Studentenvertretung : Phönix aus dem Asta

Nach 35 Jahren wird in Baden-Württemberg die Studentenvertretung wieder eingeführt. Darüber sind nicht alle glücklich.

Dank der Grünen und der SPD hat Laura Maylein endlich eine neue Hose. Mit dieser dunkelblauen Jeans sitzt sie nun im Schneidersitz auf einem Drehstuhl in ihrem Büro. Laura ist 24, sie studiert Kroatisch und Philosophie an der Uni Freiburg. »Ich bin ein Karrieremensch«, sagt sie und verzieht das Gesicht, damit klar ist: Das meint sie nicht ernst. Die Sache mit der Hose hat sie durchgezogen. Auch wenn es am Anfang wie ein Scherz klang.

Vor einem Jahr wollte sich Laura gerade eine neue Hose kaufen, als es in Baden-Württemberg ein kleines politisches Erdbeben gab: Bei den Landtagswahlen 2011 flog die CDU nach 50 Jahren aus der Regierung. »Das war eine riesige Überraschung«, sagt Laura. Hochschulpolitische Forderungen, die jahrzehntelang an der CDU gescheitert waren, schienen auf einmal durchsetzbar. Und so leistete Laura, die zu der Zeit in der Studentenvertretung ihrer Uni war, einen Eid: Sie versprach, nicht eher wieder neue Kleidung zu kaufen, bis die Hochschulen in Baden-Württemberg das zurückhätten, was die CDU ihnen einst genommen hatte: eine verfasste Studierendenschaft.

Sie ist der Zusammenschluss aller Studenten einer Universität, gemeinsam wählen sie den Allgemeinen Studierendenausschuss, kurz Asta. Er vertritt die Studierendenschaft nach außen, gleichzeitig verhandelt er auch mit der Uni-Leitung, zum Beispiel über bessere Studienbedingungen. Bis 1977 war das auch in Baden-Württemberg so, dann schaffte ihn die CDU ab: zu links, zu aufmüpfig, unnötig. Ein ähnliches Gesetz gibt es bis heute nur in einem anderen Bundesland: Bayern.

Kein Erfolg, nur halbherzige Zugeständnisse

Generationen von Studentenvertretern haben versucht, die verfasste Studierendenschaft in Baden-Württemberg wieder einzuführen – ohne Erfolg. Es gab nur halbherzige Zugeständnisse: An manchen Unis, so wie in Freiburg, blieben die Asten und behielten ihren Namen, aber sie hatten keine eigenen Gelder und nicht das Recht, sich hochschulpolitisch zu äußern. Als Reaktion darauf gründeten sich an vielen Unis unabhängige Studierendenschaften, sogenannte uAsten: Gewählte Asta-Vertreter wie Laura Maylein organisieren sich in ihnen außerhalb der Uni. So dürfen sie in den uAsten all das tun, was ihnen im offiziellen Asta nicht erlaubt ist. Dennoch: eine Notlösung und eine verwirrende Konstruktion, an der sich knapp 35 Jahre lang nichts änderte, bis vor einem Jahr die grün-rote Koalition kam.

Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit schaffte sie die Studiengebühren ab und signalisierte, dass sie auch der Wiedereinführung der verfassten Studierendenschaft positiv gegenüberstehe. Um den Prozess zu beschleunigen, verbrachte Laura ihre gesamten Ferien damit, einen Entwurf für ein neues Gesetz zu schreiben. Im Juni dieses Jahres hat die neue grün-rote Regierung nun die Wiedereinführung beschlossen. Laura war zufrieden. Kurz nach dem Gesetzesbeschluss hat sie ihren Eid eingelöst und sich nach fast einem Jahr endlich eine neue Hose gekauft. Alles könnte gut sein, doch nicht alle freuen sich.

Die konservative Studentenvereinigung Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) sammelt im Internet Unterschriften gegen die verfasste Studierendenschaft. Von »Zwangsbeiträgen« ist dort die Rede, denn in Zukunft werden die Studenten jedes Semester einen festen Betrag für ihre Vertretung zahlen müssen – egal, ob sie mit der Politik und den Aktionen des Asta einverstanden sind oder eben nicht.

Solche allgemein verpflichtenden Beiträge für die verfasste Studierendenschaft gibt es in fast allen Bundesländern. Sie liegen pro Semester zwischen acht und zwölf Euro. Für den einzelnen Studenten ist das nicht viel, doch bei großen Unis kommen so schnell Beträge von mehreren Hunderttausend Euro zusammen. Mit den Geldern finanzieren die Asten Beratungs- und Serviceangebote, Partys oder Fahrradwerkstätten, doch immer wieder kam es in der Vergangenheit auch zu Verschwendung und Skandalen.

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Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Universität Bayreuth (1)

Sehr geehrter Herr Gurk,
Sie haben einen sehr interessanten und aufschlussreichen Artikel verfasst. Ich bin selbst Student der Universität Bayreuth und kann aus meinen Erfahrungen Ihnen nur zustimmen.

Das Interesse in unserer Zeit strebt gegen Null. Frank Schirrmacher nennt das kollektive Individualität. So ist bei uns in Bayreuth, hier agiert ein Studierendenparlament, das politische Desinteresse der Studenten mehr als zu spüren.

Das CampusTV, was sogar vom bayrischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgezeichnet wurde und darüber hinaus für die Uni Bamberg mitüberträgt, hält es für sinnvoller mikrowellenwarme, seichte Berichte über WG-Leben zu senden, anstatt sich mit Hochschulpolitik zu beschäftigen.

