Krimi "Die Stadt der Toten"Der Mörder im Ich

Sara Gran hat einen der besten Krimis des Jahres geschrieben: "Die Stadt der Toten". Ihre Detektivin sucht im zerstörten New Orleans nicht nur nach einem Mörder, sondern nach den Gründen für unsere nie zu stillende Leidenschaft, das Grauen zu erblicken. von Ronald Düker

Krimiautorin Sara Gran

Die 40-jährige Krimiautorin Sara Gran am Los Angeles River  |  © Stephanie Diani für ZEIT Literatur

Noch standen die Bewohner von New Orleans am Fenster und schauten in den düsteren Himmel, da drückte die Flutwelle auch schon die Wände aus ihren ohnehin maroden Häusern. Erstaunlich große Wasserschildkröten schwammen durchs Zimmer, und wer eben erst telefoniert oder vor dem Fernseher gesessen hatte, versuchte sich in der nächsten Sekunde an den Baumwipfeln festzuhalten, an denen ihn der Strom vorbeiriss. Als sich der Sturm gelegt hatte, stand der größte Teil der Stadt unter sieben Meter hohem Wasser. So war ein octopus’s garden entstanden, den sich die Beatles allerdings nur auf LSD hatten erträumen können. Aber auch später noch, als der Wassergarten ausgetrocknet war, glichen die Überbleibsel der Stadt einem verwirrenden Traum. Der Reporter John Jeremiah Sullivan beschrieb unter anderem den Geruch, der sich nun breitgemacht hatte: »Ich kannte ihn, hatte ihn jedoch noch nie in der Ersten Welt gerochen. Es war der Geruch großer organischer Dinge, die seit Tagen tot in der brennenden Sonne lagen.«

Dass sich George W. Bush die Verwüstungen des Hurrikans Katrina nur aus dem Flugzeug ansah und danach wenig unternahm, das Unglück der Obdachlosen zu lindern, schien vielen damals als politisches Verbrechen. Insgeheim musste es das weiße Amerika aber auch als einen zynischen Wink des Schicksals verstehen, dass die Sintflut gerade hier hereingebrochen war. New Orleans war eine wilde, halb in indianischen, halb in französischen Traditionen verwurzelte Stadt, die Stadt des Mardi Gras und Voodoo, die Stadt, in der die Synkopen des Jazz erfunden und die Götzen des Pazifiks verehrt worden waren. Man kann also nicht sagen, dass Katrina Chaos geschaffen hätte, wo vorher Ordnung war.

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Im Januar 2007, zwei Jahre nach der Flut, klingelt das Telefon von Claire DeWitt, die sich im kalifornischen Santa Rosa von einem kurz zuvor erlittenen Nervenzusammenbruch erholt. Sie soll sofort nach New Orleans kommen, um dort das Verschwinden eines berühmten Staatsanwalts aufzuklären. Ist Vic Willing in der Flut ertrunken, wie so viele? Das will dessen Neffe, Claires Auftraggeber, in Erfahrung bringen. Aber will er es wirklich? In noch ziemlich ramponiertem Zustand betritt Claire die Bühne dieses vierten Romans der 1971 geborenen Sara Gran. Und weil Die Stadt der Toten nur der Auftakt zu einer Serie weiterer Claire-DeWitt-Bücher sein soll, kann sich der Leser schon jetzt auf eine dauerhafte Freundschaft mit dieser überwiegend sympathischen Figur freuen. Besondere Kennzeichen? Claire ist von behördlicher Stelle für geisteskrank erklärt worden, hat alle denkbaren Drogen konsumiert, weiß auch in der Theorie einiges über Pflanzen und Pilze, kann das I Ging lesen, Codes auf Supermarktquittungen entziffern und hat bereits auf vier Menschen geschossen und zwei getötet, aber nicht aus Notwehr. Und: Sie ist die beste Detektivin der Welt – und eine der teuersten.

Die Autorin Sara Gran übertreibt es nicht: Das Superheldenhafte ihrer Figur mag schließlich an Ermittlungserfolgen abzulesen sein, denen aber zunächst etwas eher Klägliches anhaftet. New Orleans ist noch immer ein Katastrophengebiet, in dem es oft wenig nützt, die Adresse eines Hauses zu kennen, da es womöglich vom Wasser abgetragen und irgendwo anders hinverpflanzt worden ist. Waffen jeden Kalibers sind noch an der letzten Ecke zu haben, und so erklären sich auch die Ausbeulungen der übergroßen Trainingshosen und schlabberigen T-Shirts, die die entwurzelten Jugendlichen hier durch die Bank tragen. Schusswechsel prägen die alltägliche Geräuschkulisse wie anderswo Vogelgezwitscher, an schwarzen Tagen sterben in New Orleans mehr Amerikaner als im Irak.

Und Claire DeWitt? Die fährt ihren nagelneuen Pick-up vom Autoverleih zunächst einmal gegen die nächste Wand, um nicht weiter aufzufallen. Sie ist eine Camouflage-Spezialistin: Zwar haben hier alle einen Pick-up mit vier Reifen am Heck, aber niemand einen ohne Beulen. Die beiden Jugendlichen, die ihr dann beim weiteren Demolieren des Autos helfen, werden sich übrigens als Hauptverdächtige im Mordfall Vic Willing herausstellen. Aber davon ahnt auch die beste Detektivin der Welt zu diesem Zeitpunkt noch nichts. In zenbuddhistischer Manier darin geschult, auch mit geschlossenen Augen ins Ziel zu treffen, wartet sie einfach auf das, was passiert. Mit der Zeit werden die Indizien schon von selbst zu ihr sprechen. Claires Nachlässigkeit hat System. Und alles steht bereits in einem zerfledderten Buch des französischen Meisterdetektivs Jacques Silette, das sie stets mit sich führt: »Der Detektiv und der Auftraggeber, das Opfer und der Täter – ihnen allen ist die Lösung längst bekannt. Sie müssen sie sich nur in Erinnerung rufen und wiedererkennen, wenn sie sich zeigt.«

Dass alles in den verdrängten Schichten des Unbewussten bereits abgelegt ist und dass es durch Wiederholen, Erinnern und Durcharbeiten wieder zum Vorschein gebracht werden kann, gehört zu den Grundannahmen der Psychoanalyse. Und nicht nur in dieser Hinsicht ist Die Stadt der Toten weit mehr als nur ein höchst unterhaltsamer Krimi. Über den erkenntnistheoretischen Gehalt dieses Romans sollte auch Sara Grans Flirt mit dem Irrationalen nicht hinwegtäuschen. Claire DeWitt kann schließlich noch so oft die I-Ging-Würfel werfen oder Träumen und Drogentrips entscheidende Hinweise für die Lösung ihres Falles entnehmen: Die labilen Übergangszonen der Unvernunft und des Rauschs sind nur eine Chiffre ihrer bis ins Extrem sensibilisierten Wahrnehmung.

Leserkommentare
  1. mit historisch echtem Hintergrund, das macht neugierig.

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