Friederike Kempter"Ich rede im Schlaf. Ich lache und weine im Schlaf. Manchmal schreie ich auch"

Die Träume der Schauspielerin Friederike Kempter sind wie Splatterfilme eines unbegabten Regisseurs. Aber die Angst, die sie dabei durchlebt, ist wie ein echtes Training für ihren Beruf. von Ralph Geisenhanslüke

Ich bin eine wilde Träumerin, am Tag und in der Nacht, das war ich schon immer. Das ist auch der Grund, warum mir mein Beruf so viel Spaß macht: Weil ich gern so tue, als ob. Weil ich gern spiele. Wenn jemand zum ersten Mal neben mir schläft, warne ich vor mir selbst. Ich rede im Schlaf. Ich lache und weine im Schlaf. Ich bewege mich im Schlaf. Manchmal schreie ich auch.

Meist träume ich in Filmgenres: Ich habe Abenteuerträume. Romantische-Komödien-Träume und besonders oft: Horrorträume. Das ist merkwürdig, weil ich eigentlich keine Horrorfilme anschauen kann. Einmal war ich Hauptdarstellerin in einem, da habe ich mich sechs Wochen am Stück gefürchtet. Den fertigen Film konnte ich nur mit den Händen vorm Gesicht sehen.

Anzeige

Meine Horrorträume erscheinen mir, als ob sie im Gehirn eines ambitionierten, aber nicht besonders guten Splatterfilm-Regisseurs entstanden seien: Es geht um Liebe, Blut, Gewalt, Tod. So sind meine Nächte. Und ich bin dabei immer die Heldin.

Friederike Kempter

33, Schauspielerin, geboren in Stuttgart, versieht seit zehn Jahren Dienst als Kommissaranwärterin Nadeshda Krusenstern beim Münsteraner »Tatort«. Im Kino spielte sie unter anderem in den Komödien »Kokowääh« und »What A Man«. Von dieser Woche an ist sie neben Tom Schilling in der melancholischen Berlin-Komödie »Oh Boy« zu sehen.

So wie in diesem Klassiker: Meine kleine Schwester und ich sind in einem Haus, das ich nicht kenne und das schon von vornherein unheimlich ist. Auf einmal kommt eine Mörderbande und entführt meine Schwester, sie haben Äxte und Gewehre, dunkle Gesellen, wie aus dem Bilderbuch. Meine Schwester wird in ein Auto gezerrt. Sie guckt mich noch an und schreit. Ich muss ihr helfen. Ich versuche Hilfe zu holen, aber niemand glaubt mir. Also muss ich allein diesem Auto folgen. Ich renne. Obwohl das Auto sehr schnell fährt, hole ich es ein.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Voriges Mal habe ich angefangen, mit den Mördern zu diskutieren. Weil ich dachte: Ich bin zu klein, gegen die komme ich nicht an. Ich versuche, über einen Gefangenenaustausch zu verhandeln. Das funktioniert nicht. Dann wird meine Schwester in einen anderen Raum gebracht. Ich höre nur ihre Schreie. Immer gibt es diese angstmachenden Elemente, wie sie auch in jedem Blockbuster funktionieren. Irgendwann habe ich eine Zeit lang so langweilig geträumt, dass ich mir Sorgen machte. Ich träumte zum Beispiel, wie ich bei mir um die Ecke in den Supermarkt gehe und Milch kaufe. Da bin ich aufgewacht und dachte: Irgendwas stimmt nicht mit mir. Außerdem möchte ich meine Albträume nicht missen. Weil sie so aufregend sind und weil ich es fast immer schaffe, auch aus ausweglosen Situationen herauszufinden.

Manchmal, wenn ich aus solchen Horrorträumen aufwache, bleibt eine Furcht, die in Mark und Bein sitzt. Doch mittlerweile weiß ich: Diese Furcht ist wie ein Vampir. Wenn der Morgen kommt, löst sie sich einfach auf. Also muss ich mir keine Sorgen machen. Auch für meinen Beruf ist es gut, schon einmal diese tiefe Angst empfunden zu haben, die ich im wahren Leben nicht kenne. Ich habe das Gefühl, dass da etwas brennt, etwas Positives. In meinen Albträumen geht es um den Moment der Selbstüberwindung, am Boden zu sein und trotzdem wieder aufzustehen. Manchmal denke ich auch: Gutes Training, falls wirklich mal was passiert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Film | Auto | Bilderbuch | Blockbuster | Gehirn | Schlaf
Service