UkraineAuf dem Rücken der Krim
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 Unser Anführer hat den Weg vergessen

Blick auf den Aj-Petri, dessen Gipfel 1.234 Meter über der Schwarzmeerküste thront

Blick auf den Aj-Petri, dessen Gipfel 1.234 Meter über der Schwarzmeerküste thront  |  © Gregor Joham/Flickr

Drei Tage später machen wir uns auf zum Aj-Petri, dessen Gipfel 1234 Meter über der Schwarzmeerküste thront. Aus dem Landesinneren führt unser Wanderweg entlang eines Flussbetts durch eine Schlucht. Nach zwei Stunden kommen wir an ein Becken unter einem Wasserfall, die Badewanne der Jugend. Der Legende nach wirkt sie als Jungbrunnen. Zwei von uns springen prompt ins acht Grad kalte Wasser – doch es nützt nichts: Unser Wandertempo wird nicht höher. Wir laufen so langsam, dass wir es nicht vor Einbruch der Dunkelheit zum Gipfel schaffen würden. Also beschließen wir, umzukehren und den Bus zu nehmen.

Unser Reisebus ist ohnehin ein Abenteuer für sich: ein zerbeulter Transporter, der Lack blau, die Löcher rostbraun, vom Fahrersitz scheint ein Krokodil abgebissen zu haben. Unser Fahrer Slawek hat als Fenster Löcher in die Karosserie gesägt und Sitze auf die Ladefläche geschraubt. Am Vortag ist er während einer Pause noch unter der Motorhaube verschwunden und hat etwas von problemy gemurmelt; nun aber läuft die Maschine wieder und röhrt tapfer die Serpentinen des Aj-Petri hinauf. Slawek erzählt, gestikuliert, lacht; ich verstehe kein Wort und lache mit. Die lose Tachonadel tanzt im Takt der Schlaglöcher, der Kilometerzähler dahinter zeigt 720.458.

Oben empfängt uns keine Berghütte, sondern ein Markt – eine Siedlung aus Blechwürfeln, eingehüllt in Rauchschwaden. Dutzende nahezu identische Stände reihen sich aneinander. An jeder Ecke brennt ein Feuer, überall brutzeln Schaschlikspieße und brodeln rote Suppen. Etwas abseits warten Buden mit honiggetränktem Blätterteig und süßem Wein aus Plastikflaschen, die Stände ganz am Rand gehören Souvenirhändlern. Vor allem Fell scheint hier bestens zu laufen: Fellpuschen, Fellwesten, Fellkuscheltiere.

Die Verkäufer sind Krimtataren, dunkles Haar und dunkle Augen, Abkömmlinge von Dschingis Khans Goldener Horde, die im 13. Jahrhundert auf Pferden aus der Mongolei vordrang. Einst herrschten sie über die ganze Halbinsel, heute herrschen sie immerhin noch über den Aj-Petri, den meistbesuchten Berg der Krim – mehr als eine Million Touristen im Jahr. Eine gelbe Seilbahn spuckt gondelweise russische Touristen aufs Plateau. In Scharen strömen sie zum höchsten Punkt des Gipfels – knips!

Die Kulisse, vor der sie posieren, ist imposant: Aus dem Abgrund ragen tausend Meter hohe Kalkzähne. Daran empor klettern Hakenkiefern, schiffslang und schnurgerade, die ihre Äste erst in der Krone ausbreiten, aus der Ferne wirken sie wie Bonsais. Weit darunter liegt, wie ein unendliches Tuch aus blaugrauem Samt, das Meer. Ein Wolkenschweif im Osten schwebt über Jalta, der Tourismushauptstadt der Krim – dem Ort, an dem wir am nächsten Tag einen Badestopp einlegen.

Das Krimgebirge schottet Jalta und seine Nachbarn an der Südostküste vom kühlen Norden ab – und schafft so einen schmalen Streifen ukrainischer Subtropen. Der Landstrich, in dem Zitronen blühen und Wein wächst, wird mit der Riviera, der Toskana oder der Côte d’Azur verglichen. Wer in der Geschichte Russlands Rang und Namen hatte, kam nach Jalta: Der Nationaldichter Puschkin besang die Schönheit der Region, Tolstoi und Tschaikowsky verbrachten hier ihre Urlaube, der Dichter Tschechow schwor auf die Heilkraft der Meeresluft. Russische Fürsten bauten sich in Jalta Paläste, sowjetische Staatssekretäre übernahmen sie. Und vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen Churchill und Roosevelt hierher, um mit ihrem Gastgeber Stalin Deutschland und die Welt neu zu ordnen.

