Michael Caine : "Die Kamera ist meine Geliebte"
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"Die Queen ist keine Rolle. Sie ist die Queen. Punkt."

ZEIT: Warum glauben Sie, die Kamera sei eine Frau?

Caine: Sie ist so freundlich, liebevoll und zärtlich. Die Kamera kann nur eine Frau sein. Die Scheinwerfer hingegen sind männlich: scharf, dominant. Ja, sie sind Männer, und die Kamera ist eine Frau. Sie lehrt mich, weich zu sein. Denn von Natur aus bin ich kein weicher Mensch. I’m a gentleman, but I’m not a gentle man.

ZEIT: Auf der Leinwand zeigt sich dann aber, dass die Kamera keine gerechte Liebende ist.

Caine: Ich habe gut aussehende, großartige Schauspieler, die genauso gut spielten wie ich, auf der Leinwand aber einfach verpufften. Es gibt nichtssagende Typen, die plötzlich wie eine Verheißung aussehen. Und es gab eine Schauspielerin, die nicht spielen konnte, auf Zelluloid aber zum größten erotischen Knaller des Jahrhunderts wurde: Marilyn Monroe. Ich habe mich 1957 auf den Set von Der Prinz und die Tänzerin geschlichen. Damals kannte ich weder sie noch Laurence Olivier, ich drehte einfach nur im Studio nebenan. Marilyn konnte nicht spielen, aber das war egal, weil sie etwas mit der Kamera am Laufen hatte, wie niemand vor ihr oder nach ihr in dieser Weise.

ZEIT: Marilyn Monroe war eine Anhängerin des Method Acting, bei dem man sich mit eigenen Erfahrungen in eine Rolle hineinversetzt. Können Sie damit etwas anfangen?

Caine: Ich hörte sie vor der Aufnahme mit ihrer Lehrerin Paula Strasberg reden. Strasberg sagte: Denk an Frank Sinatra, dann geht es dir gut. Denk an Apfelkuchen, fühl dich wie ein warmer Apfelkuchen! Ich habe mich, solange ich denken kann, nie in einen verdammten Apfelkuchen hineinversetzt.

ZEIT: Das ist ein bisschen verkürzt.

Caine: Ach ja, dieses ganze Genuschel und das Arschgekratze von Marlon Brando. Niemand hatte bis dahin so gespielt wie er. Es stimmt: Im wirklichen Leben nuscheln die Leute und kratzen sich am Hintern. Neulich habe ich wieder Die Faust im Nacken gesehen. Er spielt einfach unfassbar gut. In dieser einen Szene mit dem Mädchen hat er ein Taschentuch, mit dem er herumnestelt, weil sie ihn nervös macht. Es ist nicht mein Ding, aber bei Marlon kommt es unglaublich überzeugend rüber.

ZEIT: Wie stehen Sie selbst zu Ihrem Ruhm?

Caine: Alle meine Nachteile wurden im Laufe meines Lebens zu Vorteilen. Und einer meiner größten Nachteile war die Tatsache, dass ich erst mit 29 Jahren bekannt wurde. Ich war kein junges Sensibelchen, das sich durch Erfolg, Geld und Ruhm aus der Bahn werfen ließ.

ZEIT: In Ihrer Biografie steht auch anderes. Dass Sie eine Weile zwei Flaschen Wodka am Tag getrunken haben.

Caine: Das war der Druck, plötzlich mit meinen Hauptrollen ganze Filme zu tragen. Am Set war ich aber nie betrunken. Nur danach, um die Spannung loszuwerden. Als ich noch am Theater war, stand da hinter der Bühne immer ein Eimer, in den man reinkotzen konnte, wenn man zu nervös war.

ZEIT: Wenn Sie auf sieben Jahrzehnte Karriere zurückblicken, welches Wort fällt Ihnen da ein?

Caine: Befriedigung. Mein Vater, der Fischkisten schleppte, sagte immer: »Such dir nie einen Job, den man durch eine Maschine ersetzen kann.« Sein Job wurde durch Maschinen ersetzt. Uns Schauspieler braucht man immer noch. Neulich wurde ich von einer Gruppe japanischer Mädchen überfallen, die mich als den Butler aus Batman erkannten und hysterisch »Alfred! Alfred!« kreischten. Wissen Sie was? Die Kunststückchen der Fledermaus kommen aus dem Computer. Der Butler kommt aus Südlondon, wo ich schon vor mehr als siebzig Jahren in die Hundescheiße getreten bin.

ZEIT: Als die Queen Sie zum Ritter geschlagen hat, was schoss Ihnen da durch den Kopf?

Caine: Bingo.

ZEIT: Queen, ist das eigentlich auch eine Rolle?

