ArbeitskulturIch habe auch Spaß!

Das kapitalismuskritische Mantra der Stunde lautet: Arbeitet weniger, macht mal richtig frei! Doch der Feierabend wird überschätzt. von 

Am liebsten hätte ich diesen Artikel an der Ostsee geschrieben. Ich erledige meine Arbeit nämlich gern in der Freizeit, auch wenn die Apostel der Work-Life-Balance uns davor warnen, die beiden Welten zu vermischen: den mühsamen Broterwerb und das süße Nichtstun, die profane Ökonomie und den heiligen Feierabend, das Dienstliche und das Private, die Pflicht und das Spiel.

Mit anderen Worten: Arbeit darf keinen Spaß machen. Das ist umso merkwürdiger, als das Maß an entfremdeter Arbeit abnimmt. Viele Menschen haben heute einen erfüllenden Beruf. Trotzdem predigen uns teure Berater, dass die Arbeit nicht das Leben sei. Wir mögen das bitte trennen. Ordnung muss sein! Diese Berater hatten anscheinend noch nie einen richtig wilden und glücklichen Arbeitstag. Und in dem legendären Aufsatz von Friedrich Engels über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen haben sie auch lange nicht mehr geblättert.

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Engels fand, dass erst die Arbeit den Menschen zum Menschen mache. Sie sei unendlich mehr als nur ein Mittel der Ausbeutung und eine Quelle des Reichtums – Lebensnotwendigkeit und Ausdruck unseres Menschseins. Jeder, der sich schon einmal ganz in eine anstrengende Tätigkeit vertiefte und dabei alles um sich herum vergaß, kann das bestätigen. Arbeit ist befreiend. Arbeit ist beglückend. Oder mit Goethe: »Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat.«

Man braucht aber keine Klassiker, um die neueste Ideologie der Arbeitswelt – die Verherrlichung der Freizeit – zu widerlegen. Was wäre denn so schlimm daran, diesen Artikel am Wochenende zu schreiben? Dann säße die Autorin jetzt nicht wie eine biedere Büromaus im Hamburger Pressehaus der ZEIT, sondern wie ein freier Mensch in ihrer holsteinischen Ferienhütte. Dort ist der Himmel heller als in der Stadt, geht der Blick aus dem Arbeitszimmer ins Weite. Wenn man das Fenster öffnet, riecht man das Meer. Und die zufriedenen Bauern, deren knatternde Traktoren den Takt des Werktages vorgeben, strafen die urbane Work-Life-Balance-Religion Lügen.

Ein irriges Mantra

Einst war Tätigsein das Ideal, nun wird es ersetzt durch sein Gegenteil: Untätigsein, Zerstreuung, Amüsement. Während alle Welt um Arbeitsplätze konkurriert, ist die Arbeit selbst in Misskredit geraten. Ja: Das hat triftige Gründe. Außer dem steigenden Leistungsdruck, außer der Überforderung durch ständige elektronische Erreichbarkeit, außer der Angst vor Jobverlust gibt es auch noch den modischen Zwang zur guten Laune. Die ZEIT- Autoren Amrai Coen und Thomas Fischermann haben in der vergangenen Ausgabe dieser Zeitung beschrieben, wie Teamchefs ihre Mitarbeiter mit Motivationsspielen quälen. Gemeinsames Angeln, gemeinsames Kegeln, gemeinsames Panzerfahren. Und wer nicht mitmacht, gilt als Spielverderber. Tatsächlich ermöglicht die Pervertierung der Teamidee neue Formen von Herrschaft am Arbeitsplatz und darüber hinaus. Die Autoren klagen: »Vorbei die Zeit, als Arbeit Arbeit und Freizeit Freizeit war.«

Doch das ist die falsche Klage. Die Autoren stimmen in das irrige Mantra ein, dass unser Heil in der Trennung von Arbeit und Freizeit liege. Wenn das Glück aber erst nach Dienstschluss beginnt: Genügt es uns? Und was, wenn das Fitnesstraining sich als öde erweist und die Liebsten uns zum Feierabend mürrisch empfangen? Die Bevölkerung leidet unter Freizeitstress, und das Privatleben ist oft derart mit Erwartungen überfrachtet, dass es misslingen muss. In der angeblich heilen Welt jenseits der Arbeit stehen sich unsere widerstreitenden Wünsche im Weg: nach Selbstverwirklichung, aber auch Liebe; nach Ruhe, aber auch Event. Vielleicht würde es helfen, der Freizeit weniger Wert beizumessen und mal wieder genüsslich zu arbeiten – anstatt hektisch die After-Work-Party zu planen, damit der Tag ein Erfolg war.

Unsere Freizeitbedürfnisse sind ja oft repressive Bedürfnisse. »In der Freizeit bündeln sich die Gegenbilder der Arbeit: die Muße, das Feiern, das Spiel«, schreibt der Philosoph Dieter Thomä. »Es ergeht das Verdikt, dass die Zeit, die man mit Arbeit zubringt, nichts anderes als Unfreizeit, also Unfreiheit sei. Doch die Freizeit ist gar nicht so unbeschwert, wie es scheint.« Sie stelle sich oft selber als leer heraus, sodass wir Beschäftigungen erfinden müssten, um sie totzuschlagen.

