RechtsextremismusGeneration Nazi

»Wo sind hier Neonazis?«: Anfang der 90er Jahre kümmerte die Behörden der zunehmende Rechtsextremismus in der Ex-DDR nicht. Diese Erfahrung prägte die NSU-Terroristen mehr als alles andere. von 

Wir wissen, dass Beate Zschäpe ihre beiden Katzen liebte. Wir wissen, dass sie ihren rumänischen Vater nie kennengelernt hat und bei ihrer Oma aufwuchs. Wir wissen, dass Uwe Mundlos ein Sohn aus gutem Hause war und Uwe Böhnhardt 1988 einen Bruder verlor.

In den vergangenen zwölf Monaten gab es reihenweise Berichte über die NSU-Terroristen. Fasziniert vom Bösen, haben sich die Medien ausgiebig über die Leben von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gebeugt, haben Kinderfotos betrachtet und ehemaligen Nachbarn gelauscht. Das befriedigte die Neugier – aber das allein erklärt nicht, wie drei Jugendliche aus Jena zu Rechtsterroristen wurden. Dazu muss man auch etwas anderes in den Blick nehmen: die Zustände in der Ex-DDR Anfang der neunziger Jahre. Damals wurde eine Generation junger Rechtsextremisten geprägt. Selbst schwerste Gewalttaten blieben nahezu ohne Sanktionen – und als der Staat irgendwann doch reagierte, waren die Rechtsextremen tief empört. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zogen lediglich durch, was in jenen Jahren die ganze Szene diskutierte: den Griff zur Waffe.

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Eisenach, der 1. Mai 1990. Breit grinsend steht Michael Kühnen vor dem Hauptbahnhof und gibt Spiegel TV ein Interview. An einem winzigen Thüringer Grenzübergang hat er trotz offiziellen Einreiseverbots durchs Netz schlüpfen können. Und so steigt er an jenem Tag auf die Bühne des Kulturhauses von Nordhausen – wo zuvor sozialistische Jugendweihefeiern stattfanden, hetzt nun Kühnen einen Saal voller Anhänger auf und singt mit ihnen »Deutschland, Deutschland über alles«, die Arme zu einem leicht abgewandelten Hitlergruß erhoben.

In den achtziger Jahren waren auch in der DDR rechtsradikale Gruppen entstanden, Ende 1988 zählte die Stasi mehr als 1000 Szeneangehörige. Obwohl Antifaschismus Staatsräson war, grassierte ein Alltagsrassismus, etwa gegen Polen oder Vietnamesen. Mit Nazisymbolik konnte man als Jugendlicher trefflich die Autoritäten provozieren. Das tat auch Uwe Mundlos in Jena: Seine Schule trug den Namen eines kommunistischen Widerstandskämpfers, aber er ritzte im Werkunterricht Hakenkreuze in die Schulbank. Als mit dem SED-Staat dessen Überwachungsnetz zusammenbrach, fachten Kühnen und Co. einen braunen Aufschwung Ost an. Niemand hinderte sie daran. Am 20. April 1990 in feierten Neonazis Hitlers Geburtstag öffentlich auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin, am Fuße des Fernsehturms schwenkten sie Reichskriegsflaggen.

Der alte Staat war nicht mehr da, der neue noch nicht. Mindestens zwei Jahre lang, von Anfang 1990 bis Ende 1991, herrschte eine Art Vakuum. Ständig wurden Behörden aufgelöst und neu gegründet, die Beamten wussten – sofern sie überhaupt arbeiten konnten – oft nicht, was sie gemäß den neuen Westgesetzen tun sollen und dürfen. Viele Ex-Volkspolizisten trauten sich kaum auf die Straße – auch weil die Ausrüstung miserabel war. Straftäter mit Westautos fuhren den alten Wartburg-Streifenwagen einfach davon. Es fehlte an Ausrüstung, an Schilden, Helmen, Schlagstöcken, um gegen Neonazis vorzugehen. Noch lange trugen die Beamten alte DDR-Uniformen und machten sich damit zum Gespött. Auch der Justizapparat wurde völlig neu aufgebaut. Und nach den Erfahrungen mit der Stasi gab es im Osten massive Widerstände gegen die Neugründung von Verfassungsschutzbehörden. Erst Mitte der neunziger Jahre war der Repressionsapparat des Staates wieder funktionsfähig, aber auch danach wurde der Rechtsextremismus oft ignoriert oder verharmlost.

Was möglich war, hat etwa der Dokumentarfilm Wahrheit macht frei festgehalten. Ende 1990 wollen Neonazis in Dresden marschieren, es wimmelt von Skinheads, immer wieder skandieren sie »Sieg Heil, Sieg Heil«. Der Filmemacher spricht den Polizeieinsatzleiter an, der keine 50 Meter entfernt steht. Der Beamte, am Dialekt als Sachse erkennbar, antwortet: »Im Moment wär zu klären: Wo sind hier Neonazis?« Der Journalist insistiert: »Aber es wird doch permanent der Hitlergruß gemacht, da vorne, für die Fotografen sogar! Das sind doch eindeutig Neonazis!« Die schulterzuckende Antwort: »Ich hab noch nichts festgestellt! Muss ich Ihnen so sagen.«

Just in jenen Jahren machen in Jena die späteren NSU-Terroristen ihre ersten Erfahrungen mit dem neuen Staat. Mundlos und Böhnhardt marschieren in SA-ähnlicher Montur durch ihr Wohngebiet Winzerla – niemand schreitet ein. Beate Zschäpe, 16, fällt wegen mehrerer Diebstähle auf – und wird höchst milde bestraft. Ende 1991 eröffnet in ihrem Plattenbauviertel ein städtischer Jugendclub – Mundlos und Kameraden übernehmen ihn bald. Unter dem Etikett »akzeptierende Jugendarbeit« lässt man sie dort machen, was sie wollen, irgendwann darf sogar eine Skinheadband auftreten. Der erst 14-jährige Uwe Böhnhardt klaut reihenweise Autos, liefert sich Verfolgungsjagden mit der Polizei – es braucht 19 Straftaten und mehr als ein Jahr, bis er erstmals in U-Haft kommt.

Leserkommentare
  1. Ber Artikel ist gut geschrieben, aber es fehlt mal wieder, wie sooft in der öffentlichen Berichterstattung die Abgrenzung zwischen links- und rechts- orienterten Skinheads, was wiederrum ein schlechtes Bild auf die linke Szene wird, deren Skinheads dann zwangsläufig auch als rechtsradikal beschimpft werden.

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  • Schlagworte NSU | Nationalsozialistischer Untergrund | Rechtsextremismus
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