DeutschlandreiseEin Kaiser für Amerika

Nach Deutschland der Verfassung wegen: Wie der spätere US-Präsident Thomas Jefferson 1788 das Alte Reich erlebte. von Jürgen Overhoff

Dieses Porträt des Malers Rembrandt Peale zeigt den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Thomas Jefferson.

Dieses Porträt des Malers Rembrandt Peale zeigt den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Thomas Jefferson.  |  © Wikimedia Commons

Es ist eine heikle Mission. Es geht um Staatsschulden von geradezu griechischem Ausmaß. Thomas Jefferson, der weltberühmte Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und seit 1784 Botschafter in Paris, ist besorgt. Gemeinsam mit John Adams, dem US-Gesandten in London, muss er in der Bankenmetropole Amsterdam nach Finanziers Ausschau halten, die dem jungen amerikanischen Staatenbund noch Kredit gewähren. Denn groß ist der Schuldenberg, den die USA im Unabhängigkeitskrieg aufgetürmt haben. »Unsere Angelegenheiten«, schreibt Jefferson vor seiner Abreise nach Holland am 2. März 1788 an Adams, »lasten auf meinem Gemüt wie ein Gebirge.«

Doch die Gespräche mit den niederländischen Bankiers nehmen einen unverhofft günstigen und raschen Verlauf. Schon am 16. März, nur eine Woche nach ihrer Ankunft in Amsterdam, haben die beiden Amerikaner das Geld in der Tasche. Den Tag darauf reist der pflichtbewusste Adams zurück nach London. Thomas Jefferson aber erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch: Er will Deutschland sehen.

Anzeige

Es sollten drei unbeschwerte Wochen werden. Seine Erlebnisse hielt er in detaillierten Notizen fest; 1957 wurden sie erstmals veröffentlicht. Seit 1991 gibt es eine deutsche Auswahl, die der Dinslakener Historiker Willi Dittgen unter dem Titel Jeffersons Rheintour in einem Bändchen herausgab, leider ohne Jeffersons Briefe aus und über Deutschland. Im Übrigen sah der Amerikaner mehr als nur das Rheintal. Er selber sprach nach seiner Rückkehr von einer »langen Reise« durch das Reich, auf der er »die besten Gegenden von Deutschland« zu Gesicht bekam, außer dem Rheinland auch Lahn, Mosel und Neckar, den Westerwald und den Taunus, Hessen und Baden und vor allem die Reichsstadt Frankfurt am Main, wo er sich am längsten aufhielt.

Jefferson reist just zu einer Zeit, da das alte deutsche Reich im Fokus einer der wichtigsten öffentlichen Debatten der Vereinigten Staaten steht. Seit Oktober 1787 läuft der Ratifizierungsprozess für die neue Verfassung. Sie ist nötig geworden, da sich herausgestellt hat, dass dieser Staatenbund, der sich als eher lose Konföderation souveräner Einzelstaaten versteht, nur selten wirklich weitreichende Entscheidungen treffen kann.

Jürgen Overhoff

ist Historiker und lehrt an den Universitäten Münster und Hamburg. Zuletzt erschien sein Buch »Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung« (Verlag Klett-Cotta; 365 S., 22,95 €).

Die oberste Bundesgewalt muss gestärkt werden – und zwar, wie James Madison, der wichtigste Verfassungsarchitekt, während der Sitzungen der Constitutional Convention in Philadelphia verkündet, »in Analogie« zur deutschen Reichsverfassung. Anders als die ebenfalls föderativ verfassten Niederlande oder die Schweizer Eidgenossenschaft, so befindet Madison, habe das Reich ein Bundesoberhaupt, den Kaiser, der die gegenläufigen Interessen einzelner Staaten wie Bayern, Baden oder Anhalt-Dessau ausgleichen und bündeln könne. Also brauchen die republikanischen USA eine ähnliche Institution, allerdings als demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt. Geschaffen wird das Amt des Präsidenten.

In einem Brief an seinen Freund Jefferson, der ihm aus Paris kistenweise Bücher zur deutschen Reichsverfassung geschickt hat, vergleicht Madison am 24. Oktober 1787 die Kompetenzen des deutschen Kaisers und des projektierten Präsidenten miteinander. Er erläutert, dass beide chiefs auf sehr ähnliche Weise ein föderales Staatswesen leiteten: der eine in Abstimmung mit dem Bundeskongress in Philadelphia, der andere mit dem Federal diet, dem »Bundestag« in Regensburg. In Zeitungsartikeln, den sogenannten Federalist Papers, die im ganzen Land gelesen werden, wirbt Madison mit seinen Co-Autoren Alexander Hamilton und John Jay für die Annahme der neuen Konstitution, indem er wiederholt das Reich als ein politisches Modell für die Vereinigten Staaten nennt.

Madisons Argumente überzeugen; bis zum April 1788 haben die meisten Bundesstaaten die neue Konstitution ratifiziert. Von denen, die noch nicht dazugehören, sind der Staat New York sowie Madisons und Jeffersons Heimatstaat Virginia die wichtigsten. Auch in Poughkeepsie und Richmond, den beiden Hauptstädten dieser Staaten, diskutieren Ratifizierungsversammlungen über Amerikas Bedürfnisse und die Reichsverfassung.

