US-Wahl : Gott spaltet die Nation

Amerika wählt immer noch nach dem alten Wahlspruch »In God we trust – Auf Gott vertrauen wir«. Die Netzwerke der Frommen funktionieren auch im Politischen.
Wahlkampf vor einer evangelikalen Kirche © Chip Somodevilla/Getty Images

In den Vereinigten Staaten treten in diesem Herbst nicht bloß zwei Männer gegeneinander an, die Präsident werden wollen. Nicht bloß zwei Parteien. Mehr denn je sind es zwei Weltanschauungen. Selten war Amerika so unversöhnlich gespalten, 50:50, Konservative gegen Liberale, Republikaner gegen Demokraten.

Warum? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Warum geht der Riss durch die Mitte der amerikanischen Bürgerschaft, obwohl es, wirtschaftlich gesehen, doch 1:99 steht? Die Antwort hat auch mit dem Glauben der Amerikaner zu tun. Mit christlichen Kirchen, die keine Mitte mehr haben, sondern gespalten und hoch politisiert sind.

Nie haben die Amerikaner Religion und Politik so streng getrennt, wie die Deutschen das gewohnt sind. Doch lange Zeit blieb das Kräfteverhältnis in der amerikanischen Gesellschaft davon unerschüttert, weil viele Protestanten und Katholiken samt ihren Kirchenführern zur politischen Mitte neigten. Weil ihre Urteile mal konservativ und mal liberal ausfielen. Im Zentrum aber war eine Art Wertekonsens. Doch dieses Zentrum ist zerfallen, die Kirchenlandschaft ist zerklüftet und radikalisiert. Mehr als ein Drittel der erwachsenen Amerikaner hat schon einmal die Kirche gewechselt oder ist ausgetreten. Nicht selten wählten die Konvertiten dabei eine erzkonservative Kirche, geprägt von jener Mischung aus Bibelhörigkeit, Staatsferne und freiem Markt, die heute auch die Republikaner predigen.

1:99 – diese Zahl ist nicht aus der Luft gegriffen. Das oberste Prozent der Amerikaner kassiert heute 20 Prozent aller Einkommen, wenn man Zinsen und Dividenden mitzählt. Im Jahr 1980 waren es noch zehn Prozent. Der Anteil der Superreichen hat sich also in etwa verdoppelt. Und die Reichen sind es auch, die fast allen neuen Wohlstand an sich gezogen haben.

Den größten Sprung machte dabei die Gruppe der obersten 0,01 Prozent. Ihr Anteil am Gesamteinkommen stieg von gut einem auf fast fünf Prozent. Und wer denkt, dass das nicht schlimm sei, weil in Amerika nun mal jeder Millionär werden könne, der sollte noch mal nachdenken. Denn die USA zählen heute zu den Industrieländern mit besonders ungleich verteilten Chancen. Armer Leute Kinder haben zwar in den amerikanischen Schultests auch früher schon schlechter abgeschnitten als die Kinder der Wohlhabenden, aber dieser Unterschied ist in den letzten Jahren gewachsen. Nur mithilfe obskurer wirtschaftlicher Theorien lässt sich da noch behaupten: Wenn die Reichen weniger Steuern zahlen und die Unternehmer frei agieren können, dann geht es allen besser.

Trotzdem kommen die Republikaner mit dieser Rezeptur bei rund der Hälfte der Amerikaner durch. Ihr ökonomisches Programm ist kein Programm für die Masse. Doch das ist einem erheblichen Teil der Masse egal. Für viele Wähler zählt mehr, was sie glauben, als was sie besitzen.

An der Obama-McCain-Wahl im Jahr 2008 nahmen laut einer Studie allein 26 Prozent weiße Evangelikale teil – und votierten zum größten Teil für John McCain. Dazu kamen die konservativen Gruppierungen der anderen im weitesten Sinne christlichen Kirchen, zu denen auch Mormonen wie Obamas Gegner Mitt Romney zählen. Das heißt: Ein großer Teil der Konservativen hat streng religiöse Wurzeln. Zwischen ihnen und dem liberalen Amerika gibt es heute kaum Gemeinsames, egal, ob auf der anderen Seite Christen, Muslime oder die in den USA immer noch raren Atheisten stehen.

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Kommentare

114 Kommentare Seite 1 von 9
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Dogmatischer Antitheismus

Christopher Hitchens hatte doch recht:

Religion vergiftet *alles*.

Nein, dieser Satz zeigt nur schön, wie dogmatisch auch atheistische Weltanschauungen problemlos werden können. Da werden eben mal alle möglichen Religionen und alles was auch nur irgendwie mit Religion in Kontakt kommt über einen Kamm geschert. Völlig egal, ob Christentum, Islam, Buddhismus oder Stammesreligion, völlig egal welche Richtung, alles was auch nur irgendeinen Kontakt mit Religion hat wird angeblich vergiftet.

Natürlich wird offengelassen, wie sich diese Vergiftung konkret äußert, denn sonst wäre diese lächerlich undifferenzierte Aussage ja leicht zu falsifizieren. So wird es zum unfalsifizierbaren Dogma.

Live up to your subtitles

"Natürlich wird offengelassen, wie sich diese Vergiftung konkret äußert, denn sonst wäre diese lächerlich undifferenzierte Aussage ja leicht zu falsifizieren. So wird es zum unfalsifizierbaren Dogma."

