HawaiiMein Park am Pazifik

Achtunddreißig Mal ist Matthias Naß nach Hawaii gereist. Die Seele des Inselstaats hat er mitten in der Hauptstadt gefunden. von 

Einmal im Jahr wird im Kapiolani Park in Honolulu das Ukulele Festival gefeiert.

Einmal im Jahr wird im Kapiolani Park in Honolulu das Ukulele Festival gefeiert.   |  © Michele Meyer/sakamencho/flickr.com

Stimmt schon. Eigentlich ist es nur eine weite Grasfläche, ein großes ausgefranstes Dreieck. Im Sommer ziemlich ausgedorrt. Dem flüchtigen Betrachter mag Honolulus Kapiolani Park etwas öde erscheinen. Dabei ist es ein ganz wunderbarer Park, sagen wir es ruhig: Es ist der wunderbarste Park der Welt. Mein Park.

Er liegt zwischen Honolulus lärmigem Touristenviertel Waikiki im Norden und Diamond Head im Süden, einem lange erloschenen Vulkan, dessen eher sanft ansteigende Hänge zum Meer hin schroff abfallen. Im Westen grenzt der Park mit seinen Stränden Queen’s Surf und Sans Souci direkt an den Pazifischen Ozean.

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In den alten Tagen, als die Besucher noch mit dem Dampfschiff von San Francisco nach Hawaii kamen, warfen sie auf der Rückreise bei Diamond Head ihre Blütenkränze ins Meer. So konnten sie hoffen, Hawaii eines Tages wiederzusehen.

Heute wirft man Diamond Head aus dem Flugzeug einen letzten Blick zu. Auch dauert der Flug nach San Francisco nur noch fünf Stunden, nicht mehr wie einst die Schiffspassage sechseinhalb Tage, was die schmerzlich-schöne Abschiedsmelancholie brutal verkürzt.

Aber die Magie von Diamond Head funktioniert noch immer. Bei mir jedenfalls. Jedes Mal habe ich Diamond Head einen Abschiedsblick zugeworfen. Und jedes Mal habe ich Hawaii wiedergesehen, siebenunddreißig Mal seit meinem ersten Besuch.

Vielleicht ist der Kapiolani Park mein Park, weil ich hier schon als Student in der Sonne lag. Weil ich in der Waikiki Shell, einer Art Waldbühne zwischen Palmen, Rockkonzerte besucht habe, bei denen die Besucher so stoned waren, dass sich unter Honolulus Sternen tiefe Seligkeit breitmachte. Weil hier, Jahre später, meine Kinder in den Wellen des Pazifiks juchzten. Und weil einem hier das ganze Hawaii begegnet, man muss nur genau hinschauen.

Mein Park ist er jedenfalls immer dann, wenn ich ihn für mich habe. Wochentags, am späten Morgen, liegt er still da, ganz allein kann man dann über die Riesenwiese streifen. Ein kräftiger Passat weht aus Osten, von der Bergkette der Koolaus, böig fegt er durch das Gras, biegt die Palmen. Es ist heiß, die Tennisplätze, auf denen sich japanische Ehepaare eben noch behutsam die Bälle zuspielten, sind verlassen. Der Park macht Mittagspause.

Morgens um fünf erwacht er zum Leben. Es ist noch dunkel um diese Zeit. Aber die ersten Jogger sind bereits unterwegs. Sie überholen die Jetlag-Touristen, die tags zuvor, aus Chicago oder Tokio kommend, gelandet sind und deren innere Uhr wegen des großen Zeitunterschieds aus dem Takt geraten ist; um zwei oder drei in der Nacht sind sie aufgewacht, nun machen sie ihren ersten Entdeckungsspaziergang.

Die Ehrgeizigen unter den Läufern nehmen, wenn sie die schnurgerade Kalakaua Avenue mit den wie Gardesoldaten aufgereihten Ironwood-Bäumen hinter sich gelassen haben, den Weg rechts an Diamond Head vorbei. Die Straße steigt spürbar an, das kostet Kraft. Hätten die Läufer einen Blick dafür, dann sähen sie, wie tief unter ihnen das eben noch nachtschwarze Meer jetzt im ersten Dunkelbau des Morgens schimmert.

Hier, nahe Diamond Head, läuft das wohlhabende Honolulu, das im prächtigen Villenviertel Kahala wohnt. Nebenan, im Kapiolani Park, kriechen am frühen Morgen die Obdachlosen aus ihren Decken. Jeden Abend schlagen sie unter den Kronen der Banyan- und der Monkeypod-Bäume ihr Nachtlager auf. Die Polizei vertreibt sie immer wieder, aber stets kehren sie in den Park mit seinen öffentlichen Toiletten und Strandduschen zurück.

Über viertausend Obdachlose leben in der Stadt. In Honolulus Chinatown kann man abends vor einem Eckhaus an der Maunakea Street eine lange Schlange von Menschen beobachten, die geduldig auf Einlass in einen großen, hell erleuchteten Raum warten, in dem sie ein warmes Essen erhalten.

Armut und Reichtum prallen auf Hawaii heute härter aufeinander als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Damals hatten die Inseln etwas Egalitäres, vielleicht weil starke Gewerkschaften für hohe Einkommen sorgten. Oder weil die Abgeschiedenheit der Inseln mitten im Pazifik die Menschen zusammenrücken ließ, sie so offen und unkompliziert im Umgang miteinander machten. Irgendwie war alles sehr familiär. Nachts wurden die Haustüren nicht abgeschlossen.

Jetzt sind es im Kapiolani Park nur ein paar Schritte vom Lamborghini vor dem Beach Hotel zum Leben aus der Mülltonne. Noch ist der soziale Zusammenhalt nicht zerrissen. Aber er ist in Gefahr. Möglicherweise ist einfach zu viel schneller, fremder Reichtum auf die Inseln gekommen. Acht Millionen Touristen besuchen Hawaii im Jahr, siebenmal so viele Menschen, wie hier zu Hause sind. Mancher Einheimische wird sozial an den Rand gedrängt, braucht zwei, drei Jobs, um im teuren Honolulu irgendwie über die Runden zu kommen.

Um 6.30 Uhr öffnet Russell’s Conveniency Store an der Südseite des Parks, der den Honolulu Star Advertiser bereithält, die unverzichtbare Ferienlektüre, dazu die New York Times vom Vortag. Im Star Advertiser sind die Obdachlosen ein Dauerthema. Sollen sie im Kapiolani Park und in den anderen städtischen Parks schlafen dürfen oder nicht? Vergrault ihr Anblick die Touristen, oder muss Hawaii sein großes Herz gerade im Umgang mit ihnen beweisen?

Während wir uns in die Morgenzeitung vertiefen, paddeln am Sans Souci Beach die ersten Surfer hinaus; aber die Wellen sind noch flach, träge rollen sie heran. Weit draußen nimmt ein Containerriese Kurs auf Kalifornien. Tags zuvor zog in Sichtweite vom Strand ein aufgetauchtes Atom-U-Boot vorbei. Das schwarze Ungetüm beteiligte sich an einem Seemanöver, wie es die USA und ihre Verbündeten am Pazifik oft im Gebiet um Hawaii abhalten. Man liegt im Sand, und plötzlich taucht aus Richtung Pearl Harbor ein Zerstörer auf, manchmal ein ganzer Flugzeugträgerverband. Auch das ist Hawaii.

Leserkommentare
  1. in dem die Liebe des Autors zu diesem Ort sehr deutlich wird.

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