Jean AméryAch ja, Heimat!

Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Jean Améry in Wien geboren – Anlass für eine Hommage. von Karl-Markus Gauss

Jean Amérys Grab in Wien

Jean Amérys Grab in Wien  |  © Wikipedia (Creative Commons)

Er wurde vor 100 Jahren, am 31. Oktober 1912, als Hans Mayer in Wien geboren. Doch der unverfängliche Name schützte ihn nicht davor, von den Rassewächtern des Nationalsozialismus als Jude erkannt und verfolgt zu werden. Erst jene, die ihm nach dem Leben trachteten, haben ihn seine Herkunft entdecken lassen und ihm so eine Identität aufgezwungen, die er damals keineswegs als die Seine empfand. Noch 1937 hatte der junge Mann, der Schriftsteller werden wollte und sich als österreichischer Patriot verstand, bekräftigt: »Mich bringt niemand weg von hier.«

Schon im Jahr darauf musste er aus der Heimat, die zur Falle geworden war, um sein Leben flüchten. Hans Mayer wird von einer Station des Exils zur nächsten getrieben, nach Antwerpen, Saint-Cyprien, Gurs und endlich in die Hölle der Konzentrationslager, aus der er, verwundet fürs Leben, nicht nach Österreich, sondern in die rettende Fremde, nach Brüssel, zurückkehrt.

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1955 nahm er, die Buchstaben des urösterreichischen Mayer vertauschend, den französischen Namen an, mit dem er berühmt wurde: Jean Améry. Er schrieb, in finanzieller Not und existenzieller Bedrängnis, Tausende Zeitungsartikel, träumte aber immer von etwas anderem – von einem literarischen Werk, das ganz von seiner in Krisen geformten Persönlichkeit durchdrungen sein sollte und von einer Welt, in der er seinen Platz als leidenschaftlich engagierter Autor gefunden haben würde. Als er im Oktober 1978 zum Sterben nach Österreich zurückkehrte und in einem noblen Hotel in Salzburg den literarisch längst vorweggenommenen und philosophisch gerechtfertigten »Freitod« wählte, fühlte er sich mit beidem gescheitert: mit dem Versuch, ein literarisches Werk zu schaffen, das in seiner Bedeutung und Eigenart anerkannt und gewürdigt würde, und mit dem Versuch, schreibend an der Humanisierung der Gesellschaft mitzuwirken.

Über die Gründe seines Freitods war sich die trauernde Nachwelt rasch einig: Da sei einer mehr als dreißig Jahre nachdem er Auschwitz und Bergen Belsen entronnen war dem Grauen doch noch erlegen. In zahllosen Nachrufen wurde sein Ende in diesem Sinne gedeutet, als hätte Améry den ihm zugedachten Tod mit Verspätung aus Eigenem nachgeholt. Natürlich hat die Folter, der er ausgesetzt war, hat das beschädigte, versehrte Überleben dort, wo Menschen industriell vernichtet wurden, bei seinem Entschluss, in den Tod zu gehen, eine Rolle gespielt. Aber es war nicht die »Wunde Auschwitz« allein, die Améry so quälte, dass er in den Freitod ging, den Selbstmord zu nennen er sich strikt weigerte. Die Germanistin Irene Heidelberger-Leonhard hat in ihrer Biografie überzeugend nachgewiesen, dass sich Améry schon lange ehe er in die Maschinerie der Verfolgung geriet mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, sein Leben jederzeit beenden zu können, und dass es andrerseits auch viel spätere Kränkungen gab, die er, ein melancholischer Kämpfer, revoltierend gerade in der Resignation, nicht mehr hinzunehmen bereit war.

