Katharina HagenaTag und Nacht

Katharina Hagenas hintergründiger Roman "Vom Schlafen und Verschwinden". von Friedhelm Rathjen

Ellen Feld, Schlafforscherin von Beruf, liegt nächtens wach und grübelt: über ihr Leben in Hamburg, das Zittern der U-Bahn unter ihr und die ersten Vögel draußen; über ihr Intermezzo in Dublin, wo ihre Tochter Orla groß wurde, sehr groß. Und über die diversen Schichten ihrer Vergangenheit in Grund, einem Kaff am Oberrhein, wo sie ihre demente, zuletzt ins Koma gefallene Mutter verlor und mancherlei anderes dazu. »Schicht um Schicht blättert ab von dieser Nacht«, sagt die erzählende Ellen, und lange ist ungewiss, was am Ende noch übrig bleibt.

»Der Schlaf ist ein Ort, zu dem man hinabsteigt, eine Utopie der Tiefe«, weiß Ellen. Aber sie bleibt wach und taucht in andere Tiefen ein. Neben dem begradigten Hauptstrom des Rheins und der Erinnerungen gibt es in dieser Prosa das Geflecht aus verödeten Flussarmen und toten Zivilisationsspuren. So legt Katharina Hagena in ihrem zweiten Roman Vom Schlafen und Verschwinden etliche Erzählstränge aus, die zunächst wie abgeschnittene Flussarme unverbunden neben der Hauptgeschichte zu liegen scheinen. Doch unverhofft geraten diese stehenden Gewässer des Erzählens dann doch in Bewegung und fließen in den Hauptstrom des Romans zurück, wo sie alte Fragen klären und neue aufrühren.

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So erfahren wir von Lutz, den Ellen einmal liebte, bis er sich aus dem Staub machte; von Benno, den sie liebte, bis er erstarrte; von Andreas, den sie nicht liebte und der darum verstummte. Wir hören von den Chorproben, bei denen Ellens Vater Dowland-Lieder einstudieren ließ und alte Hassimpulse neuen Eifersüchten wichen. Wir stürzen in eine Welt, in der Gegensätze einander durchtränken, Tag und Nacht, der Traum und das Wachen, die Luft und das Wasser. Das Davonfliegen und das Versinken, Oberfläche und Tiefe bilden Zwischenwelten aus.

Die Autorin Katharina Hagena

Die Autorin Katharina Hagena  |  © picture alliance/dpa

Dies alles wird von Katharina Hagena quick und forsch in Worte gefasst, bisweilen fast ein bisschen zu selbstsicher, »alert und bewusstlos zugleich«, wie es die Erzählerin sagt, weil die purzelnden Worte nämlich dazu dienen, einen weiteren Gegensatz zu überspielen: denjenigen zwischen der so leichtfüßig und locker gebauten Erzähloberfläche und den dicht geknüpften untergründigen Motivnetzen.

Unter den Fluten, im Treibsand und im Gewölk dieser auf den ersten Blick munter erzählten Prosa, lauern Krankheit, Versehrung und der düsterste Schlaf, der Tod.

Über den Tod und den Schlaf ist Katharina Hagena ein sehr waches und sehr lebendiges Stück Literatur gelungen. Was »auf den Schildern am Fluss« steht, wie wir in diesem Roman lesen, könnte auch als Motto diesem Buch voranstehen: »Achtung, Sogwirkung«. Jede der Figuren wird von irgendetwas mitgerissen, fort oder über alle Berge oder in die Tiefe. Uns Lesern geht’s nicht anders.

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    • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur
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