Nun, zu stellvertretend für TomFynn in Verteidigung von Christopher Hitchens, dem man sicher manches vorwerfen kann, aber wohl schwerlich Dogmatismus:
Hitch begründet diese "lächerlich undifferenzierte Aussage" durchaus, z.B. hier: http://www.youtube.com/wa...
Naturgemäß elaborierter ist das freilich in schriftlicher Form - von Hitchens etwa das in obigem Link präsentierte Buch "God is not great".
Viel Spaß!

@91 :

Die "Begründung" von Hitchens zeigt klare Zeichen von Dogmatismus. Er ist nicht an daran interessiert zu einer möglichst genauen und differenzierten Beschreibung der Welt zu kommen, sondern daran sein Dogma am Leben zu erhalten.

Die Definitionen von Religion und Vergiftung werden offen gehalten und jegliche Widerlegung wird mit jeweils angepassten Definitionen abgewehrt. Martin Luther King war toll? Na, dann war er eben einfach nicht so richtig religiös. Kommunismus war nicht so toll? Na, dann verwenden wir eben mal eine ganz weitgehende Definition um ihn auch zur Religion zu erklären. Das man mit diesen weitgehenden Definitionen auch der "neue Atheismus" problemlos als Religion durchgeht, solche Feinheiten interessieren nicht.

Die Vorwürfe Religionen gegenüber passen fast nur für Abrahamitische halbwegs, naja egal wird schon keinem auffallen, dass der "himmlische Diktator" ein komplett sinnfreier Vorwurf gegenüber bspw. Shintoismus ist. Das sich viele Leute durch Religion eher befreit als versklavt fühlen ist auch egal.

Religion stand der Wissenschaft immer entgegen? Historischer Unfug, aber ähnlich wie Kreationisten häufig naturwissenschaftliche Wissenslücken und populäre Irrtümer
für seine Argumentation nutzt, ist sich auch Hitchens nicht zu schade, um aus diesen Bildungslücken seiner Zuhörerschaft rhetorisches Kapital zu schlagen.

@1....

Zitat Tom Fynn:

"Religion vergiftet *alles*."

Dieser Satz ist ein moralisches Statement über Religion aus der Sicht eines Atheisten. Das Problem ist nur, das sich aus Atheismus keine Moral ableiten oder begründen lässt.
Beispiel:
So gesehen wäre auch eine Vergewaltigung nicht wirklich schlecht oder moralisch verwerflich, da es für den Vergewaltiger einen Lustgewinn bringt(Nutzenmaximierung) und er, der (körperlich)Stärkere, sich einfach durchsetzt.

Hitchens Oxymoron, möge er in Frieden ruhen.

Regionale Wirtschaft

Auch wenn ich den Hang zu solch ausgeprägtem konservativen Glauben eher kritisch sehe, so finde ich den Fokus auf eine regionale Wirtschaft begrüßenswert.
Eigentlich schön, dass etwas "schlechtes" (in meinen Augen) durchaus gutes hervorbringen kann (wiederum in meinen Augen).

Obama - Bush Wahl 2008?

"An der Obama-Bush-Wahl im Jahr 2008 nahmen laut einer Studie allein 26 Prozent weiße Evangelikale teil – und votierten zum größten Teil für George W. Bush."

Da ist aber wohl irgendetwas durcheinander gegangen. Obama ist nie gegen Bush angetreten. Entweder haben die Konservativen 2008 den republikanischen Bewerber John McCain gewählt oder falls die Zahlen zu Bush stimmen muss es dann wohl 2004 in der Wahl gegen den Demokraten John Kerry gewesen sein.

Bitte um Aufklärung.

-Schlimmer als gedacht- so ist es,

Diese Lebenseinstellung entfernt sich immer mehr von den Werten die wir vielleicht anfänglich mal in etwa zusammen hatten.Für einen (normalen) Europäer werden die US-Bürger immer rätselhafter,enn man mal genauer hinhört,was viele so von sich geben.Aber anscheinend braucht man solche Bürger um die Welt zu erobern,denn was immer sie weltweit anrichten,natürlich mit Gottes Hilfe um den Rest der Welt -das Gute - zu bringen,scheint sie nicht zu belasten in ihrer Selbstgerechtigkeit.Viele merken schon garnicht mehr ,daß sie sich in ihrer Radikalität kaum von den Radikalen aus dem moslemischen Lager unterscheiden.Man kann nur hoffen ,daß wir hier in Europa einigermassen einen -klaren Kopf-behalten und von diesen- Werten- verschont bleiben, was nicht selbstverständlich ist.

Ruhig bleiben

Ich glaube, das ist unnötig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß Amerikaner in diesen Dingen einfach viel flexibler sind als Europäer. Im Artikel selbst steht ja, daß sehr viele Amerikaner in ihrem Leben öfter mal die Kirche wechseln. Das wäre in Europa so unvorstellbar. Und neu ist das Ganze sowieso nicht: schon Alexis de Tocqueville hat die Rolle der Religion in der amerikanischen Öffentlichkeit fast genauso beschrieben wie dieser Artikel!
Außerdem hätte der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden können, daß sich Amerika als Ganzes gerade eher nicht spaltet, sondern eher konvergiert: Studien belegen, daß die erwähnten Beispiele von Bigotterie und sozialem Konservatismus bei jüngeren Amerikanern immer mehr abnehmen. Romneys größte Wählergruppe waren weiße Männer über 65. Die Bedeutung dieser Gruppe nimmt immer mehr ab. Selbst ein Gutteil junger Mormonen hat Umfragen zufolge nichts mehr gegen die Schwulenehe ("marriage equality", ein interessanter Begriff mit viel freiheitlicheren Konnotationen als der unsrige), rein dogmatisch eigentlich ausgeschlossen. Aber Amerikaner sind meist immer noch für eine Überraschung gut.

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