KFZ-VersicherungAngelockt vom Billigtarif

Die Preise für Autoversicherungen steigen in diesem Jahr flächendeckend. Beim Wechsel ist Vorsicht geboten. von Andreas Jalsovec

Der Landkreis Elbe-Elster liegt in Brandenburg, zwischen Wittenberg und dem Spreewald. Auen, Waldflächen und Äcker bestimmen das Landschaftsbild – und immer wieder kleine Seen und Flüsse. Wer den Ehrgeiz besitzt, alle dortigen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen abzufahren, braucht dafür kaum zwei Tage. Menschen wird er dabei wenige zu Gesicht bekommen: Nur 60 Einwohner leben in der Region auf jedem Quadratkilometer. Deutschlandweit sind es im Schnitt fast viermal so viele.

Das ist gut für die Autofahrer im Elbe-Elster-Kreis. Denn wenn der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) jeweils im Herbst seine neue Regionalstatistik vorlegt, gehören sie seit Jahren zu den besten. Wo wenige Menschen leben, gibt es wenige Fahrzeuge, wenige Unfälle – und je seltener es in einer Region kracht, desto niedriger ist die sogenannte Regionalklasse, die der GDV für die Haftpflicht-, Teil- oder Vollkaskoversicherung errechnet. Und umso günstiger ist die Autoversicherung. Auch in diesem Jahr war das im Landkreis Elbe-Elster wieder so. Er bekam erneut die beste Regionalklasse in der Kfz-Haftpflichtversicherung: Stufe eins. In Regionen mit der schlechtesten Stufe zwölf hingegen wird es für die Besitzer teuer.

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Die Veröffentlichung der GDV-Regionalstatistik ist alljährlich der Startschuss für einen heftigen Kampf um die Kunden in der Kfz-Versicherung. In keiner anderen Versicherungsart wird so oft der Anbieter gewechselt wie bei den Auto-Policen. Die Verträge laufen stets nur ein Jahr – und sie enden meist zum 31. Dezember. Wer wechseln will, muss seine Versicherung spätestens einen Monat vorher kündigen. Der November ist daher die Zeit, in der sich die meisten Wechselwilligen nach einem neuen Anbieter umschauen.

Mit 1,8 Millionen Wechslern rechnet die Branche in diesem Jahr. Für ihre Suche haben sie diesmal besonders gute Gründe: Denn 2013 werden die Tarife steigen – und das zum Teil kräftig. Unter anderem gehen die Preise für Neuabschlüsse in der Vollkaskoversicherung im Schnitt um zehn Prozent hoch, haben die Marktbeobachter von Nafi ausgerechnet. Die Beratungsfirma sammelt die Tarife sämtlicher Kfz-Versicherer. In der Teilkasko wird es demnach ab 1. Januar um durchschnittlich fünf Prozent teurer, in der Haftpflicht um drei Prozent.

Hauptgrund für den Preisanstieg ist die notorisch schlechte Ertragslage der Versicherer. »Die meisten schreiben in der Kfz-Sparte seit Jahren Verluste«, sagt Nafi-Geschäftsführerin Ivana Höltring. Schuld ist der harte Wettbewerb in der Branche. Er drückte jahrelang die Preise. Noch heute liegen die Prämien für Haftpflicht- und Kaskoversicherung unter jenen von 1985, heißt es beim Branchenverband GDV. Lange glichen die Versicherer das durch Gewinne an anderer Stelle aus. Seit Beginn der Finanzkrise schrumpfen ihre Erträge jedoch, und deshalb erwartet Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten, dass »wir nächstes Jahr nun den Anstieg auf breiter Front sehen werden«. Steigende Preise bei den Neuabschlüssen seien ein Frühindikator. »Im Bestand werden die Beiträge ebenfalls nach oben gehen«, sagt Rudnik.

Für Autofahrer kann das schnell einige Hundert Euro im Jahr ausmachen. Das zeigt sich am Beispiel eines 35-jährigen verheirateten Mannes aus Hamburg. Schließt er für seinen VW Golf (Baujahr 2011) ab Januar 2013 eine Vollkasko-Versicherung ab, steigt nach Nafi-Berechnungen seine Prämie, verglichen mit Januar 2012, im Extremfall um mehr als 250 Euro jährlich. Noch glimpflich davon kommen Kunden des Marktführer Huk, dessen Klassiktarif um knapp 20 Euro teurer wird. Im Tarif Grundschutz der Allianz sind es gut 50 Euro mehr, beim Axa-Tarif Mobil kompakt macht die Steigerung knapp 100 Euro aus.

