Lyriker Ezra PoundLass den Wind reden

Ezra Pound macht es Bewunderern schwer. Aber es lohnt, seine Widersprüche auszuhalten. Erstmals erscheint eine komplette Ausgabe des epischen Gedichtzyklus "Die Cantos". von Marie Schmidt

Ezra Pound 1910

1910: Der noch junge Dichter Ezra Loomis Pound (1885 - 1972)  |  © Hulton Archive/Getty Images

Als Eva Hesse vor sechzig Jahren anfing, Ezra Pound zu übersetzen, befand sich der Patriarch des angloamerikanischen Modernismus in St. Elizabeth, einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke in Washington, D. C. Seine Übersetzerin hatte gerade ihr Literaturstudium abgebrochen, um sich mit der neuesten englischsprachigen Literatur zu beschäftigen. Es entspann sich eine Korrespondenz mit dem vierzig Jahre älteren, des Verrats an den Vereinigten Staaten angeklagten Dichter. Dessen poetische Meriten drohten eben hinter seinen verworrenen ökonomischen Theorien zu verblassen, die ihn im Italien der dreißiger Jahre für den Faschismus hatten Partei ergreifen lassen. Eva Hesse erlebte aber zuerst »seine uneitle und unautoritäre Art, seine Offenheit und Großzügigkeit«, mit der er ihr begegnete.

Ezra Pound wird heute deutlich weniger gelesen als manche Zeitgenossen, James Joyce etwa oder T. S. Eliot. Man scheut die Widersprüche seiner Biografie und seiner Dichtung. Eva Hesse hat indes mehr als ein halbes Jahrhundert mit diesem »massiven Charakter« verbracht. Sie ist die einzige Vermittlerin Pounds in deutscher Sprache. Jetzt erscheint im Züricher Arche Verlag zum ersten Mal eine komplette, zweisprachige Ausgabe von Pounds epischem Lyrikzyklus Die Cantos.

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Man kann das als doppeltes Lebenswerk lesen: die etwa 120, zwischen 1917 und 1966 geschriebenen Gesänge Pounds, die Dantes Göttlicher Komödie und Homers Odyssee nachreisen und eine Unmenge an historischem Material und kulturellem Wissen mit sich tragen. Und die eindrucksvolle Übertragung von Eva Hesse. Die Anglisten Manfred Pfister und Heinz Ickstatt haben die neue Edition herausgegeben. Einige bislang nicht übersetzte Cantos sind von Pfister nachgetragen, das Nachwort und der Kommentar von Ickstatt geben einen handhabbaren Schlüssel für den monumentalen Text. Zwar kann nichts dessen Kompliziertheit ausräumen, aber mit dieser Ausgabe lässt sich überlegen, worin genau die Zumutung der Gedichte besteht. Zur Debatte stünde damit nichts Geringeres als die Rolle der Kunst in der modernen Gesellschaft.

Tatsächlich hätte die amerikanische Öffentlichkeit der Nachkriegszeit Pound lieber in der Anstalt vergessen. In Italien lebend, hatte der Poet während des Krieges wütende Ansprachen im Rundfunk gehalten, mit antisemitischen Attacken durchsetzt, vermischt mit Anspielungen auf Konfuzius und einen ganz idiosynkratischen Bildungskanon. Seine Landsleute verstanden ihn so wenig wie die faschistischen Behörden, die argwöhnten, er sende Geheimcodes nach Amerika. Dort allerdings wurde der »radio traitor« in Abwesenheit angeklagt, und als er nach der Landung der Alliierten verhaftet wurde, entging er einem Urteil nur, weil man ihn für unzurechnungsfähig erklären ließ. Die folgenden zwölf Jahre verbrachte der greise Dichter in der Anstalt, wo er Besuch empfing und Briefe, unter anderem von William Carlos Williams, T. S. Eliot, dem jungen Marshall McLuhan und Hugh Kenner, der später ein Buch mit dem Titel The Pound Era schrieb.

