Deutschlands KatastrophenschutzSchnell alle weg hier!

Die USA ließen die Küste wegen Hurrikan Sandy evakuieren. Was ist zu tun, wenn in Deutschland Städte geräumt werden müssen? Ein Gespräch mit Christoph Unger, dem Präsidenten des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe von 

Kein Weiterkommen dank Wirbelsturm Sandy: Ein Mann auf einem Fahrrad stoppt vor einer überfluteten Straße in Ocean City in New Jersey.

Kein Weiterkommen dank Wirbelsturm Sandy: Ein Mann auf einem Fahrrad stoppt vor einer überfluteten Straße in Ocean City in New Jersey.  |  © Mark Wilson/Getty Images

DIE ZEIT:New York hat diese Woche 370.000 Menschen evakuiert . Wäre eine solche Aktion auch in Deutschland denkbar?

Christoph Unger: Wir haben hier fast wöchentlich eine Evakuierung , insbesondere wegen der Kriegsfolgelasten. So wurden in Koblenz schon 42.000 Menschen in Sicherheit gebracht , als es eine Bombe zu entschärfen galt. Es handelt sich um keine triviale Aktion, wenn zum Beispiel Intensivpatienten aus dem Krankenhaus gebracht werden müssen. Aber solche Evakuierungen beherrschen die deutschen Städte, darin sind wir gut. Auch auf große Hochwasser, an Rhein oder Mosel , sind wir vorbereitet.

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ZEIT: Und worauf nicht?

Unger: Seit Fukushima diskutieren wir, ob wir in der Lage sind, rund um kerntechnische Anlagen großräumig zu evakuieren . Reichen dazu unsere Planungen? Dieses Problem haben wir mit den Schweizer Kollegen besprochen. Dabei entdeckten wir Defizite für den Fall, dass so ein Ereignis kurzfristig kommt und viele Menschen für längere Zeit – nicht nur einen Sonntagnachmittag lang zum Bombenräumen – evakuiert werden müssen.

Atomkraftwerke in Deutschland
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Um die interaktive Karte aufzurufen, klicken Sie auf das Bild  |  © ZEIT ONLINE

ZEIT: Wo liegen die Defizite?

Unger: Bei den operativen Fragen. Eine lautet: Wie kriege ich die Menschen raus – und wer muss drinbleiben? Wenn Sie eine große Stadt wie Hamburg nehmen: Dort wird nicht nur gewohnt, sondern der Ort hat bestimmte Funktionen in der Gesellschaft und für Europa . Also muss jemand für den Elbtunnel sorgen und jemand die kritische Infrastruktur rund um den Hafen im Auge behalten.

ZEIT: Was ist zu tun, wenn ein schweizerisches Atomkraftwerk hochgeht?

Unger: Erst ist zu überlegen, wie man die deutsche Bevölkerung informiert und sie mit einbezieht. Die Evakuierung kann ja nur in eine Richtung verlaufen. Also fragen wir uns, wie wir die recht mobile Bevölkerung dort aus dem Ballungsraum rausbekommen: über welche Straßen und mit welchen Verkehrsmitteln. Auch andere Dinge wie die psychische Belastung der Betroffenen müssen bedacht werden. Es funktioniert ja nicht automatisch, wenn die Leute den Befehl kriegen, sich ins Auto zu setzen und rauszufahren. Möglicherweise hat der eine oder andere Angst, nicht zurückzukommen, er sorgt sich um Angehörige oder die Kinder, die in der Schule sind. Es gibt Hunderte von Problemen, die sich auftun und auf die man vorbereitet sein muss.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Christoph Unger
Christoph Unger

Im September 2004 wurde Christoph Unger vom damaligen Bundesinnenminister Otto Schily berufen. Seither leitet er als Präsident das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn.

Unger: Als Bundesamt sind wir ursprünglich ja zuständig für Evakuierungen im Kriegsfall. Nur haben wir uns mit entsprechenden Fragen in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr befasst; es droht ja kein Krieg in Deutschland. Aber vor dem Hintergrund von Fukushima diskutieren wir mit Ländern und Kommunen, was zu tun ist. Auch der Klimawandel wirft ähnliche Fragen auf wie die, mit denen sich die New Yorker Behörden in dieser Woche herumschlagen . Ich denke an den Anstieg des Meeresspiegels. Die Kollegen in den Niederlanden veranstalteten vor drei Jahren eine große Übung unter dem Namen FloodEx – mit dem Schwerpunkt Evakuierungen. Damals haben auch wir diskutiert, zu welchem Zeitpunkt man Menschen rausholt. Wir fragten uns auch: Wer versorgt in ländlichen Gebieten das Vieh?

ZEIT: Und wer versorgt es?