Der Anstieg kann noch höher ausfallen, weil sich im nächsten Jahr auch die sogenannten Typklassen der Fahrzeuge verändern. Die Versicherer berücksichtigen fortan, wie oft ein Automodell in Unfälle verwickelt ist. Rutscht ein Auto in eine höhere Klasse, kostet auch die Versicherung mehr. Schon eine einzige Typklasse kann bei der Prämie rund 20 Prozent ausmachen. Damit nicht genug: Von 2013 an bieten die Versicherer neue Kfz-Policen nur noch zu so genannten Unisex-Tarifen an. Vom Jahreswechsel an müssen die Beiträge für Männer und Frauen also gleich hoch sein. Bisher fuhren Frauen günstiger, weil sie, statistisch gesehen, weniger Unfälle bauen. Für die Zukunft haben »einige Anbieter für die Frauen einfach die teureren Tarife der Männer übernommen«, berichtet Ivana Höltring von der Beraterfirma Nafi.

Typklassen

Ab 2013 gelten für viele Fahrzeuge neue Typklassen in der Kfz-Versicherung. Damit berücksichtigen die Versicherer vor allem die Unfall- und Schadensbilanzen der rund 22.000 Automodelle. Je höher der Schaden bei einem Typ, desto höher die Schadensklasse und desto teurer die Police. Erstmals fließt auch das Alter der Versicherten in die Berechnung der Schadensklasse ein. Besonders junge und besonders alte Fahrer gelten dabei als Risikogruppe.

Um die Kunden trotzdem zu ködern, haben die Unternehmen zuletzt verstärkt Billigtarife aufgelegt. So verkauft mittlerweile ein Kfz-Versicherer im Schnitt drei verschiedene Policen. »Vor zehn Jahren war es kaum mehr als eine«, sagt Henrich Blase, Geschäftsführer beim Internet-Vergleichsportal Check24, das sein Geld vor allem mit der Vermittlung von Kfz-Policen verdient. Insgesamt, räumt daher auch ein Sprecher des GDV ein, sei der Markt »nicht gerade durchschaubarer geworden«. 

Leserkommentare
    • Kauri
    • 12. November 2012 14:50 Uhr

    Man sollte meinen Versicherungen wären dem Wettbewerb ausgeliefert und knallhart kalkulierende Unternehmen. Das sind sie nicht! Auch Versicherungen fröhnen dem Sozialismus. Es gibt zig-tausende von Autofahren, die mehr als 30 Jahre schadenfrei sind. Und wenn man 40 Jahre schadenfrei ist - bringt das was? Bie SF 25 hört die Degression auf. Also zahlen die max. Schadenfreien, die ja ein erheblich geringeres Risiko darstellen, als sie relational zahlen, für die Hell-Driver am unteren Ende mit. Hier steckt der Skandal und ein pflaumenweicher ADAC kündigt da Änderungen an - aber nichts passiert. Klar - der hat auch die ewigen "Pechvögel" als Mitglieder.

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    • raffix
    • 12. November 2012 17:44 Uhr

    Das war früher so. Die Verträge wurden aber mit Beginn des Jahres 2012 umgestellt (die Altverträge bleiben unberührt). Jetzt gehen die Beitragssätze bis 20 Prozent runter, was SF-Klasse 35 entspricht.
    Den Missstand, den Sie also anprangern, haben die Versicherungen mittlerweile korrigiert.

    Ebenfalls korrigiert haben sie, dass jüngere Fahrer in den vergangenen Jahren viel zu viel gezahlt haben. Eine umfangreiche Neuprüfung im Jahre 2011 hat ergeben, dass Jüngere deutlich weniger Schäden verursacht haben als ursprünglich immer angenommen wurde. Aus diesem Grund wurden die Beiträge für die niedrigeren SF-Klassen drastisch nach unten geschraubt. Das freut mich natürlich sehr. So werde ich mit SF9 nun bei 37% eingestuft. Vor einigen Jahren waren solche Prozente mit SF9 noch undenkbar.

  1. Ich habe seit 8 Jahren keinen auf mich zugelassenen PKW.
    Nun habe ich einen erstanden und muss 240% zahlen, dies ungeachtet dessen, dass ich in meinem ganzen Leben "nur" zwei Unfälle hatte. Bei beiden war fraglich ob ich Schuld war.

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    • raffix
    • 12. November 2012 17:48 Uhr

    Das, was Sie schreiben, kann ich absolut nicht nachvollziehen:
    1. Sie haben einen großen Fehler gemacht, ein Auto nach 8 Jahren anzumelden. Hätten Sie dies ein Jahr früher getan, nämlich noch vor dem Ablauf von 7 Jahren, wäre Ihr Schadenfreiheitsrabatt erhalten geblieben.

    2. Zahlt man heute überhaupt noch 240 Prozent?! Die Malus-Klasse (bei mir) ist heute bei 135 Prozent, tiefer kann man bei meinem Vertrag von Januar 2012 nicht mehr fallen. Und wenn Sie neu einsteigen, so sind Sie bei SF1/2, was 75 Prozent entspricht.

    • raffix
    • 12. November 2012 17:44 Uhr

    Das war früher so. Die Verträge wurden aber mit Beginn des Jahres 2012 umgestellt (die Altverträge bleiben unberührt). Jetzt gehen die Beitragssätze bis 20 Prozent runter, was SF-Klasse 35 entspricht.
    Den Missstand, den Sie also anprangern, haben die Versicherungen mittlerweile korrigiert.

