ZEITmagazin: Herr Maffay , Sie sind mit Santana und Cat Stevens aufgetreten und haben über 40 Millionen Tonträger verkauft. Gibt es etwas, das Sie als Musiker nicht erreicht haben?

Peter Maffay: Ich hätte liebend gern statt Geige Klavier gespielt, aber dazu fehlten mir als Kind die Möglichkeiten. Ich bewundere Leute, die Klavier spielen können, deshalb sehe ich zu, dass man mir nicht auf die Finger guckt, weil ich nur klimpern kann.

ZEITmagazin: Was war für Sie der größte Misserfolg?

Maffay: Ich bin zum vierten Mal verheiratet, davor gab es drei Ehen, die nicht funktioniert haben. Dieser Misserfolg stimmt mich traurig. Im Grunde genommen bin ich aber schon der Hauptgrund für diese Verwerfungen gewesen. Ich habe die Illusion von einem langen, gemeinsamen Leben verkürzt und zerstört. Ein Erfolg wäre ein gut ausgewogenes Miteinander gewesen, in dem sich jeder entfalten kann und sich jeder bestätigt fühlt.

ZEITmagazin: Kann es für einen erfolgreichen Musiker Ausgewogenheit geben?

Maffay: Nur schwer. Wir Musiker leben und arbeiten am Anschlag. In diesem Geschäft ist man entweder richtig dabei, oder man lässt es bleiben. Richtig heißt mit vollster Kraft, halb geht nicht. Mein Schlagzeuger Bertram Engel hat im Studio mal die Stöcke weggeworfen. »Du spielst doch lahmarschig, geh mal üben«, sagte er. Er hatte verdammt recht. Das war eine Lehrstunde. Weil er mir das vor 30 Jahren gesagt hat, bin ich immer noch auf der Bühne. Das Publikum ist sehr feinfühlig. Wenn irgendetwas nicht stimmt, drehen sich die Leute um und gehen.

ZEITmagazin: Sind Sie ein eitler Mensch?

Maffay: Ja, klar. Ich versuche gegen das Alter anzugehen und meine körperliche Verfassung zu bewahren. Sie ist Voraussetzung für meine Arbeit. Wir leben in einem Beruf, in dem man gefallen muss. Die Falten sind nicht das Problem. Für mich sind das auch Geschichten, die ich gerne erzähle. Das bedeutet zugleich, dass ich nicht mehr essen und trinken will, als mir gut tut, dass ich genug schlafe und diszipliniert Sport mache.

ZEITmagazin: Sie sind also diszipliniert – und zugleich ein exzessiver Mensch?

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Maffay: Ja, meine Exzesse waren der Versuch auszuloten, wie weit ich gehen konnte, wenn ich jahrelang zwei Flaschen, manchmal auch drei Flaschen Whisky am Tag trank. Zunächst war es eine Gewohnheit, dann aber auch Mittel zum Zweck, sich von Konventionen zu lösen und sie zu durchbrechen. Es war eine Illusion. Jeder Tropfen Alkohol ab einem gewissen Limit führt zu einem schlechteren Ergebnis. Man glaubt nur, es klingt gut, was man spielt. Am nächsten Tag, nüchtern, hört man sich das Zeug an und sagt, um Gottes willen, war ich das? Die Alarmglocke ging aber erst richtig an, als ein Arzt mir mitteilte, dass ich Krebs hätte. Da dachte ich, okay, das war es dann, das ist jetzt die Quittung für 80 Zigaretten am Tag, kaum Schlaf und viel Alkohol. Die Labilität, die der Alkohol erzeugt hatte, wurde auf der Bühne sichtbar. Da flogen Gitarren, da wurde Kleinholz gemacht, da ging’s rauf und runter mit der Stimmung. Diese Diagnose war meine Rettung.