet sein muss.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Unger: Als Bundesamt sind wir ursprünglich ja zuständig für Evakuierungen im Kriegsfall. Nur haben wir uns mit entsprechenden Fragen in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr befasst; es droht ja kein Krieg in Deutschland. Aber vor dem Hintergrund von Fukushima diskutieren wir mit Ländern und Kommunen, was zu tun ist. Auch der Klimawandel wirft ähnliche Fragen auf wie die, mit denen sich die New Yorker Behörden in dieser Woche herumschlagen . Ich denke an den Anstieg des Meeresspiegels. Die Kollegen in den Niederlanden veranstalteten vor drei Jahren eine große Übung unter dem Namen FloodEx – mit dem Schwerpunkt Evakuierungen. Damals haben auch wir diskutiert, zu welchem Zeitpunkt man Menschen rausholt. Wir fragten uns auch: Wer versorgt in ländlichen Gebieten das Vieh?

ZEIT: Und wer versorgt es?

Unger: Ich weiß es nicht. Das müssen die Bundesländer bestimmen, ihre Notfallpläne müssen diese Frage beantworten. Beim Elbehochwasser 2002 drohte das Amt Neuhaus in Niedersachsen abzusaufen. Da gab es eine riesengroße Rinderherde, die man erst mal in einen höher liegenden Wald trieb, um sie zu sichern. Aber umgehend drängte sich die nächste Frage auf: Wer melkt das Vieh?