Das Studentenwerk, dass sich um die Vertretung der Studenten nach Außen hin kümmert, zum Beispiel in Verhandlungen mit der Deutschen Bahn bezüglich eines Semestertickets, ist damit beschäftigt, Bafög-Anträge sechs Monate ausbleichen zu lassen. Diese Institution ist vollends überfordert.

Ein Semesterticket ist übrigens nicht tragbar, würde es mehr als 60 EUR kosten, schließlich muss sich jeder so ein Ticket leisten können, heißt es im Studentenwerk. Also kann man mit unserem Studentenausweis gerade mal Bus fahren. Nach Nürnberg kostet eine Fahrt 9,90 EUR.

Universität Bayreuth (2)

Während die Guttenberg-Uni einen neuen Millionenbau, für die Rechtswissenschaftler anbaut, die Naturwissenschaft ein neues Gebäude erhält, sitzen die Medienwissenschaftler immernoch extern - wohlgemerkt in einer Zwecksbaute, indem ein Gebäude offenbar Asbest verseucht ist.

Genug Missstände um sich gehörig aufzuregen, dass in diesem reaktionären selbstverliebten Bundesland Bayern - verzeihung Freistaat - immer noch kein Asta erlaubt ist.

Für die Zukunft hoffe ich, dass sich die SPD & Grüne junge Studenten in Bayern wachrütteln, damit auch dieser wiederspenstige Freistaat im 21. Jahrhundert ankommt.

Ich denke es ist sinnvoll, dass alle Studenten ihren Asta mit 7 - 10 EUR unterstützen. Freilich wäre eine Opt-Out Möglichkeit denkbar, dass würde zumindest die bewussten von unbewussten Wahlverweigern trennen.

lieber so herum

als ich studiert habe, durften die mainzer (rheinlandpfälzische uni) ein semsterticket von etwa 100€ blechen, welches erlaubte, auf der ost-nord seite (hessisch) bis kassel hoch zu fahren, aber auf der west-süd-seite bei mainz-marienborn endete.
das hat mir jegliches solidarisches denken abgewöhnt.
innerstädtisch finde ich ein solches ticket ok, aber wer darüber hinaus bus und bahn fahren will, soll es sich gefälligst selbst kaufen und es sich nicht vom rest der studierendenschaft finanzieren lassen.
das ist definitiv ein missbrauch des soliddaritätsgedankens.

Solidaritätsgedanken (1)

@mcharlie #Solidaritätsgedanken:

Also da muss Ich Ihnen zunächst zustimmen. Man kann kein Semesterticket einführen, dass nur einer Minderheit dient. Allerdings halte ich es für respektlos, wenn Komilitonen mit einem von den Eltern finanzierten BMW vorfahren und auf die Frage nach unipolitischer Beteilgung nur gesättigt abwinken.

Das Thema Mobilität und Studium hat aber meiner Meinung nach noch ganz andere Dimensionen, die sich hier zwar nur marginal mit Unipolitik beschäftigen, aber durchaus angesprochen werden sollten.

Ein befreundeter Student aus Marburg beispielsweise zahlt für sein Semesterticket 130 EUR / Semester. Damit kann der Student in Mittelhessen im gesamten Bundesland mit dem Zug fahren. Sogar die Fahrt mit dem IC ist gestattet und das bis zur nächsten IC-Station im benachbarten Bundesland. Ähnlich verhält es sich mit dem Semesterticket in NRW und anderen Bundesländern.

Bayern betreffend, und wir sprechen von einem Freistaat der ansonsten mit seinem Reichtum zu protzen scheint, verhält es sich ganz anders. Die Studenten, hier nicht vom AstA vertreten haben große Mühe ein sinnvolles Ticket auszuhandeln.

Allgemein gesprochen halte ich es aber für eine rückständige Politik, dass die Deutsche Bahn immer noch in Verbänden, Tarifzonen, Waben und diversen anderen lokalen Systemen organisiert ist. Spätestens, wenn man eine längere Reise antritt und im Begriff ist in ein neues System zu fahren, explodieren die Kosten.

Solidaritätsgedanken (2)

Ich hoffe einestages wird es möglich sein, dass es ein bundesweites, faires, bezahlbares, einheitlches Studententicket bei der Deutschen Bahn gibt. Das ist sicherlich eine große Aufgabe. Womöglich zugroß für einen ehrenamtlichen AstA, aber einestages wachen auch die Studenten 2.0 auf und merken, dass das Internet neben Chatrooms und YouTube auch noch andere Möglichkeiten bereit hält.

Demokratie muss man lernen

Ich hatte mir mehr von der Artikel erhofft. Willy Brandt sprach davon, man solle mehr Demokratie wagen. Solche demokratischen Strukturen an Universitäten sind aus disem Geist geboren: hier lernen junge Erwachsene parlamentarische Demokratie hautnah kennen und statt bloße Arbeitskräfte bringen Universitäten so den einen oder anderen Demokraten hervor, der neben dem Studium gelernt hat sich für seine Interessen (oder einfach nur das, was er für richtig hält) zu engagieren und der ohne solche Strukturen wohl heute noch glauben würde Politik sei Sache "der Politiker" und er als Bürger hätte damit ja nichts zu tun.
Diesen Aspekt, demokratische Ideale (beziehungsweise ihre Umsetzung) im Kleinen einzuüben, damit kommende Akademiker der Gesellschaft mehr als nur materiellen Wohlstand zurückgeben können, hätte ich mir auch in diesem Artikel gewünscht. Oder glaubt die Union denn, Demokratie sei ein Naturgesetz und müsse nicht von jeder Generation neu erlernt werden?