Michael Caine"Die Kamera ist meine Geliebte"
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"Bevor ich einen Satz in einem Film sage, sage ich ihn ungefähr tausendmal"

ZEIT: Erstaunlicherweise spielten Sie in Ihrem ersten Film Zulu einen adeligen Kolonialoffizier.

Caine: Der Regisseur Cyril Endfield war Amerikaner. Ein britischer Regisseur hätte mir, einem Proletarier, die Rolle des Lieutenants nie gegeben.

ZEIT: In dieser Rolle wirkt Ihre Körpersprache als Upper-Class-Militär ganz unbeteiligt, so als ginge Sie dieser ganze Kolonialkrieg nichts an. Sie halten die ganze Zeit die Hände auf dem Rücken.

Caine: Das habe ich mir damals von Prinz Philip abgeschaut. Er steht auch immer so da. Er hält die Hände auf dem Rücken, weil er sich nicht verteidigen muss, er wurde ja sein ganzes Leben bewacht. Weil er nie eine Tür aufmachen oder etwas tragen musste. Er schmiert sich nicht einmal die Zahnpasta auf die Zahnbürste. Das macht der Butler.

ZEIT: Bei ganz großen Schauspielern hat man das Gefühl, dass sie, egal wen sie spielen, immer auch sie selbst bleiben.

Caine: Weil man nicht sieht, dass sie spielen. Ich kann diesen Effekt am besten am Beispiel von Gene Kelly und Fred Astaire erklären. Gene Kelly ist der Akrobat, der Wände hochtanzt. Wenn man ihm zuschaut, denkt man, man könne das nie hinkriegen. Würde man aber lange genug trainieren und Tanzstunden nehmen, dann könnte man es eines Tages schaffen. Fred Astaires Tanz hingegen sieht ganz leicht aus. Und man denkt: »Das kann ich auch!« Aber egal wie lange man übte, man würde es niemals hinkriegen. Denn Astaire hat sehr, sehr viel Arbeit darauf verwendet, seinen Tanzstil ganz einfach aussehen zu lassen.

ZEIT: Wie wird man als Schauspieler zum Astaire?

Caine: Bevor ich einen Satz in einem Film sage, sage ich ihn ungefähr tausendmal.

ZEIT: Wie, wo, wann?

Caine: Im Auto, im Garten, beim Schlafen, unentwegt. Ich verleibe mir die Dialoge ein, drehe und wende und speichere sie. Wenn Sie mich in der Buswarteschlange mit dem Stichwort ansprächen, dann würde ich den Satz sagen und die Antwort meines Szenenpartners dazu. Mir begegnen immer wieder junge Schauspieler, die morgens zum Set kommen und sagen: »Was ist heute dran? Keine Sorge, ich lerne das in einer Viertelstunde auswendig.« Und da sitze ich mit meinen Dialogen, die ich schon tausendmal aufgesagt habe, starre diese Typen fasziniert an und denke: Das ist dein erster und letzter Film, Junge.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es so viele überragende britische Schauspieler gibt? Helen Mirren, Judi Dench, Colin Firth...

Caine: Das Theater war immer das Rückgrat der britischen Filmindustrie. Das Theater ist die Dialektik von Disziplin, Schufterei und Leichtigkeit. Man probt sich in einen Albtraum hinein und spielt ihn vollkommen mühelos. Proben, Proben, Proben, Proben. Alles wieder von vorn, bis es sitzt. Denn da ist dieser Raum, angefüllt mit zwei Stunden voller Dialoge.

ZEIT: Auch in anderen Ländern gibt es Theater.

Caine: Aber bei uns gibt es eine andere lebendige Tradition, eine lange Theatergeschichte, die Theatergruppen in den Schulen.

ZEIT: Judi Dench als M bei James Bond, Sie als Butler in Batman – zwei britische Schauspieler werden mit Nebenrollen zu den beliebtesten Figuren zweier Blockbuster. Das kann man nicht mit Laienspielgruppen erklären.

Caine: Vielleicht mit Britishness? Mit einer Haltung, die aufrecht wirkt, ohne sich aufzudrängen? Ich hörte, dass Judi Dench und ich bei den Oscars als beste Nebendarsteller nominiert werden sollen. Das wäre in der Tat ein Coup.

ZEIT: Und doch hat man niemals das Gefühl, dass britische Schauspieler für den Oscar spielen. Liegt das Geheimnis im Understatement?