Caine: (in feierlichem Tonfall) Nein, die Queen ist die Queen.

ZEIT: Was heißt das?

Caine: Die Queen ist keine Rolle. Sie ist die Queen. Punkt. Sie sieht immer so ernst aus, dabei ist sie sehr lustig und erzählt gerne Witze. Als sie mich zum Ritter schlug, sagte sie: »Ich habe das Gefühl, dass Sie das, was Sie tun, schon sehr lange machen.« Ich dachte für mich: Das Gefühl habe ich bei Ihnen auch, Ma’am.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich habe da mal eine Frage was den "Sir" angeht

Michael Caine ist ja nicht sein richtiger Name, er heißt ja eigentlich Maurice Micklewhite. Darf er sich trotzdem Sir Michael Caine nennen ? ich weiß es ist eine etwas komische Frage, aber leider habe ich noch keinen gefunden der sie mir beantworten konnte. Seine beste Rolle ist für mich allerdings Oberstleutnant Kurt Steiner von den deutschen Fallschirmjägern, der 1943 über England abspringt, um Winston Chrchill zu entführen...nach Jack Higgins´Klassiker "Der Adler ist gelandet"

Schoen dass die Eitelkeit so weit gediehen ist!

Die erfolgreichsten Filme der letzten Zeit kamen aus den USA und ganz ehrlich schade, dass die GB sich immer noch als die Besten bezeichnen obwohl sie eigentlich eher mehr von den USA profitiert haben, als sie zugeben wollen!
Aber da kann man sich gern mit Hollywood schmuecken obwohl es 'nur' London ist!
Der beste Schauspieler ist Daniel Craig aber ist der Brite???

Naja...

Daniel Craig ist Brite, aber ist er der Beste?

Was ihre Kritik betrifft, ja, GB hat von Hollywood profitiert, aber Hollywood auch von GB.
Schauspieler wie Michael Caine, Peter O'Toole, Bill Nighy oder auch jüngere Schauspieler wie Christopher Eccleston, David Tennant oder John Simm sind nicht nur großartige Schauspieler, sie haben auch Filme und Serien aus Amerika bereichert.
Und ich persönlich finde, dass die Theaterkultur in GB einzigartig ist und darin die Art des britischen Spiels begründet liegt. Es gibt nicht viele amerikanische Stars, die erst jahrelang im Theater gearbeitet haben. In GB ist das der geläufigste Werdegang eines Schauspielers.
Mein Fazit ist: Es mag ja sein, dass Amerika mehr Geld in Filme steckt und viele, sehr gute Filme gemacht hat, aber was die schauspielerische Leistung betrifft, sehe ich die Briten momentan weit vorn.

Briten

es gibt eine lange Liste britischer Dasteller, die in Hollywood, aber auch In UK arbeiten. Viele haben einen Oscar gewonnen.
Beispiele: Colin Firth (für eine britischen Film), Kate Winslet, Helen Mirren, Daniel Day-Lewis, Emma Thompson,Anthony Hopkins, Jeremy Irons,Jessica Tandy, Ben Kingsley, Peter Finch, Rex Harrision, Julie Andrews, Julie Christie, Alec Guinness, David Niven u.v.a

bekannte britische Schauspieler ohne Oscar: Jude Law, Hugh Laurie (Dr House),Damian Lewis (Homeland), Patrik Stewart (Enterprise) u.v.a

Selbstsverständlich hat Hollywood von GB profitiert

Und zwar nicht zu knapp.

Charlie Chaplin, Peter Ustinov, Peter O'Toole, Alec Guiness, Sean Connery, Roger Moore, Judy Dench, Christopher Lee, Ben Kingsley, Julie Andrews, Hugh Grant, Sean Bean, Miranda Richardson, Helena Bonham-Carter, Minnie Driver, Kate Winslet, Liam Neeson, Catherine Zeta-Jones, Keira Knightley, Jeremy Irons, Jude Law, Daniel Radcliffe und und und.

Ein großer Teil der erfolgreichen Hollywood-Schauspieler kam/kommt aus dem Königreich. Einige legendäre Regisseure wie Alfred Hitchcock oder David Lean (River Kwai, Dr. Zhivago, a Passage to India) waren Briten.

Bitte im Originalton anschauen

Erfolg ist selten auch Qualität. Unterhaltung muss nicht von hoher Qualität sein, um trotzdem Ihren Zweck zu erfüllen. Den meisten amerikanischen Schauspielern merkt man an, dass Sie schauspielern, in einer für mich nie vollends überzeugenden Weise. Die Briten sind ihre Charaktere. Hut ab, da können Deutschland und Amerika nicht viel dagegen setzen, rein quantitativ.