Michael Caine"Die Kamera ist meine Geliebte"

Ein Gespräch mit dem grandiosen Schauspieler Michael Caine, den die Viennale in Wien mit einer Filmreihe ehrt. von 

Michael Caine im Mai 2010

Michael Caine im Mai 2010  |  © Chris Jackson/Getty Images

DIE ZEIT : Sir Michael Caine...

Michael Caine: ...weg mit dem Sir!

Anzeige

ZEIT: Die Queen hat Sie zum Ritter geschlagen. Was bedeutet das für Sie? Eine Rolle unter vielen?

Caine: Einen Spaß und eine Rolle. Aber auch eine Bestätigung, einen Status, den jemand, der aus einem Londoner Arbeiterviertel kommt, nicht so leicht erreicht.

ZEIT: War es eine Art Beförderung vom Statisten zur Hauptrolle?

Michael Caine

wurde 1933 im Süden von London geboren. Nach ersten Theater- und Kinorollen erlebte er 1966 seinen Durchbruch als Verführer in »Alfie«. Als Sensation galt, dass er dort offensiv seinen Unterschichtenakzent einsetzte. Seit mehr als 50 Jahren steht Caine für britisches Understatement und schier unerschöpfliche Vielseitigkeit. Er drehte mit Joseph Mankiewicz, John Huston und Brian De Palma. 1987 und 2000 gewann Caine zwei Oscars als bester Nebendarsteller. In der Rolle des Butlers Alfred wurde er in Christopher Nolans Batman-Filmen zum stets tadellos gekleideten väterlichen Vertrauten des Helden

Caine: Vielleicht. Aber man kann diese Rolle unterschiedlich spielen. Die britische Klassengesellschaft hat sich zum Glück verändert. Als ich mit Sir Laurence Olivier 1972 den Psychothriller Sleuth drehte, schickte er mir vorher einen Brief: »Ich schreibe Ihnen als Sir Laurence Olivier. Falls Sie nicht wissen sollten, wie Sie mich ansprechen sollen: Von dem Moment an, da wir uns die Hand geben, können Sie mich Larry nennen.« Stellen Sie sich vor, ich hätte Jude Law so einen Brief geschrieben, als wir vor ein paar Jahren das Remake von Sleuth drehten. Der hätte mir den Vogel gezeigt.

ZEIT: Für die einen werden Sie immer Alfie sein, der proletarische Verführer, mit dem Sie 1966 Ihren Durchbruch erlebten. Für andere der Perückenkiller aus Brian De Palmas Achtziger-Jahre-Thriller Dressed to Kill. Für die ganz Jungen wiederum sind Sie einfach Alfred, der Butler aus Batman. Gibt es eine Rolle, die Sie bis heute begleitet?

Caine: Mein allererster Auftritt: wie ich als Dreijähriger dem Schuldeneintreiber aufmachte und sagen musste: »Mama ist nicht da!«, obwohl sie hinter der Tür stand.

ZEIT: Wie kamen Sie als Arbeiterjunge überhaupt auf die Idee, Schauspieler zu werden?

Caine: Ich wollte es, seit ich denken kann. Aber ich wusste nicht mal, dass es Schauspielschulen gab. Mein Vater stapelte Fischkisten auf dem Großmarkt. In meiner Gegend gab es Luden, Hehler und Gangster, die sich gegenseitig aufschlitzten. Hätte ich das Wort Schauspielschule nur ausgesprochen, hätten mich meine Kumpel für verrückt erklärt. Nachdem ich als Soldat aus Korea zurückgekommen war, arbeitete ich in einer Fabrik, wo ich einem älteren Mann meinen Traum anvertraute. Er riet mir, eine Zeitschrift mit Annoncen für Theaterjobs zu kaufen. So fing ich als Mädchen für alles im Repertoiretheater an und spielte auf Provinztourneen vor schwerhörigen Omis.

ZEIT: Gab es damals eine Klassengesellschaft der Schauspieler?

Caine: Natürlich. In den Fünfzigern gab es zwei getrennte Welten: Es gab den Weg durch die Theaterklitschen, und irgendwo in einem fernen Märchenreich schimmerte die Royal Shakespeare Company. Im Kino spielten Schauspieler mit proletarischem Hintergrund allenfalls feige kleine Soldaten, die von einem adeligen Offizier zum tapferen Sieg geführt werden. Einmal ging ich mit meiner Gang ins Kino, in einen Krimi, und der Gangster wurde von Dirk Bogarde gespielt. Ein schwuler Holländer als Londoner Cockney-Gangster! Wir haben geschrien vor Lachen.

