LondonTosca in der Kneipe

Rund 30 Pub-Theater gibt es in London. Hier wird zu Arien Bier getrunken, und auf der Bühne stehen sowohl Schauspielschüler als auch berühmte Mimen. von Julia Reichardt

Selten kommt man einer Opernsängerin so nahe wie hier: In einem Raum mit schwarz gestrichenen Wänden steht sie auf einer kleinen hölzernen Bühne direkt vor dem Publikum, kein Orchestergraben liegt zwischen ihnen, kein Dirigent versperrt den Blick. Man kann sehen, wie ihr Brustkorb sich weitet, ihr Kinn bebt, die Adern an den Schläfen anschwellen – könnte mit ausgestrecktem Arm sogar den Saum ihres Pelzmantels berühren. »Mein Leben gehört mir ganz allein«, singt sie, stößt sich ein Messer in den Bauch und stürzt zu Boden; einer ihrer Ohrclips fällt dabei auf den Schoß eines Zuschauers. Zweimal noch atmet sie tief ein, dann stirbt sie den Bühnentod. Puccinis Tosca, Ende des letzten Aktes.

Das Publikum tobt, als handele es sich um eine Premiere auf einem renommierten Opernfestival. Doch die Vorstellung spielt im Hinterzimmer einer Londoner Kneipe: Rund 30 Pub-Theater gibt es in der britischen Hauptstadt, verstreut über die verschiedenen Viertel. Die Bühnen sind winzig, die Ausstattung ist karg, die Vielfalt des Programms überragend: Ab acht Pfund kann man das ganze Jahr über Opern, Comedy, Shakespeare-Dramen oder Improvisationstheater sehen.

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Der Stadtteil Islington im Nordosten Londons wirkt auf den ersten Blick zu schick für so ein preisgünstiges Angebot. Maklerbüros, Boutiquen und Enthaarungsstudios reihen sich aneinander, Edelmetzgereien verkaufen Moorhuhn- und Kaninchenfleisch, viele Häuser sehen aus wie frisch renoviert. Doch hinter den schmucken Fassaden verstecken sich einige der besten und ältesten Pub-Theater der Metropole – wie das King’s Head, wo abends derzeit die Oper Tosca aufgeführt wird.

An der viktorianischen Fassade flattern Fahnen, Tosca- Plakate zieren die altmodischen Fenster, große Efeukübel die Mauern neben dem Eingang. Am Nachmittag sind die Türen weit geöffnet, Sixties-Musik füllt den Raum, das Pub ist noch fast leer. Hinter der Theke steht eine Frau mit Melonenhut und Flower-Power-Bluse. Der Theaterleiter Adam Spreadbury-Maher, Hornbrille und wilder Lockenschopf, sitzt auf einem violetten, verschlissenen Kunstledersofa und steckt sich einen Pfriemen Kautabak hinter die Oberlippe. An der türkis gestrichenen Wand ihm gegenüber hängt ein Schwarz-Weiß-Porträt von Dan Crawford, dem Gründer des King’s Head. »Das Haus hatte als Boxring und Billardhalle gedient«, sagt Spreadbury-Maher, »es war sehr heruntergewirtschaftet, als Dan es in den siebziger Jahren kaufte und in ein Pub-Theater verwandelte.« Aufführungen in Innenhöfen von Lokalen und Kneipen hatte es in England bereits zu Shakespeares Zeiten gegeben – das King’s Head leitete nun ihre Renaissance ein. Immer mehr moderne Pub-Theater entstanden als Gegenbewegung zu den Londoner West-End-Bühnen und deren Kommerzprogramm. Junge Schauspieler, Bühnenautoren und Regisseure wollten zeigen, dass professionelles Theater auch mit schmalem Budget und auf engstem Raum machbar ist, und die Kunst wieder in den Mittelpunkt rücken.

Nach Crawfords Tod im Jahr 2005 wurde das King’s Head vom Kneipentheater zum Pub-Opernhaus. La Bohème, Madame Butterfly, Carmen, Der Barbier von Sevilla waren seither hier zu sehen. Spreadbury-Maher ist künstlerischer Leiter des King’s Head, arbeitet nebenher aber noch als freier Opernregisseur. Vor wenigen Monaten hat er Puccinis Tosca an der Malmöer Oper inszeniert, einem der größten Opernhäuser Skandinaviens. »Für unser Pub habe ich das Libretto ins Englische übersetzt und gekürzt«, erzählt er. Aus drei Akten wurden zwei, aus zehn Darstellern vier, aus dem Orchester wurde ein Trio aus Cello, Oboe und Klavier. Um am Bühnenbild zu sparen, verlegte er die Handlung aus dem prunkvollen Rom des 18. Jahrhunderts in die letzten Tage der DDR: »Kulissen und Requisiten sind eh Nebensache, die Geschichte ist das Herz.« Dann holt er tief Luft und fragt: »Warum brauchen wir einen Dirigenten? Warum können die Zuschauer nicht mit auf der Bühne sitzen? Warum müssen wir Kostüme tragen? Ich bin nicht Regisseur geworden, um eine Limousine zu fahren. Ich bin Künstler. Das King’s Head gibt mir die Freiheit, zu experimentieren.«

In diesem Moment erscheint Becca Marriott in der Eingangstür. Gestern spielte sie die Tosca, heute ist sie ungeschminkt und trägt einen Lodenmantel. Sie hat Londons renommierte Guildhall-Schauspielschule besucht und studiert jetzt Operngesang an der Royal Academy of Music. Als sie hörte, dass das King’s Head eine Tosca- Aufführung plant, sandte sie ihren Lebenslauf ein, trat zum Casting an und bekam die Rolle. »Das Pub«, sagt Marriott, »ist ein tolles Übungsfeld. Man hört Nuancen der Stimme, die in großen Häusern untergehen. Und man darf keinen Augenblick nachlässig sein: Das Publikum ist so nah, dass es merkt, wenn ich mit der Augenbraue zucke oder nur so tue, als ob ich jemanden küsse.« Nach der Vorstellung klopfen ihr die Zuschauer oft auf die Schulter: »Gut gemacht, Tosca!« Sie lacht. »Im Pub hast du gar keine Chance, dich wie eine Diva aufzuführen.«

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