Caine: Es ist die Dualität von Souveränität und Understatement. Kürzlich meinte ein amerikanischer Kollege zu mir, wir Engländer seien alle Snobs. Wir hielten uns für besser als alle anderen. Was man für britischen Snobismus hält, ist aber Folgendes: Wir halten uns nicht für besser als alle anderen. Aber wir wissen, dass niemand besser ist als wir.

ZEIT: Was war der wertvollste Rat, den Sie je von einem Kollegen bekommen haben?

Caine: Ich wartete mal in Los Angeles auf Shirley MacLaine, die einen Film mit mir drehen wollte. Ich saß zwei Wochen lang in der Lobby herum, und nichts geschah. Eines Tages gab es plötzlich einen ohrenbetäubenden Lärm. Ein Hubschrauber landete, und John Wayne stieg aus und ging zur Rezeption. Er trug Cowboystiefel, einen Cowboyhut und sah aus, als käme er gerade aus einem Saloon. Plötzlich drehte er sich um und fragte: »Bist du der Typ, der Alfie gespielt hat?« Der Film hatte sich gerade in Hollywood herumgesprochen. Wayne sagte: »Du hast eine große Zukunft, Kleiner. Aber merk dir drei Dinge: Sprich mit tiefer Stimme. Sprich langsam. Und quatsch nicht so viel.«

ZEIT: Welchen Rat würden Sie selbst jungen Kollegen geben?

Caine: Niemals vor der Kamera blinzeln. Es zerstört die Konzentration. Im echten Leben blinzeln die Leute ja auch nicht, wenn sie wütend, aufgeregt oder verliebt sind. Ich könnte Sie hier zwanzig Minuten lang anschauen, ohne zu blinzeln. Mein zweiter Name ist Schlangenauge. Und sehen Sie, wie ich Sie anschaue? (zeigt in die Luft) Da rechts neben Ihrem Kopf steht die unsichtbare Kamera, und ich blicke in das Auge neben der Kamera. Man muss dieses Auge fixieren. Nichts ist schlimmer als Augen, die sich bewegen. Marlene Dietrich hat mir das mal bei einem Abendessen gezeigt.

ZEIT: Es gibt die BBC-Aufzeichnung eines Schauspielworkshops, den Sie vor Publikum gegeben haben. Da sagen Sie den jungen Kollegen, sie müssten sich nicht für die Kamera aufblasen, weil die Kamera die Schauspieler ohnehin liebe.

Caine: So ist es. Sie sieht und hört alles, auch den kleinsten Seufzer. Sie ist unser bester Freund, meine Geliebte und Vertraute.

Leserkommentare
  1. gehört Jimmy Savile vielleicht nicht zur Britishness?
    " Plötzlich gab es Cafés, kleine Restaurants, Diskotheken" - und warum gab es Discotheken? Weil Sir Jimmy sie erfunden hatte, diese Mischung aus Winston Churchill, Dutroux und Muamar Gaddhafi

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  2. Michael Caine ist ja nicht sein richtiger Name, er heißt ja eigentlich Maurice Micklewhite. Darf er sich trotzdem Sir Michael Caine nennen ? ich weiß es ist eine etwas komische Frage, aber leider habe ich noch keinen gefunden der sie mir beantworten konnte. Seine beste Rolle ist für mich allerdings Oberstleutnant Kurt Steiner von den deutschen Fallschirmjägern, der 1943 über England abspringt, um Winston Chrchill zu entführen...nach Jack Higgins´Klassiker "Der Adler ist gelandet"

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    ...hat wohl seinen Namen offiziell ändern lassen. So wurde aus Sir Maurice Micklewhite Sir Michael Caine.
    Wikipedia sei Dank...;-)

  3. Die erfolgreichsten Filme der letzten Zeit kamen aus den USA und ganz ehrlich schade, dass die GB sich immer noch als die Besten bezeichnen obwohl sie eigentlich eher mehr von den USA profitiert haben, als sie zugeben wollen!
    Aber da kann man sich gern mit Hollywood schmuecken obwohl es 'nur' London ist!
    Der beste Schauspieler ist Daniel Craig aber ist der Brite???

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    • hermie9
    • 10. November 2012 12:11 Uhr

    Craig ist ja Brite! Dann sind sie ja doch die Besten, nach ihrer eigenen Meinung.