    Ebenfalls korrigiert haben sie, dass jüngere Fahrer in den vergangenen Jahren viel zu viel gezahlt haben. Eine umfangreiche Neuprüfung im Jahre 2011 hat ergeben, dass Jüngere deutlich weniger Schäden verursacht haben als ursprünglich immer angenommen wurde. Aus diesem Grund wurden die Beiträge für die niedrigeren SF-Klassen drastisch nach unten geschraubt. Das freut mich natürlich sehr. So werde ich mit SF9 nun bei 37% eingestuft. Vor einigen Jahren waren solche Prozente mit SF9 noch undenkbar.

    Antwort auf "Sozialisierte Tarife"
    • raffix
    • 12. November 2012 17:48 Uhr

    Das, was Sie schreiben, kann ich absolut nicht nachvollziehen:
    1. Sie haben einen großen Fehler gemacht, ein Auto nach 8 Jahren anzumelden. Hätten Sie dies ein Jahr früher getan, nämlich noch vor dem Ablauf von 7 Jahren, wäre Ihr Schadenfreiheitsrabatt erhalten geblieben.

    2. Zahlt man heute überhaupt noch 240 Prozent?! Die Malus-Klasse (bei mir) ist heute bei 135 Prozent, tiefer kann man bei meinem Vertrag von Januar 2012 nicht mehr fallen. Und wenn Sie neu einsteigen, so sind Sie bei SF1/2, was 75 Prozent entspricht.

    Antwort auf "Neuantrag"
    • HSCHEID
    • 12. November 2012 18:12 Uhr

    Ich habe speziell für evtl. Schadensfälle ein kleines Konto und so weinig Versicherungen wie möglich und fühle mich gut damit. Lehne auch Zahn- oder Brillenversicherungen, etc. ab. Habe dann mal beim Heckenschneiden meine Brille mitgeschnitten und selbst bezahlt weil eben selbst Schuld.

  2. "Alleine in der Haftpflichtversicherung kann [der Unterschied zwischen der teuersten und der günstigsten Police] bis zu 2.500 Euro im Jahr betragen."

    Meine Haftpflicht kostet 28 Euro im Jahr (OK, 1k € Selbstbeteiligung). Wieso sollte es Haftpflichtversicherungen geben die knapp das 100fache kosten und im Prinzip exakt das Gleiche abdecken? Und v.a. Wieso nimmt die jemand?

    Als Nicht-Autofahrer haben mich die doch sehr großen Tarifunterschiede bei KFZ Versicherungen und die Wechselwirkung überrascht.

    Wenn ich mir ein Auto kaufen würde müsste ich mir ja nicht nur über das Auto, dessen realen Verbrauch, dessen Reparaturanfälligkeit, Wertverlust und Höhe der Steuer sondern auch noch über Dinge wie die Wechselwirkung von Modellwahl und KFZ Versicherungstarif Gedanken machen - und das wird mir dann doch zu kompliziert. Im Vergleich dazu sind Bahntarife erschreckend einfach!

    • claubro
    • 14. November 2012 16:37 Uhr

    da gehören KFZ-Versicherungen zu den nützlicheren. Ich glaube, generell sollte man hin und wieder überprüfen, was von dem ganzen Versicherungskram wirklich nötig ist. Wenn man z.B. am liebsten zum Homöopathen geht, ist eine Zusatzversicherung, die das zahlt nicht unpraktisch. Ansonsten sollte man sich von unnötigem Ballast befreien und regelmäßig schauen, was die Konkurrenz macht (bei Versicherungen, bei denen sich das lohnt). Ja und damit das Kündigen nicht auch noch nervt, habe ich hier noch was entdeckt, was es fast komplett automatisiert: http://www.finanzen.de/ku... - ob man auch irgendwann online Kinder bekommen kann?

  3. "antooneo: Was für ein Fahrzeug muss man fahren, um nur mit einer Kasko-Schadensumme von 100 Mio Euro abgesichert zu sein? Das reicht doch schon fast für einen Jumbo-Jet."

    Sie haben die 100 Mio nicht in der Kasko sondern in der Haftpflicht, und das ist gut so! Stellen Sie sich vor Sie verursachen einen Schaden mit einem Tankfahrzeug. Der rammt ein Gebäude und es kommt zu Schwerverletzten oder sogar Tote. Da sind 100 Mio. mal ganz schnell weg.

    Es ist nicht umsonst bei den meisten Versicherungen die Haftpflichtsumme erhöht worden.
    Viele unterschätzen was tatsächlich alles beim Schaden bezahlt werden muss.

    Natürlich wollen die Versicherungen auch verdienen, wer nicht?! Aber dafür gibt es ja die Schadenfreien Jahre die zur Berechnung des Beitrages benötigt werden. Wer Jahrelang keinen Schaden abrechnet, zahlt auch weniger in der Versicherung.

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