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Wer reist, der schreibt – ein Buch. Wollen wir das alles lesen? von Wolfgang Albers

Die einen träumen von Reisen per Rad oder zu Fuß, die anderen tun es – manchmal auch nur im Kleinen, wie hier in Peking.

Die einen träumen von Reisen per Rad oder zu Fuß, die anderen tun es – manchmal auch nur im Kleinen, wie hier in Peking.  |  © Feng Li/Getty Images

Francesco Petrarcas Besteigung des Mount Ventoux im Jahr 1336 gilt als erste alpinistische Großtat – und kaum war der italienische Dichter wieder unten im Tal, schrieb er einen langen Brief darüber. Ein paar Jahrhunderte später ließ Reinhold Messner seinem Zug über die Achttausender eine endlose Reihe von Büchern folgen. Das Bedürfnis, sich im Anschluss an Reisen ausführlich über die damit verbundenen Abenteuer auszulassen, ist ebenso alt wie menschlich. Galt das Publizieren früher jedoch als Privileg der Pioniere, scheint inzwischen jeder, der auf nicht gänzlich ausgetretenen Pfaden unterwegs war, diesem Drang zu erliegen.

Bei Bettina Feldweg vom Reisebuchverlag Piper Malik landen Tag für Tag drei Manuskriptangebote auf dem Schreibtisch. »Die Lust, über die eigenen Reisen zu schreiben, hat zugenommen«, sagt sie. Ganze Verlagsreihen werden mit Berichten über private Expeditionen und ungewöhnliche Reiseprojekte bestückt. Oft startet der Andruck schon kurz nach dem Abenteuer. Der stete Nachschub scheint die Verleger gut zu ernähren. Aber was haben die Leser davon?

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Zunächst einmal die Erkenntnis, dass sich wagemutiges Reisen deutlich demokratisiert hat. Musste selbst Messner als junger Bergsteiger noch auf die Einladung in ein Expeditionsteam warten, um entlegene Ecken bereisen zu können, kündigt man heute einfach den Job, gibt die Wohnungsschlüssel ab, steigt auf sein Fahrrad und radelt los – rund um die Welt zum Beispiel, wie Jens Hübner, Designer aus Berlin, Anfang 40, mäßig trainiert. Eine Person, mit der sich Durchschnittsleser messen können. Würde ich das auch schaffen? Hätte ich Spaß daran?

Warum nicht, wenn man die Gelassenheit eines Jens Hübner hat. Der jagt auf seiner Zwei-Jahres-Tour keinen Leistungsrekorden nach, sondern überbrückt auch mal Passagen mit dem Motorrad. Bequem hat er es trotzdem nicht. An einem rumänischen Berghang zittert er vor Bären und Wölfen, im Sudan muss er der Geheimpolizei entkommen, in Osttimor radelt er durch Straßenschlachten. Aber das kann seine Lust am Reisen, die in den eher einfach strukturierten Sätzen pulsiert, nicht mindern. Sein eigentliches Ziel erreicht er ja immer. Wenn er unterwegs nach den Gründen für seine Reise gefragt wird, antwortet er: »Um Menschen wie dich zu treffen.« Wie den Syrer Hamet, der ihn auf seinem Gehöft bewirtet. Oder einen ägyptischen Trucker, mit dem er Saubohnenbrei teilt. Und Maria Fernanda aus Ecuador, die ihm das Weiterreisen schwer macht. Zu diesen Begegnungen auf seinen 25.000 Radkilometern folgt man ihm als Leser gerne.

Bei den 4,5 Millionen Schritten des Ehepaares Weichselbaum fällt das schon schwerer. So viele, das haben sie ausgerechnet, waren es von der Quelle bis zur Mündung der Donau: eine herausfordernde Wanderung über rund 3000 Kilometer, größtenteils in Osteuropa, die die Autoren immer wieder zum Klagen bringt. Blasen, Mücken, Kälte, Hunger, Durst, die Last des Rucksacks... Aber will man das wirklich so ausgedehnt lesen?