Ein Handelsreisender des Geistes begab sich immer wieder auf Sängerfahrt

Was waren das für Kränkungen? 1966, im Alter von 54 Jahren, ist Jean Améry, der freischaffende Publizist aus Brüssel, über Nacht berühmt geworden. Der autobiografische Essay Jenseits von Schuld und Sühne wurde in den Feuilletons hymnisch gefeiert, und sein Verfasser war mit einem Mal ein gefragter Mann, um den sich die großen Zeitungen und Radiostationen, die Verlage und Würdenträger rissen. Améry veröffentlichte nun in rascher Folge seine epochalen Essaybände wie Unmeisterliche Wanderjahre, Über das Altern oder Hand an sich legen, und mit jedem Buch stieg sein Ruhm, der sich nicht nur der schneidenden Intelligenz seiner Argumentation und den bedeutsamen Themen seiner Bücher verdankte, sondern auch der rhetorischen Brillanz, mit der er sich als Redner auf ungezählten Podien bewährte.

Karl-Markus Gauss

Der Salzburger ist einer der wichtigsten Essayisten der Gegenwart. Zuletzt reiste er in »Ruhm am Nachmittag« durch das Jahr 2009.

Alle paar Monate begab er sich auf die von ihm ironisch so genannten »Sängerfahrten durch Deutschland«, auf Lesetouren, diese »Handelsreisen des Geistes«. Doch während er vielen bereits als bedeutendster deutschsprachiger Essayist seiner Zeit und als einer der großen europäischen Intellektuellen galt, haderte er insgeheim mit dem Lob, das ihm reichlich gespendet wurde. Er hegte den Verdacht, dass es nur dem »Parade-Opfer und Leidens-Juden« galt und man ihn als streitbaren Publizisten und unbeugsamen Zeitzeugen schätzte, nicht aber als Sprachkünstler, dessen Bücher dem Reich der »schönen Literatur« zugehörten.

Natürlich waren seine Essays literarische Meisterwerke, wohlkomponierte Texte, die ohne seinen zugleich cartesianisch klaren und doch suggestiv musikalischen Stil nicht jene Wirkung entfaltet hätten, die so viele Leser verspürten. Jenseits von Schuld und Sühne vereint fünf wie gemeißelte Texte, in deren Zentrum die Folter, »die Tortur«, steht, die Améry im Gestapo-Gefängnis Breendonck in Belgien erlitt: »Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.« Dem schmerzend präzisen Kapitel über die Tortur lässt Améry nicht zufällig seine Gedanken über die Frage »Wie viel Heimat braucht der Mensch?« folgen. Wie er im Vorwort zur zweiten Auflage schrieb, hatte Améry Jenseits von Schuld und Sühne, diese Phänomenologie der Gewalt und der »Opfer-Existenz«, der »linken Jugend« zugedacht. Deren Ideale teilte er, und für ihr Aufbegehren liebte er sie; es war ihm jedoch wichtig, die politisch bewegten Studenten davor zu warnen, »mit allzu geschwindem Munde vom Faschismus« zu reden und es sich gemütlich in der Selbsttäuschung einzurichten, dass Deutschland, die USA, der bürgerliche Staat selbst »faschistisch« wären und natürlich niemand anderer als Israel Schuld am Elend der arabischen Völker trage.

Zur Borniertheit jener revoltierenden Jungen gehörte es, dass sie die »Heimat« verächtlich als Domäne der Rechten geißelten und sie damit gewissermaßen diesen überließen. Améry, der aus seiner Heimat verjagt wurde, hielt ihnen entgegen: »Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.« Er, der Flüchtling, der Vertriebene, rechtfertigte den Wunsch der Menschen nach Heimat, welche ausgerechnet von jenen gering geschätzt wurde, die, von keinen Spitzeln und Todesschwadronen verfolgt, durch ihre Städte gehen konnten und sich dabei frei von dem spießigen Dünkel fühlen wollten, irgendwo beheimatet sein zu müssen.

Leserkommentare
  1. Ich muß gestehen, daß mir Amériy bisher nur vom Namen her bekannt war und in Bezug auf Gesellschaftspolitische Betrachtungen durch andere, aber jetzt werde ich mir beim nächsten Buchladenbesuch etwas von ihm selbst heraussuchen, versprochen!

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