Politthriller "Philby"Doppeltes Spiel

Eine Begegnung mit Robert Littell, der in seinem neuen Thriller dem einst real existierenden Doppelagenten Kim Philby auf der Spur ist. Wem diente der schillerndste Spion des Kalten Krieges – den Briten oder den Russen? von 

Im Roman ist der Ermittler dem einst wirklich existierenden Doppelagenten Kim Philby (1912 - 1988) auf der Spur.

Im Roman ist der Ermittler dem einst wirklich existierenden Doppelagenten Kim Philby (1912 - 1988) auf der Spur.   |  © Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Politthriller verhandeln in ihrem Kern zumeist die Frage nach der Loyalität. Lassen sich am Gesicht, das mich anstrahlt, an den Gesten, die Ruhe suggerieren, am Nicken, das Zustimmung anzeigt, die Absichten des Gegenübers ablesen? Politische Krisenzeiten treiben Loyalitätsproben ins unmittelbar Zwischenmenschliche: Der Nachbar könnte ein Spitzel sein, der Bruder ein Verräter, und ob sich mit der Geliebten, mit der man das Bett teilt, auch Geheimnisse teilen lassen, darf durchaus angezweifelt werden. Man kennt das aus zahlreichen Bond-Filmen: Nichts ist gefährlicher als das erotische Verführungsspiel der feindlichen Agentin.

Eine besonders raffinierte Figur im Thriller-Spiel um das Vertrauen aber ist der Doppelagent. Er gehört in einer bipolaren Welt sowohl dem Westen wie dem Osten an, dem Kapitalismus wie dem Sozialismus, und mitunter weiß er selbst nicht genau, wem er eigentlich dient. Autoren mussten und müssen derlei zwielichtige Gestalten nicht erst erfinden. Der Kalte Krieg hat sie in seiner eigentümlichen Dynamik selbst hervorgebracht, der britische Geheimdienst hatte seit 1951 die sehr berechtigte Sorge, dass er von Sowjetspionen unterwandert war. Vor allem John le Carré hat die panischen Säuberungsversuche innerhalb des Circus unter anderem in seinem jüngst verfilmten Roman König, Dame, As, Spion thematisiert und plausibel gemacht, wie der Kalte Krieg die Grenzen zwischen Paranoia und berechtigtem Misstrauen verwischte.

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Zu den aufgeflogenen Doppelagenten der Briten gehörte Kim Philby (1912 bis 1988), ein Mitglied der berüchtigten Verrätergruppe namens Cambridge Five, die an der Eliteuniversität einen Flirt mit dem Sozialismus eingegangen war und dennoch vom britischen Geheimdienst angeworben wurde. Der amerikanische Thriller-Autor Robert Littell hat sich des überaus populären Stoffs in seinem jüngsten Werk Philby. Porträt des Spions als junger Mann angenommen. Wie schon in seinem Weltbestseller, der CIA-Saga The Company, orientiert sich Littell dabei eng an den historischen Fakten. Sie sind im Fall Philby derart abenteuerlich, dass man sie ohnehin leicht für Fiktion halten könnte: Philby entsprang der englischen Upperclass, studierte Wirtschaftswissenschaften und gelangte 1933 auf verschlungenen Wegen nach Wien, wo er sich im kommunistischen Untergrund engagierte. Er heiratete eine österreichische jüdische Kommunistin, der er damit zu einem englischen Pass verhalf, und wurde bald schon vom sowjetischen Geheimdienst rekrutiert. Seine Upperclass-Herkunft versprach Kontakte in die besten Londoner Kreise.

