"Affengesellschaft"Wie Schimpansen Rosinen zählen

Die Primatenforscherin Julia Fischer erzählt noch einmal alles, was man schon seit Längerem über Affen weiß. von Hilal Sezgin

Schimpanse mit Wassermelone

Appetit haben Schimpansen immer und auf fast alles.   |  © TORSTEN BLACKWOOD/AFP/Getty Images

Die Affenforschung war der Biologin Julia Fischer nicht in die Wiege gelegt. Die Professorin am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen machte Abstecher zu den Sprachwissenschaften, interessierte sich für Philosophie, beschäftigte sich mit Meeresbiologie. Dann erkannte sie, dass die Primatenforschung das Reizvollste von Natur- und Geisteswissenschaften in sich vereint. Einerseits werden die Tiere als biologische Wesen beobachtet und analysiert; andererseits benötigt man anspruchsvolle philosophische Konzepte, um die dazugehörigen mentalen Prozesse zu klassifizieren: Was heißt eigentlich »Denken«? Haben Affen Absichten, Motive, Gedanken?

Kurzum, den Affen von außen zu betrachten liefert allein keine befriedigende Beschreibung dessen, was ein Affe »ist«. Dazu müsste man gewissermaßen in ihn hineinsehen können – und genau das versucht die Primatologie mit einer Vielzahl von Methoden. Wie Affen die Welt sehen lautete daher der Titel eines Klassikers der Primatenforschung, den Dorothy Cheney und Robert Seyfarth 1990 vorlegten. Für dieses Forscherteam arbeitete Julia Fischer später selbst und stellte unter anderem in Botswana aufwendige »Playback«-Versuche an, bei denen Affen zum Beispiel der Alarmruf eines Verwandten von einem (versteckten) Lautsprecher vorgespielt wird, um ihre Reaktionen zu beobachten.

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In ihrem Buch Affengesellschaft gibt Fischer nun einen sehr schönen Überblick über den Stand solcher Forschungen. Wir lesen von den Mühen des Forscherteams, das mit seinen Lautsprechern einem Paviangrüppchen hinterherwandert, von einer Bärenpaviansfrau »mit einem wundervollen Backenbart« und von Berberaffen, die sich um ein Affenbaby scharen wie Menschen um einen Kinderwagen. Wir erfahren, dass Schimpansen Rosinen besser zählen können, wenn diese durch Kieselsteine repräsentiert werden, weil sie sonst durch ihren Appetit auf die Rosinen zu stark vom Zählen abgelenkt werden. Und dass sich dieselben Schimpansen im Nachhinein sogar über ihre Fehler ärgern und anfangen »zu schreien und sich aufzuregen«!

Schritt für Schritt tasten sich die Forscher in die Innenwelt der Tiere vor und loten ihre kognitiven Fähigkeiten aus. Schon Cheney und Seyfarth kamen zu dem Ergebnis, dass Affen sogenannte Intentionen erster Ordnung bilden können – dass sie also zum Beispiel mit ihren Lauten das Verhalten eines Zuhörers verändern wollen, dafür aber nicht notwendig eine »Meinung zur Meinung des anderen« besitzen müssen. »In der Gesamtschau spricht vieles dafür, dass Affen eher Verhaltensbeobachter als Gedankenleser sind. Ich vermute, sie verbringen wenig Zeit damit, sich mit den Absichten, Wünschen und Planungen anderer Tiere auseinanderzusetzen«, schreibt Fischer. Wenn man solche Ergebnisse mit denen etwa des niederländisch-kanadischen Verhaltensforschers Frans de Waal vergleicht, fällt auf, dass sich Cheney, Seyfarth und Fischer eher skeptisch geben, wohingegen de Waal nicht nur bei Affen, sondern auch bei etlichen anderen Tierarten ein Verhalten beschreibt, das auf Einfühlung in andere schließen lässt.

Die Fähigkeit von Affen, aufgrund äußerer Anzeichen in der Umgebung auf die jeweilige Ursache zu schließen (zum Beispiel von einem Gnu-Kadaver auf die Anwesenheit von Raubtieren), beschreiben Cheney, Seyfarth und Fischer als wechselhaft: Mal erkennen die Affen kausale Zusammenhänge, mal funktioniert das überraschend schlecht. Ob äffische Intelligenz primär soziale Intelligenz ist, die auf andere Bereiche gewissermaßen nur ausgeweitet wird – in der Beurteilung dieser Frage deutet Fischer bisweilen einen eigenen Akzent an, bleibt aber allzu vorsichtig und vage. Dadurch erweckt der Großteil des Buches leider den Eindruck, als habe die Primatenforschung in den letzten zwanzig Jahren eigentlich keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Dieselben grundlegenden Fakten sind nach wie vor faszinierend. Dieselben wesentlichen Fragen sind anscheinend noch offen.