Wir laufen gegen die Dunkelheit an – und unser Anführer hat den Weg vergessen

Jaltas Kieselstrände, eingebettet in Berge und Wälder, müssen einmal Badeparadiese gewesen sein. Heute aber stehen vielerorts graue Hotelklötze im Kiefernwald, die wie der betonierte Starrsinn der Sowjets wirken: Kururlaub für alle, ohne Rücksicht auf Landschaft und Stadtbild. Im Großraum Jalta gibt es heute noch immer einsame, entlegene Steinbuchten mit kristallklarem Wasser – im Stadtgebiet aber, wo wir unseren Badestopp einlegen, sind die Strände so überlaufen, dass man auf den Kieseln keinen Platz mehr für sein Handtuch findet. Ilja führt uns entlang der breiten Strandstraße vorbei am Lenin-Denkmal zu einer »Alternativ-Promenade« – doch so alternativ ist die nicht: Die Strandabschnitte sind durch Werbebanner voneinander getrennt, die meisten Sektoren kosten Eintritt. Statt zu baden, setzen wir uns in ein Café und fühlen uns wirklich an die Côte d’Azur versetzt – preislich. So hartnäckig die Hrywnja-Scheine bisher im Portemonnaie kleben blieben, so leicht flattern sie jetzt heraus. Auch die Hotels kosten in Jalta drei- bis viermal so viel wie andernorts, und so fahren wir abends lieber weiter, in den 35 Kilometer entfernten Kurort Aluschta.

»Meine lieben Bergfreunde«, sagt Ilja beim Frühstück, »heute liegt eine interessante Etappe vor uns. Aber es wird kein Spaziergang.« Er meint den Tschatyr-Dag, den zweithöchsten Berg der Krim. Der schwerste Teil des Aufstiegs kommt gleich zu Anfang, fünfzig Prozent Steigung über Geröll. Doch oben, auf dem Ostgipfel, 1453 Meter überm Meeresspiegel, finde ich sie dafür schließlich, die Abgeschiedenheit des Krimgebirges: keine Jeeps, keine kurzen Röcke, keine Seilbahnen. Nur ein schweigender Wanderer, der auf dem Steinhaufen am höchsten Punkt sitzt und versunken in die Landschaft blickt. Hoch über den zerklüfteten Bergsätteln zieht ein Adler seine Kreise.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Vom Ostgipfel wandern wir fünf Kilometer über das Nordplateau zur Tropfsteinhöhle Emir Emine-Bair-Khosar und steigen in die sechs Grad kühle Unterwelt. An einer Stelle fallen Sonnenstrahlen durch eine Öffnung in der Höhlendecke, zwanzig Meter darunter liegt das Skelett eines Mammuts – ein fataler Fehltritt vor 30.000 Jahren. Wir laufen durch einen Wald aus Stalagmiten, vorbei an einem See mit kristallisierter Oberfläche; hoch an den Wänden hängen Stalaktiten wie zerfließende Kirchenorgeln. Die Zeit tropft langsam in der Kathedrale der Ewigkeit – doch Ilja blickt nervös auf seine Uhr: Es ist später als geplant.

Als wir blinzelnd zurück ins Licht steigen, steht die Sonne schon tief. Wir laufen nun gegen die Dunkelheit an, wollen vor Einbruch der Nacht im Tal sein. Doch es kommt, wie es kommen muss: Als wir die steilste Stelle des Abstiegs erreichen, ist die Sonne hinterm Gebirge versunken, bald erkennt man den Boden unter den Füßen nicht mehr. Jetzt haben wir unser Abenteuer: Kopflampen irren durch den Wald, Füße rutschen auf losem Gestein, immer wieder strauchelt jemand.

An einer Gabelung bleibt Ilja stehen, schweigend leuchtet er die beiden Pfade ab. »Wartet hier!«, sagt er und läuft alleine los. Unser Anführer hat den Weg vergessen. Wir anderen stehen im düsteren Wald und fragen uns, was wir tun würden, wenn er nicht wiederkäme. Wird es nun sogar abenteuerlicher, als wir gehofft haben? Eine Weile noch sind wir verloren, dann taucht zwischen den dunklen Baumstämmen wieder sein tanzendes Licht auf. Das Dorf ist nah. Kurz darauf erreichen wir, müde und hungrig, unsere Unterkunft in einem einsamen Pferdehof. Za sdorowje!

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Leserkommentare
  1. so gut geschrieben das ich mich reinfühlen konnte.
    Lieben Dank.

  2. Mhm erinnert frappierend an unsere Krimtour diesen Sommer.
    Russen in Badelatschen - Olé!

  3. Was Sie an der Krim beschreiben, ist an jedem anderem meernahen Urlaubsort der Welt genauso sehr zu finden. Waren Sie denn je dort? Die "Zeit" ist beizeiten eine solch banale Lektüre…man kann ja garnicht glauben, dass es sich redaktionell lohnt, Geld für einen derartigen Textabfall auszugeben! Der Artikel erweckt den Eindruck, zu sowjetischen Zeiten geschrieben worden zu sein, als ein Deutscher pro Jahr Russland und die Ukraine bereiste und die Klischees seiner letzten Dutzend Vorgänger repetierte. Diese Art von Oberflächlichkeit entzieht sich jeder geschmackvollen Beschreibung, und verdient nicht, gedruckt zu werden.

  4. Redaktion

    Sehr geehrte Leser,

    auf Bitte des Autors haben wir einen Fehler im Text berichtigt. Die Konferenz von Jalta fand nicht "nach dem zweiten Weltkrieg" sondern "vor Ende des zweiten Weltkrieges" statt. Wir bedauern den Fehler.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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