Unger: Ich weiß es nicht. Das müssen die Bundesländer bestimmen, ihre Notfallpläne müssen diese Frage beantworten. Beim Elbehochwasser 2002 drohte das Amt Neuhaus in Niedersachsen abzusaufen. Da gab es eine riesengroße Rinderherde, die man erst mal in einen höher liegenden Wald trieb, um sie zu sichern. Aber umgehend drängte sich die nächste Frage auf: Wer melkt das Vieh?

Leserkommentare
  1. Die Staatsreserven der DDR sind nach dem Beitritt aufgelöst worden, Polizei ist überfordert und die Krankenhäuser haben kaum Reserven für eine größere Anzahl Patienten.

    Nachdem vor einigen Wochen in einer Niedersächsischen Kleinstadt ein Teil der Bevölkerung evakuiert werden musste und die Stadt abgesperrt wurde, war das Fazit, dass die freiwilligen Helfer hervorragende Arbeit gemacht haben, aber die Polizei war ziemlich daneben.

    Schon in einem normalen Winter mit ein paar Wochen Eis und Schnee kommen die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. Auch wird die Bevölkerung schlecht informiert, sei es im Ernstfall, dass die Information zu langsam und nicht breitflächig verteilt wird, als auch im Vorfeld, dass heutzutage niemand mehr weiß, was bestimmte Alarmsignal zu bedeuten haben, davon abgesehen, dass diese nicht einmal bundeseinheitlich geregelt sind.

    Ich weiß nicht, wie das früher in der BRD war, in der DDR war das wesentlich besser gelöst.

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    ... da war ALLES besser. Besonders in der Ostzone.

    Aber mal im Ernst: Glauben Sie wirklich, dass in der Ostzone eine Planung bestand, was im Fall einer AKW-Katastrophe zu tun wäre? Was Sie meinen, das war lediglich mit dem Ost-West-Konflikt und dazugehöriger Kriegsplanung verbunden.

    Zu glauben, die maroden Einrichtungen der vom realen Sozialismus gequälten Ostzone wären mit einem Supergau in Stendal oder Greifswald zurecht gekommen, hat nichts mehr mit Ostalgie oder Verstand zu tun.

    • deDude
    • 31. Oktober 2012 15:35 Uhr

    "Ein Teilergebnis der Niederländer nach der FloodEx-Übung lautet: Viele Hundertausend Menschen müssen möglicherweise nach Deutschland evakuiert werden."

    Zum Glück kommen die alle mit eigenem Wohnwagen, das entlastet Notunterkünfte :P

    Nein, mal im Ernst, wenn wirklich mal die Hölle losbricht ist jeder noch so gute Notfall- und Evakuierungsplan für die Katz.
    Leider neigt der Mensch in Extremsituationen mitunter zu (rational betrachtet) extrem dümmlichem Verhalten. Man sagt zwar es handle sich dabei um den "Selbsterhaltungstrieb" aber grade im Falle von Sturmfluten wäre ein "Gemeinschaftserhaltungstrieb" vermutlich bedeutend besser.

    Wie gut der Schutz vor Plünderungen im Übrigen funktioniert kann man ja grade in New York beobachten wo die ersten Meldungen über Plünderungen ausgegeben wurden. Ich glaube allerdings auch das grade dieser Materialismus "Nein, ich gehe nicht weg sonst kommen die Plünderer" oft genug Menschenleben fordert indem Menschen den Evakuierungsanordnungen aus Furcht vor ebendiesen Plünderungen keine Folge leisten.

  2. CHAOS. Das besagt eine aktuelle Bundestagsdrucksache zum Thema "Stromausfall in Deutschland", eine Anfrage von Bundestagsabgeordneten.

    Das Fazit der Studie: sollte es zu längeren und größeren Stromausfällen kommen, sind der Staat und seine Organe nicht mehr in der Lage, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
    Wie das dann aussieht kennt man aus einigen netten Filmen zu dem Thema!

    Im Nachkriegsdeutschland des "Kalten Krieges" war das noch ganz anders. Da gab es aber auch noch funktionierende Einheiten von THW, Polizei, Feuerwehr, Bundesgrenzschutz und Bundeswehr. Und die Bevölkerung war informiert und sensibilisiert. Heute bricht die ganze Struktur schon zusammen, wenn das Navi oder das Handy ausfällt!

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    eine zuverlässige Stromversorgung.

    • Krisse
    • 31. Oktober 2012 15:49 Uhr

    Wie in vielen anderen Bereichen ist viel möglich, aber vieles auch teuer. Und da wird gerne dort gespart wo es nicht so schnell auffällt. Dass Krankenhäuser, Pflegepersonal, Polizei, Feuerwehr etc. schon im normalen Betrieb bis an ihre Belastungsgrenze ausgereizt werden ist ein Zustand, der generell untragbar ist, aber in einer Katastrophensituation könnte sich das als fatal erweisen.
    Deutschland (oder Mitteleuropa im Allgemeinen) ist von derartigen Ereignissen nur selten betroffen, aber dennoch ist Vorsorge wichtiger (und günstiger) als Nachsorge.