ZEIT: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Ihnen die sixties bei Ihrer Karriere zu Hilfe gekommen seien.

Caine: Die sixties waren für England in jeder Hinsicht die Rettung. Plötzlich gab es Cafés, kleine Restaurants, Diskotheken. Vorher gab es nur Pubs und Fish ’n’ Chips und eklige Fischpasteten.

ZEIT: Wann wurde Ihnen klar, dass sich etwas Grundlegendes verändert?

Caine: Die sechziger Jahre begannen 1956, als John Osbornes Blick zurück im Zorn in London aufgeführt wurde, ein Stück über ein junges Paar, das sich zusammenrauft, obwohl die beiden aus sehr unterschiedlichen Milieus stammen. Plötzlich gab es jede Menge Autoren, die Rollen für Typen wie mich schrieben. The Long and the Short and the Tall war das erste englische Stück, das von einfachen Soldaten handelte. Peter O’Toole spielte die Hauptrolle, und ich war die Zweitbesetzung. Als O’Toole Lawrence von Arabien drehte, konnte ich den Part übernehmen, und dann kam die erste Kinorolle. Meine ganze Karriere beruht auf diesem sixties-Timing. Wäre all das fünf Jahre früher passiert, wäre nichts aus mir geworden.

Leserkommentare
    • H.v.T.
    • 11. November 2012 6:58 Uhr

    "Der Mann, der König sein wollte".

    http://de.wikipedia.org/w...

    Danke für das Interview.

  1. das ist das problem mit vielen deutsche. sie verstehen keine ironie, schon gar keine selbstironie und darin sind die briten tatsaechlich die groessten.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • H.v.T.
    • 11. November 2012 10:25 Uhr

    Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, warum Deutsche britisch werden sollten.

    • H.v.T.
    • 11. November 2012 10:25 Uhr

    Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, warum Deutsche britisch werden sollten.

    Antwort auf "verstehen"
    • ludna
    • 11. November 2012 13:24 Uhr
    20. Briten

    es gibt eine lange Liste britischer Dasteller, die in Hollywood, aber auch In UK arbeiten. Viele haben einen Oscar gewonnen.
    Beispiele: Colin Firth (für eine britischen Film), Kate Winslet, Helen Mirren, Daniel Day-Lewis, Emma Thompson,Anthony Hopkins, Jeremy Irons,Jessica Tandy, Ben Kingsley, Peter Finch, Rex Harrision, Julie Andrews, Julie Christie, Alec Guinness, David Niven u.v.a

    bekannte britische Schauspieler ohne Oscar: Jude Law, Hugh Laurie (Dr House),Damian Lewis (Homeland), Patrik Stewart (Enterprise) u.v.a

    Eine Leserempfehlung
    • ludna
    • 11. November 2012 13:27 Uhr

    auch britische Filme bzw TV Produktionen sind häufig besser als die US Versionen, aber man sieht es den Filmen natürlich an, das Hollywood viel mehr Geld hat.

    Das macht natürlich den Charme britischer (und guter deutscher) Filem aus, man wenig special effects und muss daher stärker auf Story und Dialoge setzen.

    Antwort auf "Naja..."
  2. Und zwar nicht zu knapp.

    Charlie Chaplin, Peter Ustinov, Peter O'Toole, Alec Guiness, Sean Connery, Roger Moore, Judy Dench, Christopher Lee, Ben Kingsley, Julie Andrews, Hugh Grant, Sean Bean, Miranda Richardson, Helena Bonham-Carter, Minnie Driver, Kate Winslet, Liam Neeson, Catherine Zeta-Jones, Keira Knightley, Jeremy Irons, Jude Law, Daniel Radcliffe und und und.

    Ein großer Teil der erfolgreichen Hollywood-Schauspieler kam/kommt aus dem Königreich. Einige legendäre Regisseure wie Alfred Hitchcock oder David Lean (River Kwai, Dr. Zhivago, a Passage to India) waren Briten.

    2 Leserempfehlungen
  3. 23. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... auf Naturbeobachtung beruhende Tatsachenfeststellungen unsachlich sein?

  4. ... auf Naturbeobachtung beruhende Tatsachenfeststellungen unsachlich sein?

    Antwort auf "[...]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Schauspieler | Film | Kino | Großbritannien | England | Michael Caine
Service