Und je mehr solcher Affenbücher man liest, desto stärker drängt sich ein gleichsam anthropologischer Blick auf: Wir Menschen sind schon eine sonderbare Spezies. Generation für Generation folgen die Forscher den Affen durch Dschungel und Savannen, stochern in ihrem Kot, zeichnen ihre Laute auf – wir sind fasziniert von Nähe und Ferne unserer Verwandten. Andererseits haben wir aber auch keine Probleme, diese Verwandten einzufangen, einzusperren und mit diversen technischen und sonstigen Hilfsmitteln aufs Übelste zu malträtieren. Lediglich ein einziges Mal thematisiert Fischer »Überforderung und Leiden auf Seiten des Tieres« im Rahmen einer bestimmten Versuchsreihe.

An anderer Stelle fordert sie eine verstärkte Kooperation von Genomforschung und neurobiologischen Studien – wohlwissend, dass die Genomforschung jedes Jahr Millionen von Tieren der verschiedensten Spezies verschlingt und dass neurobiologische Versuche es fast stets erfordern, einen Affen dursten zu lassen, mit implantierten Elektroden in einem berühmt-berüchtigten »Affenstuhl« zu fixieren und ihn danach mit einem Tropfen Saft zu »belohnen«, um dann denselben Versuch wieder und wieder an ihm zu wiederholen. So geht zwar laut Fischer die größte Gefahr für Primaten derzeit von Holzindustrie, Brandrodung und Wilderei aus – doch die Affen selbst mögen noch andere Täter auf ihrer Liste haben. Für etliche Tausend Affen weltweit sind Forschungslabore nicht besser als brennende Wälder, ist die Wissenschaft selbst der ärgste Feind.

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Leserkommentare
    • Bommel
    • 12. November 2012 10:19 Uhr

    "Für etliche Tausend Affen weltweit sind Forschungslabore nicht besser als brennende Wälder, ist die Wissenschaft selbst der ärgste Feind."

    3 Leserempfehlungen
  1. Es ist unsicher, ob Affen sich in andere einfühlen.
    Ganz sicher ist aber, dass Menschen ihre Einfühlung in andere Wesen, so sie denn eine haben, ignorieren, kleinreden oder anderen Zwecken unterordnen können.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 12. November 2012 13:36 Uhr

    "ignorieren, kleinreden oder anderen Zwecken unterordnen können".

    Diese Wahlfreiheit ist eben das, was die Ähnlichen vom Menschen unterscheidet.

  2. ...sind im Artikel vertreten. Einmal das Thema kritische versus unkritische Primatologie und dann noch der quasi-Vorwurf eines unethischen Handelns von Prof Fischer. Da vermutlich die Kommentare auf letzteres abzielen werden sage ich etwas zu ersterem.
    Prof Fischer und Co sind deswegen nicht arg viel weiter im Wissen gekommen weil gesundes Wissen der Welt mühsam abgestrotzt werden muss. Solche Mühen kennen de Waal und Co nicht. Diese sagen lediglich: im Zweifel für den Angeklagten - und Zweifel gibt es für diese Gruppierung wenige.
    Man kann es so zusammenfassen: Fischer und Co minimieren Falsch-positive Ergebnisse und de Waal und Co minimieren Falsch-negative Ergebnisse. Wissenschaftstheoretisch ist Fischer's Weg der bei Weitem Bessere. Nur gibt es da dann eben weniger oft etwas zu bestaunen. Das wird dann leider - für die Presse und die Allgemeinheit - als Manko ausgelegt.

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    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 12. November 2012 13:36 Uhr

    "ignorieren, kleinreden oder anderen Zwecken unterordnen können".

    Diese Wahlfreiheit ist eben das, was die Ähnlichen vom Menschen unterscheidet.

  3. Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

  4. So stimmt das sicher nicht.
    Genomforschung braucht zunächst mal ein bischen Gewebe und in vielen Fällen nicht mal ein ganzes Tier. Wenn man ein Genom sequenziert hat kann man zahllose Versuche mit der DNA, den darin kodierten Proteinen, oder einzelnen Zellen machen. Ich bin Genomforscher nicht zuletzt aus dem Grund, weil man Tierversuche damit oft vermeiden kann.

    Und neurobiologische Versuche haben zumeist nicht viel mit Genomforschung zu tun, was man bedauern mag. Allerdings kann man sich viele Tierversuche sparen, wenn man z.B. die Expression ALLER Gene in EINEM Gehirn zu messen, anstatt für jedes Gen ein Tier aufzuschlitzen (wie das bedauerlicherweise lange genug der Fall war und in vielen Fällen noch so ist).

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