LondonTosca in der Kneipe
Seite 2/2:

Für den Besucher ähnelt ein Abend im Kneipentheater einer Tombola

Dafür hat man gute Chancen, eine echte zu werden: So manche große Karriere als Schauspieler oder Regisseur begann im Hinterzimmer einer Londoner Kneipe. Bevor Sarah Kane als Theater-Rebellin berühmt wurde, schockierte sie Pub-Zuschauer mit ihren radikalen Inszenierungen. Und Hugh Grant, Alan Rickman oder Mick Jaggers Sohn James begannen ihre Laufbahn auf Kneipenbühnenbrettern. 

Für ein paar Abende kehren berühmte Mimen auch immer wieder gern zu ihren Wurzeln zurück. In der Hen and Chickens Theatre Bar etwa, nur wenige Blocks vom King’s Head entfernt, kann man mit etwas Glück die großen britischen Komiker erleben. »Die testen ihre Sketche erst mal vor einem kleinen Publikum«, sagt Mark Lyminster, der Theatermanager des Hen and Chickens. Er sitzt auf der Treppe, die vom Kneipenraum zur Bühne hinaufführt, und verkauft Eintrittskarten für die Abendvorstellung. »Russell Brand zum Beispiel spielte schon hier«, erzählt er. »Einmal ist während seiner Aufführung eine Zuschauerin rausgegangen, auf die Toilette. Da hat Brand das gesamte Publikum hinter der Bühne versteckt, der Zuschauerraum war leer, als sie zurückkam.« Ein Scherz, der in einer großen Halle gar nicht möglich wäre.

Heute Abend allerdings sieht es aus, als blieben viele Zuschauerplätze auch gegen den Wunsch der Mimen leer. Skeptisch blickt Lyminster von der Treppe herab in die Kneipe. Der Fernseher läuft, Fans mit rot-weißen Schals drängen sich davor: Islingtons Fußballclub FC Arsenal spielt heute. Eigentlich sind Londons Pub-Theater bekannt für ihr buntes Publikum: Jutetaschen- und Anzugträger, eingefleischte Opernfans und Theaterneulinge. Besucher, die sich den Termin extra für ein Stück freigehalten haben, und Leute, die an der Theke spontan beschließen, lieber Kultur als Getränke zu konsumieren. »Aber Fußballfans und Theater, das geht nicht zusammen«, sagt Lyminster. »Das wird kein guter Abend heute.«

Als um Viertel nach sieben die Vorstellung beginnt, hat Lyminster nur eine Handvoll Eintrittskarten verkauft, die Hälfte davon an Schauspieler. Der Bühnenraum im oberen Stockwerk ist wie im King’s Head schwarz gestrichen – die typische Wandfarbe der Pub-Theater. Das Stück spielt im Zirkus und ist eine Rachekomödie aus dem 17. Jahrhundert, doch Humor ist bekanntlich Geschmackssache: Schon am Eingang springt den Zuschauern ein kreischender Clown entgegen. Auf der Bühne wird wenig später eine Frau vergewaltigt und ein Totenkopf geküsst; einem Mann reißt man die Zunge heraus – bei Tosca wollte man den Sängern möglichst nahe sein, hier sehnt man sich bald nach Abstand. Am Ende des zweiten Aktes sind fast alle Mitwirkenden melodramatisch gestorben. Und so mancher im Publikum hat nervlich nur überlebt, weil im Zuschauerraum von Pub-Theatern alkoholische Getränke konsumiert werden dürfen.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

»Wir lassen jeden auftreten, der die Miete für die Bühne zahlen kann«, sagt Mark Lyminster und zuckt die Schultern. »Wer bin ich, für das Publikum zu entscheiden, was gut ist und was schlecht?« Für den Besucher ähnelt ein Abend im Kneipentheater immer einer Tombola: Man kann den Hauptgewinn ziehen und eine künstlerisch wertvolle Vorstellung erleben, sich aber auch gehörig über eine Niete ärgern.

Oft weiß man auch deshalb nicht, was auf einen zukommt, weil viele Stücke vorher noch kein Mensch gesehen hat; sie wurden gerade erst geschrieben. Das Old Red Lion Theatre Pub, ebenfalls in Islington, hat sogar eine eigene Literaturabteilung, um neue Drehbücher zu sichten, und veranstaltet jährlich einen Wettbewerb um das beste Bühnenstück. »Der Gewinner hat dann ein Jahr lang Zeit, den Stoff mit uns zu entwickeln und aufzuführen«, sagt Nicholas Thompson, der Theaterleiter.

Auch sonst ist das Old Red Lion offen für innovative, unkonventionelle Ideen. An der mit Theatermasken geschmückten Fassade ist jeden Donnerstag auf einer Tafel zu lesen: »All you can pay« – die ersten zwanzig Gäste dürfen selbst entscheiden, wie viel Eintritt sie zahlen. Und im New Red Lion, der Tochterkneipe ein paar Straßen weiter, werden Speisekarte und Getränke alle paar Monate ausgetauscht und an das Motto der neuen Theatersaison angepasst.

Unterkunft

Das Premier Inn London Angel Islington liegt in Laufnähe zu etlichen Pub-Theatern. 18 Parkfield Street, Tel. 0044-871/5278558. DZ ab 86 Euro ohne Frühstück.

Das Radisson Blu Edwardian Mercer Street, ein Vier-Sterne-Boutiquehotel in Covent Garden. 20 Mercer Street, Tel. 0044-20/78364300. DZ ab ca. 230 Euro inkl. Frühstück

Pub-Theater

Eine Auswahl der besten Bühnen gibt es unter: www.visitlondon.com/things-to-do/whats-on/theatre/pub-theatres-in-london.

Die Pub-Theater sind auch unter www.offwestend.com aufgeführt

Auskunft

www.visitbritain.com

Das Old Red Lion ist heute Abend voll. Auf dem Programm steht eine schwarze Komödie, die in der Thatcher-Ära spielt. Auf der Bühne sitzen zwei Männer in Gartenstühlen. Das Summen einer Fliege ist zu hören, hinter den Kulissen erklingt Frauenlachen. Der Korken einer Weinflasche ploppt. Heile Londoner Vorstadtidylle. Doch plötzlich beginnt einer der Männer herzzerreißend zu weinen. Als sich wenig später die Frauen der beiden dazugesellen, schüttet der andere seiner Liebsten Wein ins Gesicht. Nach und nach steigern sich die beiden immer stärker in verschiedene Psychosen hinein. Das Stück will humorvoll gesellschaftliche Normen hinterfragen – was ist normal, was krank?

Schon bald weiß auch das Publikum nicht mehr, ob Lachen oder betretenes Schweigen angemessen ist, und entscheidet sich schließlich für beides durcheinander; immer mehr verschwimmen die Grenzen. Das Stück ist perfekt für einen Ort, an dem sich Schauspiel- und Trinkkultur vermischen. Für eine Theaterart, bei der Clowns im Publikum sitzen, Bier zu Arien getrunken wird, Stars und Schauspielschüler auftreten und Theaterleiter oft die Bühne putzen müssen.

Und gleich, wenn der Vorhang gefallen ist, werden Darsteller und Zuschauer in den Kneipenraum strömen. Dort gemeinsam reden, anstoßen und flirten. Wo die Bühne aufhört und wer wen spielt – das weiß auch nach der Vorführung keiner so genau.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte London | Theater | Kulturbetrieb | Reise | Tourismus
    Service