    Was ich mich bei all diesen Übungen frage ist, wie das koordiniert werden soll, wenn der gemeine Bürger evakuiert werden muss. Die Ängste wurden ja bereits angesprochen. Aber wie soll das halbwegs klappen, wenn der einzelne keine Ahnung hat wohin er denn soll? Und wie informiert man die Leute? Was geschieht mit denen, die kein eigenes Auto oder so haben?

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    "Und wie informiert man die Leute?"

    Bis zur Wiedervereinigung gab es in jedem Ort Sirenen, die für die Alarmierung der Feuerwehr, aber vor allem für den Katastrophenschutz gedacht waren. Regelmäßig wurden Probeläufe durchgeführt, so dass eigentlich alle Bewohner die Signale kannten. Eines lautete: "Radio einschalten."
    Das Sirenennetz wurde in den 1990ern abgebaut. Die freiwilligen Feuerwehren werden durch Pieper oder Handy alarmiert, der Katastrophenfall wurde abgeschafft ;-).

  3. eine zuverlässige Stromversorgung.

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  4. "Und wie informiert man die Leute?"

    Bis zur Wiedervereinigung gab es in jedem Ort Sirenen, die für die Alarmierung der Feuerwehr, aber vor allem für den Katastrophenschutz gedacht waren. Regelmäßig wurden Probeläufe durchgeführt, so dass eigentlich alle Bewohner die Signale kannten. Eines lautete: "Radio einschalten."
    Das Sirenennetz wurde in den 1990ern abgebaut. Die freiwilligen Feuerwehren werden durch Pieper oder Handy alarmiert, der Katastrophenfall wurde abgeschafft ;-).

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    weiß keiner was es bedeuten soll und denkt, dass es mal wieder eine Probe ist. Also werden sie überhört.

  5. weiß keiner was es bedeuten soll und denkt, dass es mal wieder eine Probe ist. Also werden sie überhört.

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    bei uns gibts noch Sirenen und neulich war Probelauf - ich hab sofort bei der Polizei angerufen und nachgefragt, was los ist. Ich war ganz schön beruhigt, als das Ganze sich eben als Probelauf erwies.
    Allerdings gehöre ich zur älteren Generation und kenne die Sirenen noch von früher - ob die jüngeren Leute da auch noch drauf achten?

  6. keine deutsche Spezialität.
    Sowas verträgt die moderne Zivilisation eben nur ganz schlecht und private Vorkehr ist (in der Masse) auch nur sehr begrenzt möglich.
    Da kann man im Grunde nur raten, ob es einen im Sommer oder im Winter härter träfe.
    Dass es in der DDR besser war, erscheint mir schon wegen der doch eingeschränkten materiell-technischen Basis fraglich. Vielleicht partiell, weil es ja noch mehr Ofenheizung gab, aber sonst? Das was damals Staatsreserve war steht heut halt in den Supermärkten rum.

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    Im Osten hatte jeder Schüler schon Stunden in der Schule verbracht bei dem Zusatzfach Zivilverteidigung, damit man im Ernstfall wußte, was zu tun ist. Die VEBs hatten ihre Kampfgruppen, die nicht nur kämpfen sollten, sondern auch dem Katastrophenschutz unterstellt waren. Und den gab es auch noch. Die Sirenen gingen als Test zu festgelegten Zeiten, und wenn diese anders liefen, spitzte man die Ohren, da dies ungewohnt war. Und Funk und Fernsehen war im Plan, gab ja außer den Westsendern nicht so viel Programme, das man versehentlich uninformiert blieb. Aushänge an allen wichtigen Stellen. Wie halt auch hier zum Thema Fluchtwege.

    Ach ja, Hochwasser Dresden, die Vorherberechnungen der erwartbaren Hochwasserstände lagen seit Ostzeiten in den Büros der Leihbeamten aus dem Westen. Dumm nur, das die Flut Freitags kam, und die Beamten schon Feierabend hatten... !
    Glaubt bloß nicht, in der BRD würde eine derartige Katastrophe geordnet über die Bühne gehen, das würde schon am Verkehrschaos scheitern, und an unseren Entscheidungsträgern... :-)

    Zum Beispiel 600.000 Tonnen Getreide und Tausende Tonnen weiterer Vorräte wie Schalengemüse, Milchpulver etc in 150 Lagern unweit von deutschen Ballungszentren entfernt. Blöd nur, dass dies den Ländern zu viel Geld kostet, und die Reserven eingeschränkt werden sollen, siehe hier: http://www.wz-newsline.de...

    Ich weiß nicht, inwiefern man schon bei einem einwöchigen Stromausfall auf diese Lebensmittelreserven zugreifen muss, aber bedenklich ist es allemal, dass selbst dafür schon das Geld zu knapp geworden ist.

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