Außerdem schleppen die beiden eine nicht eben flexible Weltsicht mit. Kaum haben sie ihren Ausgangspunkt Furtwangen erreicht, fallen die ersten negativen Verdikte. Die Architektur sei ein Desaster, der Schwarzwälder nicht sehr ortskundig. Mal ist die Toilette nicht kommod, mal ein Bauernhof nicht aufgeräumt, Autos sind Schrottkisten, die Speisekarte ist nicht vegetarisch, die Landschaft riecht nach Moder. Auch weltanschaulich betrachten die Weichselbaums manches als Ärgernis – von den Äckern, mit Unkrautchemikalien behandelt, bis zu Tiermastbetrieben.

Mag ja alles sein, und natürlich finden sich auch viele positive Eindrücke. Aber warum müssen sogar Donau-Reisende, die ihr eigenes Verständnis von Spaß haben, eins übergebraten bekommen – wie die Radler mit ihrem Tagesschnitt von 150 bis 200 Kilometern? »Die sportliche Leistung steht im Vordergrund, der Genuss des Reisens bleibt bei ihnen wohl auf der Strecke.« Für Bekannte der Weichselbaums ist das sicher ein nettes Erinnerungsbuch – für Außenstehende hat es nur bedingten Informationswert.

Auf den ersten Blick befremdet auch Christoph Rehage. An seinem 26. Geburtstag zieht der Student aus Niedersachsen die Tür seiner Pekinger Bude hinter sich zu und beginnt nach Hause zu laufen. Über 10.000 Kilometer liegen vor ihm, ein Marsch quer durch Asien. Ein kühnes Unterfangen, das Rehage mit dem Selbstverständnis der Generation Globalisierung angeht: einfach mal losgehen, die Welt ist doch mein Wohnzimmer. Natürlich ist auch ein Stück Unbedarftheit dabei. Mal versteigt er sich an einem Berg, mal erfährt er erst am nächsten Morgen, dass er die Nacht in einem Schneeleopardenrevier gezeltet hat.

Rehage erzählt freimütig – auch über Dinge, die Schreiber früherer Generationen eher mal für sich behalten haben. Er gewährt Einblicke in sein Gemütsleben, und das ist eben das eines jungen Mannes, der sich noch findet und dabei nicht immer die reifesten Verhaltensweisen an den Tag legt. Dennoch verfolgt man seine Reise fasziniert. Rehage, ein Reporter-Naturtalent, erzählt spannend und mit raffinierter Dramaturgie. Als der Student losläuft, ist er noch völlig unbekannt. Als er, weit von seinem Ziel entfernt, die Reise in Westchina nach einem Jahr abbricht, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, haben Zeitungen über ihn berichtet, Zehntausende haben im Internet seine Reisefilme gesehen. Bettina Feldweg, immer auf der Suche nach neuen Autoren für Piper Malik, sagt, sie habe schnell gemerkt, dass da einer Atem für lange Geschichten habe. Und ihn gefragt, ob er nicht mehr zu erzählen habe. Hatte er. Von Christoph Rehage sind in diesem Jahr gleich zwei Bücher erschienen.

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Leserkommentare
  1. Ein weiterer Grund (für mich persönlich der einzige), solche Bücher zu lesen: die Motivation zu steigern, selbst mal wieder derartige Reisen zu machen.

    Eine Leserempfehlung
  2. mal ein Buch schreiben, liegt im Trend. Und da sind Reiseberichte einfacher Stoff. Da muss man nicht Literatur oder eine Wissenschaft studiert haben. Ein bisschen Humor reicht und schon geht's los. Ich glaube, dass 90% nicht lesbar sind. Es ist doch alles schon x-mal berichtet worden.
    Uebrigens: wenn man mal einen richtig guten Reisebericht lesen will, dann Sven Hedin: Durch die Wueste Gobi.

    Eine Leserempfehlung

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