ZEIT: Warum glauben Sie, die Kamera sei eine Frau?

Caine: Sie ist so freundlich, liebevoll und zärtlich. Die Kamera kann nur eine Frau sein. Die Scheinwerfer hingegen sind männlich: scharf, dominant. Ja, sie sind Männer, und die Kamera ist eine Frau. Sie lehrt mich, weich zu sein. Denn von Natur aus bin ich kein weicher Mensch. I’m a gentleman, but I’m not a gentle man.

ZEIT: Auf der Leinwand zeigt sich dann aber, dass die Kamera keine gerechte Liebende ist.

Caine: Ich habe gut aussehende, großartige Schauspieler, die genauso gut spielten wie ich, auf der Leinwand aber einfach verpufften. Es gibt nichtssagende Typen, die plötzlich wie eine Verheißung aussehen. Und es gab eine Schauspielerin, die nicht spielen konnte, auf Zelluloid aber zum größten erotischen Knaller des Jahrhunderts wurde: Marilyn Monroe. Ich habe mich 1957 auf den Set von Der Prinz und die Tänzerin geschlichen. Damals kannte ich weder sie noch Laurence Olivier, ich drehte einfach nur im Studio nebenan. Marilyn konnte nicht spielen, aber das war egal, weil sie etwas mit der Kamera am Laufen hatte, wie niemand vor ihr oder nach ihr in dieser Weise.

ZEIT: Marilyn Monroe war eine Anhängerin des Method Acting, bei dem man sich mit eigenen Erfahrungen in eine Rolle hineinversetzt. Können Sie damit etwas anfangen?

Caine: Ich hörte sie vor der Aufnahme mit ihrer Lehrerin Paula Strasberg reden. Strasberg sagte: Denk an Frank Sinatra, dann geht es dir gut. Denk an Apfelkuchen, fühl dich wie ein warmer Apfelkuchen! Ich habe mich, solange ich denken kann, nie in einen verdammten Apfelkuchen hineinversetzt.

ZEIT: Das ist ein bisschen verkürzt.

Caine: Ach ja, dieses ganze Genuschel und das Arschgekratze von Marlon Brando. Niemand hatte bis dahin so gespielt wie er. Es stimmt: Im wirklichen Leben nuscheln die Leute und kratzen sich am Hintern. Neulich habe ich wieder Die Faust im Nacken gesehen. Er spielt einfach unfassbar gut. In dieser einen Szene mit dem Mädchen hat er ein Taschentuch, mit dem er herumnestelt, weil sie ihn nervös macht. Es ist nicht mein Ding, aber bei Marlon kommt es unglaublich überzeugend rüber.

ZEIT: Wie stehen Sie selbst zu Ihrem Ruhm?

Caine: Alle meine Nachteile wurden im Laufe meines Lebens zu Vorteilen. Und einer meiner größten Nachteile war die Tatsache, dass ich erst mit 29 Jahren bekannt wurde. Ich war kein junges Sensibelchen, das sich durch Erfolg, Geld und Ruhm aus der Bahn werfen ließ.

ZEIT: In Ihrer Biografie steht auch anderes. Dass Sie eine Weile zwei Flaschen Wodka am Tag getrunken haben.

Caine: Das war der Druck, plötzlich mit meinen Hauptrollen ganze Filme zu tragen. Am Set war ich aber nie betrunken. Nur danach, um die Spannung loszuwerden. Als ich noch am Theater war, stand da hinter der Bühne immer ein Eimer, in den man reinkotzen konnte, wenn man zu nervös war.

ZEIT: Wenn Sie auf sieben Jahrzehnte Karriere zurückblicken, welches Wort fällt Ihnen da ein?

Caine: Befriedigung. Mein Vater, der Fischkisten schleppte, sagte immer: »Such dir nie einen Job, den man durch eine Maschine ersetzen kann.« Sein Job wurde durch Maschinen ersetzt. Uns Schauspieler braucht man immer noch. Neulich wurde ich von einer Gruppe japanischer Mädchen überfallen, die mich als den Butler aus Batman erkannten und hysterisch »Alfred! Alfred!« kreischten. Wissen Sie was? Die Kunststückchen der Fledermaus kommen aus dem Computer. Der Butler kommt aus Südlondon, wo ich schon vor mehr als siebzig Jahren in die Hundescheiße getreten bin.

ZEIT: Als die Queen Sie zum Ritter geschlagen hat, was schoss Ihnen da durch den Kopf?

Caine: Bingo.

ZEIT: Queen, ist das eigentlich auch eine Rolle?

Caine: (in feierlichem Tonfall) Nein, die Queen ist die Queen.

ZEIT: Was heißt das?

Caine: Die Queen ist keine Rolle. Sie ist die Queen. Punkt. Sie sieht immer so ernst aus, dabei ist sie sehr lustig und erzählt gerne Witze. Als sie mich zum Ritter schlug, sagte sie: »Ich habe das Gefühl, dass Sie das, was Sie tun, schon sehr lange machen.« Ich dachte für mich: Das Gefühl habe ich bei Ihnen auch, Ma’am.