Auf der Internetseite des RCDS gibt es eine ganze Liste solcher Fälle. An der Uni Bochum machten die Studentenvertreter bei einem selbst veranstalteten Konzert 220.000 Euro Schulden, der Asta der Goethe-Universität Frankfurt verlor mit einer eigenen Autovermietung 100.000 Euro. Der Asta der TU Berlin spendierte zwei Studentinnen die Reise zu einem Queer- und Feministinnentreffen in Lateinamerika, und der Asta der Uni Münster bezahlte seinem Frauenreferat einen Erotikabend im Sexshop.

»Das sind doch alles alte Hüte!«, sagt Laura. »Teilweise sind diese Skandale über 15 Jahre alt. Daran erinnern sich die Leute, nicht aber an die gute Arbeit, die Asten machen.« Doch selbst wenn man die Skandale außer Acht lässt, gibt es noch ein weiteres Problem: Kaum einer will die Studentenvertreter wählen. Die Beteiligung bei Hochschulwahlen liegt meist unter 20 Prozent, man kann darin ein bewusstes Fernbleiben sehen oder einfach Desinteresse. In beiden Fällen stellt sich die Frage: Wieso sollte man eine Institution wieder einführen, die ein Großteil ihrer Wähler nicht wählen will? 

Genau das ist einer der Punkte, mit dem in Bayern gegen eine verfasste Studierendenschaft argumentiert wird. Gleichzeitig kann man dort sehen, welche Nachteile so eine Politik hat.

Der Asta der TU München hat sein Büro im Gebäude der Mensa, über dem Eingang hängt ein großes Plakat, darauf streckt das Münchner Kindl die Zunge heraus, so als wollte es sagen: Ätsch, ich bin immer noch da. Auch Bayern hat in den siebziger Jahren die verfasste Studierendenschaft und die Asten offiziell abgeschafft. Nachdem Baden-Württemberg sie wieder eingeführt hat, ist Bayern nun das einzige Bundesland, in dem sie nicht wieder im Hochschulgesetz verankert sind. Zu tief scheint bei einigen konservativen Politikern das Vorurteil verwurzelt zu sein, dass alle Vertreter der Studierendenschaft linke Krawallmacher sind. »Hier hört man oft noch Sprüche wie: Früher konnte man als Konservativer in keine Uni gehen, ohne mit Eiern beschmissen zu werden«, sagt Franziska Traube. Die 22-Jährige ist studentische Vertreterin im Senat der TU München, jede Woche arbeitet sie 20 Stunden für ihre hochschulpolitischen Ämter, dafür bekommt sie als Aufwandsentschädigung gerade einmal 50 Euro pro Monat.

Was an anderen Unis selbstverständlich ist, gibt es in Bayern nicht

In den Bundesländern, in denen eine verfasste Studierendenschaft erlaubt ist, verfügen die Asten dank der Semesterbeiträge der Studenten über genug Geld, um ihre Vertreter so zu bezahlen, dass diese nicht nebenher noch jobben müssen. In Bayern aber dürfen die studentischen Interessenvertretungen oft nicht einmal ein Konto eröffnen. »Unsere Möglichkeiten sind extrem begrenzt«, sagt Franziska. Was an anderen Unis selbstverständlich ist, gibt es an der TU München nicht: eine unabhängige Bafög-Beratung zum Beispiel oder eben auch eine ausreichende Bezahlung der Studentenvertreter. Hochschulpolitik wird Sache derjenigen, die Geld haben oder die wie Franziska bereit sind, zusätzlich neben Studium und Nebenjob noch 20 Stunden in Sitzungen zu verbringen.

Auch einige Hochschulrektoren in Bayern finden das ungerecht und sind prinzipiell für die Wiedereinführung der verfassten Studierendenschaft – allerdings nur unter ihren Konditionen. »Wenn nur 10 Prozent wählen und damit gleichzeitig 90 Prozent in eine Zwangsmitgliedschaft gebunden werden, kann das nicht im Interesse der Mehrheit der Studierenden sein«, sagt zum Beispiel Professor Karl-Dieter Grüske, der Präsident der Uni Erlangen. Verfasste Studierendenschaft ja, Zwangsmitgliedschaft nein – bis jetzt konnten sich Studentenvertreter und Hochschulleiter noch nicht auf ein Modell einigen. Und selbst wenn, müsste die Landesregierung für eine Wiedereinführung der verfassten Studierendenschaft erst mal die Hochschulgesetze ändern – und das ist unwahrscheinlich, solange die CSU an der Macht ist.

In Baden-Württemberg fangen die Studentenvertreter nach über 30 Jahren ohne verfasste Studierendenschaft gerade wieder neu an. Laura Maylein ist dieses Jahr durch Dutzende Hochschulen getingelt und hat mit Studenten und ihren Vertretern über die Veränderungen gesprochen. Auf dem Titelbild ihrer Flyer steigt ein Phönix aus der Asche.

Im Herbst 2013 sollen an der Uni Freiburg die ersten Vertreter von verfassten Studierendenschaften ihr Amt antreten. Laura wird dann nicht mehr dabei sein. »Ich muss mich endlich mal aufs Studium konzentrieren«, sagt sie und grinst. Vielleicht meint sie es dieses Mal sogar ernst.

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