UkraineAuf dem Rücken der Krim

Tataren, Fellkuscheltiere und Russen in Badelatschen – einsam ist es im Gebirge der ukrainischen Halbinsel nicht. Der Wanderer kann trotzdem ein Abenteuer erleben. von Julius Schophoff

Blick auf Jalta mit den Bergen der Krim im Hintergrund

Blick auf Jalta mit den Bergen der Krim im Hintergrund  |  © Jean & Nathalie/Flickr

Als wir in der siebten Nacht den Pferdehof in den Bergen erreichen, müde und hungrig, über uns die Sterne, im Tal die Lichter des Dorfes, und unser Anführer Ilja Chomenko zu einer Entschuldigung ansetzt, es tue ihm leid, tausendmal, es sei alles seine Schuld – da wollen wir nichts davon hören. Wir lassen uns an der Tafel nieder und füllen unsere Gläser mit Wodka. Za sdorowje! Einmal, zweimal, dreimal, bis die Flasche leer ist. Auf die Gesundheit! Auf das Abenteuer!

Das war es doch, was wir, sieben Deutsche und ein Schweizer, gesucht haben auf der Krim – einer Halbinsel von der Größe Belgiens, die wie eine Flunder im Schwarzen Meer liegt. Das subtropische Klima und die heilsame Seeluft machten sie einst zum Modekurort der Aristokratie, später zur Massenerholungsstätte des Kommunismus; und auch heute, da die Krim als Autonome Republik zur Ukraine gehört, ist sie noch immer das bevorzugte Badeurlaubsziel vieler betuchter Russen. Statt wie sie am Strand zu liegen und uns von der milden Meeresbrise streicheln zu lassen, sind wir gekommen, um etwas Außergewöhnliches zu tun: Wir wollen das Krimgebirge erkunden, das sich hinter der rappelvollen Küste auftürmt. Ein Kleinbus bringt uns von Berg zu Berg, immer dorthin, wo die schönsten Wanderpfade beginnen.

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Schon der Reiseleiter Ilja Chomenko, der uns am Flughafen der Hauptstadt Simferopol abholt, sieht nach Abenteuer aus: schwarzer Stoppelbart, tiefdunkler Teint, stechend grüne Augen. Er trägt eine Militärkappe, ein Wüstentarnhemd und Bundeswehrstiefel; doch der 26-Jährige ist kein Soldat, sondern Germanist. »Herzlich willkommen, meine lieben Bergfreunde!«, sagt er und hält eine Begrüßungsrede in gepflegtem Doktor-Klitschko-Deutsch. Dann nimmt er den Bergfreunden ihre Rucksäcke ab und hievt sie in den Kofferraum.

In den ersten Tagen wohnen wir im Küstenort Balaklawa am südwestlichen Ende des Krimgebirges. Die Bucht von Balaklawa kannte ich schon von der Titelseite meines Reiseführers. Nun stehe ich mit Ilja auf dem Balkon unseres Hotels und sehe sie selbst: Das Ufer säumen weiße Hotelwürfel mit roten Spitzdächern, an der Promenade drängelt sich eine Flotte weißer Luxusjachten. Unter den Bugen glänzt das spiegelglatte, dunkelgrüne Wasser.

Sonnenbad an der Promanade von Jalta

Sonnenbad an der Promanade von Jalta  |  © Oleg Nikishin/Getty Images

Die Bucht ist lang, etwa einen Kilometer windet sich der Meeresarm zwischen kargen Kalkhügeln ins Landesinnere. Diese Lage bewahrte die Stadt vor so manchen Sturmwogen – und vor feindlichen Mächten. Ilja zeigt auf einen Tunnel, der auf der gegenüberliegenden Seite in den Fels führt: einen ehemaligen Atombunker und U-Boot-Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Kurz nach Hiroshima gab Stalin ihn in Auftrag; im Falle eines Atomkriegs sollten 3000 Menschen dort einen Monat überleben können. Es war eines der geheimsten Militärprojekte der Sowjetunion. »Die Regierung hat die Stadt und die Bucht von allen Landkarten gelöscht. Bis vor zwanzig Jahren wusste kaum jemand, dass Balaklawa existiert«, sagt Ilja. Seine Augen glänzen; er wirkt stolz auf die Vergangenheit des russischen Militärs. Aber ist er, der auf der Krim geboren ist, nicht Ukrainer?