Denn trotz seines unglaublichen Starrsinns hatten die in den zwanziger Jahren von Pound initiierten Bewegungen des Imagismus und des Vortizismus die Sprache der Lyrik revolutioniert. Über konventionelle Rhythmen und Motive seiner Vorgänger setzte er sich radikal hinweg, orientierte sich an der Literatur des Mittelalters und der Renaissance, um einen sinnlichen Umgang mit seinem Material zu finden: Wörtern, die durch ihren Klang und als grafisches Objekt auf dem Papier Vorstellungen und Bilder im Leser hervorrufen sollten, wie es auch nichtsprachliche Erfahrungen könnten.

Von dem Orientalisten Ernest Fenollosa lieh sich Pound die Idee, besonders chinesische Zeichen seien dafür ein ideales Medium, insofern sie die Vorgänge der Natur geradezu gestisch nachvollzögen. Er träumte den alten Traum von einer Sprache, die nicht nur ihrer Regeln und Konventionen wegen verständlich ist, sondern durch sich selbst motiviert ist, indem sie aktiv Wirklichkeit »macht«. Auf quasinatürliche Weise meinte er mit alphabetischer Schrift Wahrnehmungen produzieren zu können, indem er Anspielungen auf historische Details, extrem kondensierte Zitate und lyrische Syntagmen Vers auf Vers übereinanderschichtete. Im Bewusstsein des Lesers vibrieren die Zusammenhänge, räsonieren die Zwischenräume zwischen den Bildern und produzieren unmittelbar Erlebnisse und Ideen, das zumindest war Pounds Hoffnung.

Für seine Nachfolger setzte er damit ein freieres Schreiben in Gang. Seine Cantos steigern sich aber derart in ihren Beziehungsreichtum hinein, dass sie passagenweise unverständlich werden. Forscher haben bemerkt, dass es einfacher geworden ist, Pounds Denkstil nachzuvollziehen, seit man die Struktur des Hypertextes im Internet gewohnt ist. Vielleicht könnte man sich den idealen Pound-Leser so vorstellen: als ein hysterisch jeden Link klickendes Bewusstsein, das virtuell unendliche Schichten von Sinn aktualisieren und unerschöpfliche Verbindungen ziehen kann. Mit den Ungebildeten jedenfalls hatte Pound kein Mitleid: »Wenn der Leser nicht weiß, was ein Elefant ist, dann ist das Wort undurchsichtig.«

Leserkommentare
  1. Der Skandal um Kracht hat in einer Besprechung der "Cantos" von Pound nichts verloren, schon allein deswegen nicht, weil Krachts Roman nichts, aber auch gar nichts enthält, was auch nur im Entferntesten als politisch anstößig gelten kann.

    Man muss schon ein sehr ungeübter Leser oder ein übler Intrigant sein, wenn man dem Autor Deutschtümelei oder Nähe zu rechtem Gedankengut (im Roman, wohlgemerkt) vorwirft, während einem auf jeder einzelnen Seite der beißende Spott über die Deutschen und ihr biederes und dümmliches Herrenmenschentum geradezu anspringt.

    Doch nun zu Pound und Eva Hesse:

    Jeder, der sich einmal -das muss wirklich nicht lange sein!- die Übersetzungen von Pound oder T.S. Eliot, die Frau Hesse angefertigt hat, näher ansieht, der wird -gelinde gesagt- schockiert sein über die Fehlerhaftigkeit, die seltsame Schrägheit und ärgerlichen Ungereimtheiten, auf die man dort stößt.

    Pound wird -wenn überhaupt- erst dann einem deutschen Publikum zur Gänze zugänglich sein, wenn eine Übersetzung erscheint, die jemand angefertigt hat, der eine völlig andere Auffassung davon hat, wie man ein Gedicht in eine andere Sprache überträgt.

    Ich wünsche einem solchen Mammut-Werk dann eine würdige Besprechung, die auf Genauigkeit, Sprachmächtigkeit und sprachliche Brillianz abhebt und nicht, wie hier, die Dichterpersönlichkeit in den Vordergrund rückt, über die an anderer Stelle (z.B. Wickipedia) leicht genug in Erfahrung gebracht werden kann.

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