NordirlandDie Mauer

Seit 1969 trennt die sogenannte Friedenslinie die irische Stadt Belfast. Wie leben die Bewohner heute mit der Teilung? von 

Sie ist ein Monstrum. Hässlich, riesig, zerstörerisch. Jeden Tag blicken die McNeills und die Dalzells sie an, sie steht in ihren Gärten – ein Ungetüm aus Beton, Metall und Drahtgeflecht. Zehn Meter hoch ragt sie in den Himmel, lässt ihre Häuser im Schatten versinken und ihre Blumen immer wieder verkümmern. Sie ist die Mauer, die die beiden Familien voneinander trennt, ihr Viertel spaltet und ihre Stadt Belfast teilt. Neben der auf Zypern ist sie die Letzte ihrer Art in Europa . Die McNeills und die Dalzells leben auf zwei verschiedenen Seiten der Mauer und haben sich noch nie gesehen. Die McNeills sind Katholiken, die Dalzells Protestanten. Auch 43 Jahre nach dem Ausbruch des Nordirlandkonflikts und 14 Jahre nach dem Karfreitags-Friedensabkommen können die beiden Familien nicht zueinanderfinden.

Kevin McNeill steht in seinem Garten. Seine Nachbarn rechts und links von ihm haben ihre Hintergärten mit Gitterzäunen überdacht, sie in Käfige verwandelt. In gewisser Weise haben sie sich selbst gefangen genommen. »It’s depressing«, sagt McNeill. Er hat seinen Käfig wieder abgebaut, er erinnerte ihn zu sehr an eine Gefängniszelle. McNeill deutet auf die Mauer, das Monstrum, acht Meter von ihm entfernt. Von dort drüben, der anderen Seite, flogen Ziegel, Steine, Golfbälle, Benzinbomben herüber und landeten in seinem Garten, deshalb wuchs das Monstrum über die Jahre Stück für Stück in die Höhe: erst Beton, dann Metall, am Schluss kam der Gitterzaun am oberen Ende. Nun ist kaum vorstellbar, dass noch irgendetwas hinübergelangt.

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Kevin McNeill, seine Frau Theresa und ihre drei noch lebenden Kinder haben es sich mit dem Monstrum gemütlich gemacht, haben Holzplanken auf der Terrasse verlegt, einen Grill aufgestellt und ein Trampolin. Im Sommer feiern sie dort gemeinsam mit ihren Freunden in der Sitzecke. Die McNeills können die Mauer von fast jedem Punkt ihres Hauses sehen, von der Couch im Wohnzimmer, von der Küche, von den Kinderzimmern im oberen Stockwerk. Sie ist so allgegenwärtig, dass sie für die McNeills inzwischen unsichtbar geworden ist.

Kevin McNeill setzt sich auf den riesigen Ledersessel in seinem Wohnzimmer, seine Frau Theresa hockt sich auf das Sofa gegenüber. Er ist 48, sie 53, beide sehen müde aus, graugesichtig, als hätten sie schon lange keine Nacht mehr durchgeschlafen. In ihrem Wohnzimmer sind die McNeills von Toten umzingelt: Ganz in der Nähe liegt ein Ehrenhain, durch ihr Fenster können sie die Bilder der »Märtyrer« an der Mauer sehen, die ihr Leben für ein vereinigtes Irland gelassen haben. Gleich links neben der Eingangstür des Wohnzimmers hängt eine Zeichnung in Schwarz-Weiß, zwei Jungs im Teenageralter sind darauf. Es sind Theresas und Kevins Söhne, sie leben nicht mehr. Und auf der Anrichte steht ein Foto, auf dem ein blonder Junge in die Kamera grinst. Es ist Theresa McNeills Bruder. Er hatte sich als 16-Jähriger freiwillig bei der IRA gemeldet, sollte eine Bombe legen. Sie explodierte zu früh, der Bruder und seine drei Helfer starben. Das war 1972, Theresa war gerade 13. Sie holt einen Kristallteller aus dem Schrank, die IRA hat ihn ihr geschenkt: »In liebevoller Erinnerung« steht darauf. Ein Teller für einen Bruder.

Theresa McNeill wohnte schon 1969 mit ihren Eltern in dieser Straße, der Bombay Street im Westen von Belfast , als Protestanten aus dem benachbarten Viertel Brandbomben warfen und ihre Häuser anzündeten. Es war einer der Auftakte der »troubles«, des bis heute fortdauernden Konflikts zwischen Protestanten, die weiter zu Großbritannien gehören, und Katholiken, die mit Irland vereinigt werden wollen. Nach diesen Unruhen stellten die Anwohner Barrikaden zwischen ihren Vierteln auf, die von der Armee erst durch Stacheldraht und später durch Mauern ersetzt wurden. Die »peace line«, die »Friedensmauer«, in der Bombay Street war eine der ersten in Belfast, sie sollte Frieden schaffen zwischen den verfeindeten Nachbarn. Sie war als temporäre Maßnahme geplant. Heute gibt es etwa 99 verschiedene peace lines. Die Mauer teilt nicht wie einst in Berlin zwei Teile der Stadt komplett, sie trennt nur besonders gefährdete Viertel voneinander. Es gibt auch »gemischte« Viertel, die nicht geteilt sind.

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