Es ist schon ein bisschen unverschämt. Da müht sich die Avantgarde mehr als hundert Jahre lang redlich ab. Sprengt den Werkbegriff. Zerstört das organische Kunstwerk. Signiert Urinale und presst Fäkalien in Dosen. Kultiviert die Ästhetik des Ephemeren. Stellt sich in den Dienst revolutionärer Bewegungen. Tut alles, um den bourgeoisen Fetisch Kunst auszurotten. Und dann kommt einer daher wie der Künstler Eric Fischl (geboren 1948 in New York City). Greift zu Pinsel und Leinwand, drückt Ölfarbe auf die Palette und – malt. Porträts. Wie damals im Salon de Paris. Verewigt seinen exquisiten Bekanntenkreis, und damit fast ausschließlich weiße Vertreter des vermögenden amerikanischen und europäischen Kulturestablishments, mit seiner unspektakulären, modernistisch-akademischen Maltechnik. Mal ist es Steve Martin in Shorts am Strand (1998), mal die nackte Künstlerin und Schauspielerin Anh Duong auf dem Schoß des – selbstverständlich bekleideten – Kunstauktionators Simon de Pury (2003).

Die Finanzsysteme beben, die Meere sind überfischt, das Frühstücksei steckt voller Dioxin. Fischl aber erhebt sich morgens aus seinem Bett im beschaulichen Sag Harbor, NY, setzt Teewasser auf, holt Fotos seiner Freunde, Gönner und Bewunderer aus der Schublade und malt sie in aller Ruhe ab. Weg mit Romney-Obama-Duellen, Libor-Affären und Maya-Prophezeiungen, weg mit der Ölpest, Al-Kaida, Überalterung und Justin Bieber. Hier gibt es keine Kritik, keinen Protest, keine Analysen. Hier gibt es nur zweierlei. Erfolgreiche Menschen. Und einen erfolgreichen Maler.

In der vor Kurzem eröffneten Zürcher Filiale von Jablonka, passenderweise mitten im Finanzdistrikt gelegen, sind nun sechs Exemplare dieser eigentümlichen Porträtserie aus den Jahren 1992 bis 2010 zu sehen. Links vom Eingang befindet sich ein kleinformatiges Brustbild des Kunsthändlers Thomas Ammann (1998, 75.000 Dollar), gegenüber der Stirnseite eine großformatige Darstellung des Malers Francesco Clemente im Kreise seiner Familie (1995, 750.000 Dollar), rechter Hand die Öl-Vorstudie eines Aktporträts von Fischls Gattin, der Landschaftsmalerin April Gornik (1998). Hinzu kommen ein Doppelporträt des Extennisstars John McEnroe und des Künstlers David Salle (1992, 175.000 Dollar), ein expressionistisch angehauchtes Bildnis des Sammlers Stefan Edlis (1999) sowie ein weiteres Doppelporträt, namentlich des Musikers Paul Simon und seiner Frau Edie Brickell (2005). So entsteht ein kleines Konterfeikabinett der Strippenzieher des Kunstsystems und der hochkulturell anschlussfähigen Celebritys – zur Abwechslung mal nicht im Internet oder in Hochglanzmagazinen, sondern in einer Salonausstellung en miniature.

Braucht das irgendwer? Ein kommentarloses Defilee von Stars und decision makers? Nach Marcel Duchamp, John Cage und Co.? Und ohne doch wenigstens auf neoromantische Weise dem Erhabenen zu frönen, wie es derzeit im Kunstbetrieb in Mode kommt? Es wäre in der Tat naheliegend, Fischls nachgerade trotzig anachronistische Serie als Regressionssymptom abzutun. Sie als Rückfall in die Hofmalerei einzustufen, nur eben ohne pittoreske Höfe. Sie abzukanzeln als bloßen Ausdruck des Einverstandenseins mit allem, was da so Rang und Namen hat. Irritiert werden vor allem diejenigen sein, die Fischl bislang nur aus seiner Frühphase in den siebziger und achtziger Jahren kannten.

Damals reüssierte er als Seismograf der mentalen Ödnis und der heimlichen Sex-Perversionen in amerikanischen Vorstädten. Seine stets etwas ungelenk wirkenden Gemälde bevölkerten nackte Typen, die in alberne Planschbecken onanierten, gesichtslose Männer beim rituellen Barbecue am Pool, alternde Frauen, die jugendlichen Gigolos ihre entblößten Vulven entgegenreckten. Es roch nach posthistorischer Langeweile und saturierter Verzweiflung. Die allgegenwärtige Nacktheit erschien als Ausweg in die Ausweglosigkeit. Heute bringt man die suburbane Tristesse eher mit Filmen wie Larry Clarks Ken Park oder mit der Popmusik in Verbindung, von den Punkrockern Black Flag über die Pet Shop Boys bis hin zu Soundgarden und ihrem ätzenden Musikvideo zu Black Hole Sun. Fischl gab dieser Tristesse einen Platz in der Malerei, irgendwo zwischen Edward Hopper, der Ashcan School und Edgar Degas.

Es ist also nicht so, dass wir es bei Fischl mit einem eingefleischten Reaktionär zu tun hätten. Interessanterweise unterrichtete Fischl in den siebziger Jahren am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, damals ein Brutreaktor der Konzeptkunst und ein internationales Sammelbecken für progressive Köpfe. Er war dort ungefähr zur selben Zeit tätig wie Kasper König, der spätere Direktor des Kölner Museums Ludwig. Sein Kunststudium wiederum absolvierte Fischl an der Westküste der USA, in Arizona und Kalifornien, was seinen Arbeiten deutlich anzusehen ist. Die elitäre, verkopfte Abstraktion der Ostküste und insbesondere der New York School hat ihn nie tangiert. Galt die bildende Kunst der Westküste lange als oberflächlich und antiintellektuell, weil mutmaßlich zu sehr dem Sinnlichen verhaftet, so wurde dieses Klischee unlängst mit der Mega-Show Pacific Standard Time infrage gestellt.