Robert Littell

wurde 1935 in New York geboren. Er arbeitete als Journalist für »Newsweek« und zog 1970 nach Frankreich. Seine CIA-Saga »The Company« war ein Weltbestseller. Sein Sohn Jonathan (»Die Wohlgesinnten«) ist ebenfalls Schriftsteller

Es erscheint nicht erst Robert Littell als ausgesprochen suspekt, dass ausgerechnet ein Mann mit dieser Vergangenheit, auf die man leicht hätte stoßen können, nur wenige Jahre später vom britischen Geheimdienst angeworben wird. Seine Spionagetätigkeit für den Westen führt ihn nach Spanien, nach Istanbul und in die USA, wo er als Verbindungsoffizier mit der CIA zusammenarbeitet – ein Topagent der Briten also, der seinem zweiten und eigentlichen Arbeitgeber, dem KGB, über Jahrzehnte intimste Staatsgeheimnisse verrät. Bis er schließlich auffliegt und in die Sowjetunion flüchtet, wo man ihm, wenn auch misstrauisch beäugt, ein privilegiertes Dasein ermöglicht. Schon bald aber empfindet er sein Leben als goldenen Käfig – Philbys ohnehin lebhafter Hang zum Alkohol kommt in Moskau zur fatalen Entfaltung.

Littell umkreist seine Figur literarisch überaus ambitioniert, aus immer neuen Perspektiven, mit einer Vielzahl an Erzählern, die ein Geheimnis des Doppelagenten nach dem anderen lüften und dabei immer wieder ein neues entfalten. So lange, bis sich eine plausible Gegenversion zur offiziellen Philby-Geschichte herausschält. Lässt sich dieser Lebenslauf nicht insgeheim genau andersherum erzählen? Müsste man ihn nicht vom Kopf auf die Füße stellen? Ist nicht vielmehr die Sowjetunion auf ihren Schützling hereingefallen, wie es bereits Graham Greene, der mit Philby befreundet war, einst angedeutet hatte?

Littell hat einen unorthodoxen Spionageroman geschrieben, der unentschieden zwischen Fiction und Non-Fiction pendelt. Bei allen spannungsreichen, mit Fabulierlust entfalteten Verhör-, Liebes- und Verfolgungssituationen wird das analytische Interesse des Autors offenkundig: Seine schüchterne, stotternde, unbeholfene Hauptfigur erweist sich als einer der größten Verstellungskünstler des Kalten Krieges. Von langer Hand vorbereitet, soll den Sowjetkadern ein Spion untergejubelt worden sein, der nur zum Schein relevante Informationen weiterreichte.

Leserkommentare
  1. Dass Philby ein Agent war, der eigentlich für die Briten gearbeitet hat ist recht unwahrscheinlich. Die Enttarnung der fünf Spione hat dem Geheimdienst gewaltige Schwierigkeiten beschert. Möglich, dass sie ihn mit falschen Informationen gefüttert haben, bevor er offiziell enttarnt wurde. Aber wenn er wirklich für die Briten gearbeitet hätte, wäre er wohl kaum nach Moskau gegangen und die Briten hätten das nicht so lange geheim gehalten, auch nach 1990

  2. "Wie schon in seinem Weltbestseller, der CIA-Saga The Company, orientiert sich Littell dabei eng an den historischen Fakten."

    ... habe ich die Kritk gelesen.

    Das ist etwas weniger, als ich dem Buch "The Company" gewidmet habe. Die deutsche Fassung habe ich zur Hälfte gelesen und bin dabei auf sehr viele Fehler, kleine und grosse, gestossen, die alles andere sind als "historische Fakten". Ok, dachte ich, da ist wohl Einiges bei der Übersetzung verloren gegangen und bin auf das Original in englischer Sprache umgestiegen. Das war allerdings auch nicht besser, sondern ist schlicht und einfach Müll.

    Der Schreibstil Littels ("lasst historische Figuren sprechen und mit fiktiven Charakteren agieren") orientiert sich sehr an dem Buch seines Sohnes Jonathan im Buch "Die Wohlgesinnten". Nur ..., der Filius kann es um Längen besser.

    Über "The Company" habe ich mich so sehr geärgert, dass Robert Littell mit 100%iger Sicherheit keine zweite Chance im meinem Bücherregal bekommt.

    Ich habe übrigens beide Bücher (die deutsche und die englische Fassung) in die blaue Tonne geworfen.

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