    • postit
    • 10. November 2012 12:13 Uhr

    er war doch viel bescheidener und hat nur gesagt, dass die BESTEN auch nicht besser sind als die Briten und dass die Briten das wissen...

    Mich beeindruckt dieses unbeirrbare Selbstwertgefühl immer wieder.

    Schönes Wochenende
    postit

    Daniel Craig ist Brite, aber ist er der Beste?

    Was ihre Kritik betrifft, ja, GB hat von Hollywood profitiert, aber Hollywood auch von GB.
    Schauspieler wie Michael Caine, Peter O'Toole, Bill Nighy oder auch jüngere Schauspieler wie Christopher Eccleston, David Tennant oder John Simm sind nicht nur großartige Schauspieler, sie haben auch Filme und Serien aus Amerika bereichert.
    Und ich persönlich finde, dass die Theaterkultur in GB einzigartig ist und darin die Art des britischen Spiels begründet liegt. Es gibt nicht viele amerikanische Stars, die erst jahrelang im Theater gearbeitet haben. In GB ist das der geläufigste Werdegang eines Schauspielers.
    Mein Fazit ist: Es mag ja sein, dass Amerika mehr Geld in Filme steckt und viele, sehr gute Filme gemacht hat, aber was die schauspielerische Leistung betrifft, sehe ich die Briten momentan weit vorn.

    • ludna
    • 11. November 2012 13:24 Uhr

    es gibt eine lange Liste britischer Dasteller, die in Hollywood, aber auch In UK arbeiten. Viele haben einen Oscar gewonnen.
    Beispiele: Colin Firth (für eine britischen Film), Kate Winslet, Helen Mirren, Daniel Day-Lewis, Emma Thompson,Anthony Hopkins, Jeremy Irons,Jessica Tandy, Ben Kingsley, Peter Finch, Rex Harrision, Julie Andrews, Julie Christie, Alec Guinness, David Niven u.v.a

    bekannte britische Schauspieler ohne Oscar: Jude Law, Hugh Laurie (Dr House),Damian Lewis (Homeland), Patrik Stewart (Enterprise) u.v.a

    Und zwar nicht zu knapp.

    Charlie Chaplin, Peter Ustinov, Peter O'Toole, Alec Guiness, Sean Connery, Roger Moore, Judy Dench, Christopher Lee, Ben Kingsley, Julie Andrews, Hugh Grant, Sean Bean, Miranda Richardson, Helena Bonham-Carter, Minnie Driver, Kate Winslet, Liam Neeson, Catherine Zeta-Jones, Keira Knightley, Jeremy Irons, Jude Law, Daniel Radcliffe und und und.

    Ein großer Teil der erfolgreichen Hollywood-Schauspieler kam/kommt aus dem Königreich. Einige legendäre Regisseure wie Alfred Hitchcock oder David Lean (River Kwai, Dr. Zhivago, a Passage to India) waren Briten.

    • hermie9
    • 10. November 2012 12:11 Uhr

    Craig ist ja Brite! Dann sind sie ja doch die Besten, nach ihrer eigenen Meinung.

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    nicht so ganz rueber kommt! Ich kann auch nicht behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist und dann auch noch sagen es steht in der Bibel!

    • postit
    • 10. November 2012 12:13 Uhr

    er war doch viel bescheidener und hat nur gesagt, dass die BESTEN auch nicht besser sind als die Briten und dass die Briten das wissen...

    Mich beeindruckt dieses unbeirrbare Selbstwertgefühl immer wieder.

    Schönes Wochenende
    postit

    3 Leserempfehlungen
    • Kapla
    • 10. November 2012 12:18 Uhr

    Erfolg ist selten auch Qualität. Unterhaltung muss nicht von hoher Qualität sein, um trotzdem Ihren Zweck zu erfüllen. Den meisten amerikanischen Schauspielern merkt man an, dass Sie schauspielern, in einer für mich nie vollends überzeugenden Weise. Die Briten sind ihre Charaktere. Hut ab, da können Deutschland und Amerika nicht viel dagegen setzen, rein quantitativ.

  4. nicht so ganz rueber kommt! Ich kann auch nicht behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist und dann auch noch sagen es steht in der Bibel!

  5. Danke für dieses fantastische Interview.

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  • Schlagworte Schauspieler | Film | Kino | Großbritannien | England | Michael Caine
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