»Warum hast du entschieden, dass ich Ukrainer bin?« Er sieht mich ernst an. »Ich habe russische Vorfahren, spreche Russisch, meine Kirche steht in Russland. Ob man Ukrainer oder Russe ist, entscheidet der Kopf, nicht der Pass!« Er spricht damit für einen Großteil der Krim-Bevölkerung; über die Hälfte sind Russen, und viele verfluchen bis heute den Tag im Jahr 1954, als der sowjetische Parteichef Chruschtschow die Halbinsel als Freundschaftsgeste an die Republik Ukraine verschenkte.

Aus einem Rohr plätschert Quellwasser. »Hier duschen die Hippies«, sagt Ilja

Unsere erste Wanderung führt zu einer Höhlensiedlung auf dem Mangup, zwanzig Kilometer landeinwärts. Wie eine Burg ragt der Tafelberg aus einer Welle grünen Waldmeeres. Solche Hochplateaus, vor Jahrmillionen als Korallenriffe entstanden, sind typisch für das Krimgebirge. Der Aufstieg durch einen dichten Buchenwald ist kurz und steil. An einer Stelle hängt ein blauer Vorhang im Dickicht, aus einem Plastikrohr dahinter plätschert Quellwasser. »Hier duschen die Hippies«, sagt Ilja, »die lieben den Mangup.« Krim-Indianer haben sich die einheimischen Aussteiger genannt, die das ganze Jahr über auf dem Berg hausen, von dem sie behaupten, er strahle positive Energie aus.

Schon eineinhalb Jahrtausende vor ihnen wussten die Goten die Frischwasserquellen auf dem regenarmen Tafelberg zu schätzen; später kamen die Griechen, Armenier, Osmanen, Karäer. Die Siedler höhlten oben auf dem Mangup ihre Schlafzimmer, Vorratsräume und Kerker in den weichen Kalkstein. So entstand ein mehrstöckiges, durch Treppen verbundenes Felslabyrinth. In einem Steinfenster sitzt eine junge Dame in wehendem Kleid, schlägt die Beine übereinander, wirft den Kopf nach hinten und lächelt – knips! Hinter ihr warten schon die Nächsten: Hatten wir den Aufstieg noch ganz für uns, so ist oben keine Spur von Einsamkeit. Russische Urlauber haben sich in Geländewagen bis kurz unters Plateau bringen lassen. In Glitzertops, Hotpants und Ballerinas flanieren die Russinnen durch die Höhlenstadt, an ihrer Seite Männer in Badelatschen und Jogginghosen, auf den braun gebrannten Brustkörben nichts als funkelnde Kreuzketten. Wir deutschen Wanderer in unserer atmungsaktiven Funktionskleidung wirken dazwischen wie Wanderstreber. Ist das Krimgebirge etwa doch nicht so wild und einsam, wie ich dachte?

Leserkommentare
  1. so gut geschrieben das ich mich reinfühlen konnte.
    Lieben Dank.

  2. Mhm erinnert frappierend an unsere Krimtour diesen Sommer.
    Russen in Badelatschen - Olé!

  3. Was Sie an der Krim beschreiben, ist an jedem anderem meernahen Urlaubsort der Welt genauso sehr zu finden. Waren Sie denn je dort? Die "Zeit" ist beizeiten eine solch banale Lektüre…man kann ja garnicht glauben, dass es sich redaktionell lohnt, Geld für einen derartigen Textabfall auszugeben! Der Artikel erweckt den Eindruck, zu sowjetischen Zeiten geschrieben worden zu sein, als ein Deutscher pro Jahr Russland und die Ukraine bereiste und die Klischees seiner letzten Dutzend Vorgänger repetierte. Diese Art von Oberflächlichkeit entzieht sich jeder geschmackvollen Beschreibung, und verdient nicht, gedruckt zu werden.

  4. Redaktion

    Sehr geehrte Leser,

    auf Bitte des Autors haben wir einen Fehler im Text berichtigt. Die Konferenz von Jalta fand nicht "nach dem zweiten Weltkrieg" sondern "vor Ende des zweiten Weltkrieges" statt. Wir bedauern den Fehler.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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