Luchs Nr. 310Knallbunter Boogie-Woogie

Ein Kunst-Bilderbuch über Piet Mondrian: Spielerisch, klug und gar nicht didaktisch. von Maria Linsmann

Ein flugunfähiger Vogel und ein kastenförmiger Hund – mit ihnen rasen wir durch dieses Buch. Krawinkel und Eckstein heißen die ungleichen Freunde, die man als Wohngemeinschaft zum Beispiel aus der Sendung mit der Maus kennt. Sie sind das Werk des niederländischen Kinderbuchmachers Wouter van Reek, und er hat nicht nur Vogel und Hund fürs Fernsehen animiert, sondern lässt sie auch in Büchern leben. Nun in diesem, einem besonderen: einem Kunst-Bilderbuch über Piet Mondrian.

Die Kuratoren des Gemeentemuseums in Den Haag laden immer wieder bekannte Bilderbuchautoren und Illustratoren ein, jeweils einen Künstler oder ein Werk aus der Sammlung in einem fiktionalen Bilderbuch vorzustellen. So kamen Krawinkel und Eckstein zu Mondrian und seiner zwischen 1942 und 1944 entstandenen, unvollendet gebliebenen Komposition Victory Boogie Woogie, einem der wichtigsten modernen Gemälde der Sammlung.

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Die Geschichte beginnt schon auf dem Vorsatzblatt: Dort treffen Krawinkel und Eckstein den Maler Spähwinkel und dessen Hund Foxtrott, die auf der Suche nach der »neuen Zukunft« sind. »Die kommt doch von selbst«, meint Krawinkel und geht zum Essen nach Hause. Aber die Sache lässt ihm keine Ruhe, und er nimmt gemeinsam mit Eckstein die Verfolgung auf. Im Gedränge der U-Bahn einer immer moderner und voller werdenden Stadt verlieren sich die Freunde. Doch schließlich findet Krawinkel nicht nur Eckstein, sondern auch den Maler Spähwinkel. Im Atelier zeigt der die von ihm inzwischen entdeckte Zukunft – ein ungewöhnliches, fast vollendetes Gemälde, Mondrians Victory Boogie Woogie.

Das sei die Zukunft, das sei »der Stil«, erklärt Spähwinkel, und Krawinkel staunt. Foxtrott schließlich holt seine »allermodernste und allerwildeste Schallplatte« hervor, und alle vier legen einen wilden Boogie-Woogie aufs Parkett.

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Klicken Sie auf das Bild für eine Übersicht der letzten Bücher mit dem Luchs-Preis  |  © photocase.de

Diese unterhaltsame Bilderbuchgeschichte wird dadurch richtig spannend, dass die Reise der Protagonisten durch das Werk Piet Mondrians führt und den Betrachter die Entwicklung seiner Kunst von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion nachvollziehen lässt. So liegen Krawinkel und Eckstein zu Beginn des Buches unter einem Baum, der eine Reminiszenz ist an Mondrians Der rote Baum. Schon auf der nächsten Seite verwandeln sich die Bäume schrittweise in abstrakte Gebilde. Die Stadt bezieht sich in Aufbau und Farbgebung auf Mondrians frühe Kompositionen. Und je weiter Krawinkel und Eckstein in diese Stadt eindringen, desto deutlicher erinnert sie in ihrer Konstruktion aus geometrischen Grundflächen in den Primärfarben an die typischen Mondrian-Gemälde.

Zudem schafft Wouter van Reek eine Vielzahl von Bezügen zu den Arbeiten Mondrians: So steht Eckstein vor einem Stadt- oder U-Bahn-Plan, der aussieht wie ein spätes Mondrian-Gemälde. Dieser verarbeitete in seinen New Yorker Bildern nicht nur die Hektik der Großstadt, die auch Thema des Bilderbuches ist, sondern ebenso das geometrische Raster des Stadtplans. Mondrian war zudem Jazzliebhaber und begeisterter Tänzer und hätte sicher seine Freude daran gehabt, wie die vier Bilderbuchhelden durch sein imaginäres Atelier swingen, während die geometrischen Formen seines Spätwerks aus dem Bild heraussteigen und frei durch den Raum schweben.

Es gibt viel zu entdecken in diesem Kunstbuch für Kinder, einer klugen, aber zugleich spielerisch leichten und niemals didaktischen Einführung in das Werk Piet Mondrians.

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