Leserkommentare
  1. 1. Nun...

    ...wie ich hier erkennen muss, hat sich wenigstens der Habit der Bedienstetenschaft in Deutschlands öffentlichen Verkehrsmitteln seit mindestens 200 Jahren nicht geändert. Und der englischen Zunge sind diese heutzutage im Allgemeinen auch nicht mächtig

    3 Leserempfehlungen
  2. bis auf seine Vorliebe für Ruinen in Deutschland - von seinen Amtsnachfolgern der letzten Jahrzehnte so wenig beherzigt wurden, sonst gäbe es so unsinnige Postulate wie die "Responsibility to protect" schon mal nicht: schrieb Jefferson doch zu genau diesem Thema bereits am 19.Mai 1809 in einem Brief an John Wyche “The people of every country are the only safe guardians of their own rights, and are the only instruments which can be used for their destruction.”

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. "

    Warum kann ein Sklavenhalter so etwas verfassen, ohne irgendwelche Gewissensbisse zu bekommen?

    Ganz klar: Dort ist nur von Männern die Rede. Frauen fallen da generell unter den Tisch und männliche "Nigger" blieben ihr Leben lang "Boys".

    Neu war mir, das er sich sogar eine Sex-Sklavin gehalten hatte. Wäre ja mal eine spannende Frage, wie er mit "Leibesfrüchten" aus dieser Verbindung umgegangen wäre.
    Aber da wäre dem Jurist auch sicher etwas passendes eingefallen

  3. Auch Europa hätte sich an das Staatsmodell des alten Reiches halten sollen, das tausend Jahre von 800 bis 1806 fortdauerte. Statt dessen wählten die Väter der EU unklugerweise das Modell einer Räterepublik, welches bekanntlich schon in der Sowjetunion nicht funktioniert hat.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da gab es doch mal so einen lappischen Krieg, bei den sich so einige Nachbarstaaten auf deutschem Boden mal so richtig ausgetobt hatten. Danach war die Region so stark entvölkert, wie nach der Pest.

    Das Reich war immer so stark, wie der jeweilige Kaiser, der einen, von "Gott gegebenen" Alleinvertreterstatus hatte.

    Beides brauche ich nicht.

    dass Sie nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, was eine Räterepublik ist.
    Ich wäre froh, wenn die EU diese Form hätte, dann wäre sie nicht ganz so ein undemokratisches, bürokratisches Monstrum - und vor allem weitaus leichter kontrollierbar.

    • ludna
    • 12. November 2012 11:39 Uhr

    Hatten wir eine bewaffnete Revolution in Europa, in deren Verkauf sich Arbeiter -und Bauernräte gebildet haben und die vorherige Regierung und Behörden absetzten ??

    Und das Reich von 800-1806 ?? Also von Karl dem Grossen bis Franz II ?? Sicher es lässt sich eine Linie herstellen, aber spätestens nach dem Dreissigjährigen Krieg war das Reich am Ende. Die Mitglieder des Reiches führten fleissig Krieg untereinander, vor allem Preussen und Österreich. Und man nannte es nicht Bürgerkrieg oder einen inneren Krieg. Das brauchen wir nun wirklich nicht in der EU.

    • Arrian
    • 14. November 2012 10:48 Uhr

    Interessanter Vorschlag. Die Rolle des absolutistischen Fürstleins, das in seinem Duodezstaat für eine bedrückende Stille sorgt, würde sicher gerne Viktor Orbán übernehmen.

    Aber nein, da ist mir doch eine moderne EU lieber, die solche kleinen Tyrannen gelegentlich in ihre Schranken verweist, auch wenn die Mittel hierfür leider begrenzt sind.

  4. Da gab es doch mal so einen lappischen Krieg, bei den sich so einige Nachbarstaaten auf deutschem Boden mal so richtig ausgetobt hatten. Danach war die Region so stark entvölkert, wie nach der Pest.

    Das Reich war immer so stark, wie der jeweilige Kaiser, der einen, von "Gott gegebenen" Alleinvertreterstatus hatte.

    Beides brauche ich nicht.

    Eine Leserempfehlung
  5. “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. "

    Warum kann ein Sklavenhalter so etwas verfassen, ohne irgendwelche Gewissensbisse zu bekommen?

    Ganz klar: Dort ist nur von Männern die Rede. Frauen fallen da generell unter den Tisch und männliche "Nigger" blieben ihr Leben lang "Boys".

    Neu war mir, das er sich sogar eine Sex-Sklavin gehalten hatte. Wäre ja mal eine spannende Frage, wie er mit "Leibesfrüchten" aus dieser Verbindung umgegangen wäre.
    Aber da wäre dem Jurist auch sicher etwas passendes eingefallen

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die darin eine gewisse hypocrisy zu erkennen glaubten, wie z.Bsp. Dr.Johnson aus London: "How is it", fragte dieser sich bekanntlich,"that we here the loudest yelps for liberty among the drivers of negroes?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Thomas Jefferson | Kaiserreich | Deutsches Kaiserreich | Geschichte
Service