Warum darf Arbeit keinen Spaß machen? Weil die Menschen aus dem Paradies in die Wirklichkeit des Broterwerbs vertrieben wurden? Weil ein gewisses Arbeitsethos und eine gewisse Lustfeindlichkeit Tradition sind? Der lustvolle und lustige Mensch, für den die Arbeit ein Spiel ist, scheint auch in der modernen Wirtschaft Ängste auszulösen. Denn wer glücklich ist, ist frei und unkontrollierbar. Vielleicht kommt daher die neue Chefmode, sich demonstrativ um die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter zu sorgen. Befahl der Chef früher, man solle Dampf machen, ergeht jetzt der Ratschlag: Machen Sie mal Urlaub!

Komisch, dass der Rat oft von Leuten kommt, die sich selber innerlich schon in den Urlaub verabschiedet haben. Die keine Lust mehr haben, arbeitend die Welt zu verändern. Aber dafür Angst vor Konkurrenz. Wovor muss man wirklich Angst haben? Seit Adornos Kapitalismuskritik wissen wir, dass es gefährlich ist, wenn sich alle libidinösen Sehnsüchte auf den Job richten, weil man dann gleich der Willkür seiner Chefs ausgeliefert ist. Und seit der amerikanische Soziologe Richard Sennett seinen Bestseller Der flexible Mensch schrieb, fürchten wir uns vor plötzlicher unverschuldeter Arbeitslosigkeit. Doch die ist nicht nur aus ökonomischen Gründen fürchterlich. Verlust von Arbeit ist Verlust von Sinn. Ohne sie kann ein Mensch verkümmern. Deshalb sollte man arbeiten, solange es noch Spaß macht. Und wenn die Lebensberater einem einreden wollen, dass man sich jetzt unbedingt aktiv ausruhen müsse – dann sagt man: Nein danke, ich arbeite lieber. Und ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Wenn man/frau in der Lage ist selbst zu bestimmen wann und wo man/frau arbeitet ist das eine feine Sache. Es gibt aber Menschen, die können das nicht, die arbeiten fremdbestimmt und sind und werden getrieben, bei denen besteht ein klarer Konflikt z.B. zwischen Arbeit zu Gesundheit und Familie.

    Toll, wenn Arbeit Spaß macht und erfüllend sein, und jeder soll seine Balance finden wie er das ansetzen will, wenn er kann.

    Der dargestellte Ansatz ist aus meiner Sicht ein sehr Persönlicher, der auf viele Menschen nicht im Ansatz übertragbar ist, noch inspirieren kann gleiches zu tun.
    Sieht für mich aus wie ein Tagebucheintrag, der in die Zeitung gerutscht ist.

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    Was für ein dummer Artikel! Es gibt nicht nur Menschen, die das Glück hatten ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Es gibt auch Leute, die sitzen bei Rossmann an der Kasse, weil sie müssen und sich nicht selbstverwirklichen wollen und es gibt auch die Menschen, die ihrer Berufung nachgegangen sind und ihre Arbeit nicht mit nach Hause nehmen können:
    Krankenschwester, Ärzte, Kellner - nach einem 16 Stunden Tag oder 36 Std Schicht mit körperlicher Arbeit will man nur noch ins Bett, wenn die nächste Schicht aber in 6 Stunden beginnt ist die Work-Life-Balance sehr unausgeglichen und geht an die Substanz. Auch wenn im Arbeitnehmerschutzgesetz steht, dass zwischen zwei Schichten 12 Stunden liegen müssen, die Realität sieht anders aus. Vielleicht mal inkognito recherchieren?

  2. schaue ich mir an, wie oft die Autorin Ihre Freizeit als "leer,sinnlos u.v.m." empfindet, kann ich mir vorstellen, dass es einfacher ist, viel zu arbeiten als nach einem Sinn zu suchen.

    Schöne neue Welt. Aber passen Sie auf, das Sie nicht zu alt werden, dann müssen Sie sich vielleicht doch noch mal mit dem eigenen Leben auseinander setzen!

    14 Leserempfehlungen
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    sowohl dieser beitrag als auch der vierte lösen in mir den gedanken aus,dass die autorin ihren horizont erweitern sollte, einerseits hinsichtlich der freizeit, familie und oder freunde, andererseits hinsichtlich der tatsache, dass der größte teil der menschen nicht in kreativjobs arbeitet und freiheiten genießt.

  3. „Alle Welt redet von Work-Life-Balance. Ich halte den Begriff für verfehlt und gefährlich anachronistisch, denn er suggeriert, dass Arbeit und Privatleben verschiedene Pole der menschlichen Existenz wären und erst ausbalanciert werden müssten. Das Problem beginnt aber schon mit der unscharfen Definition von Arbeit in der post-industriellen Welt: sind meine Blog-Artikel Arbeit? Und wie steht es mit dem ehrenamtlichen Jugendtrainer im Fussballverein? Oder der Hausfrau und Mutter? Immer weniger Menschen arbeiten am Übergang in das Zeitalter der Wissensarbeit in einem scharf abgegrenzten 9-bis-5 Rahmen, der eine Work-Life-Balance überhaupt erst wohldefiniert und nötig erscheinen ließe. Und immer weniger wollen so arbeiten. Ich auch nicht.“ (Aus einem meiner Blog-Artikel: http://misc.raitner.de/20...)

    2 Leserempfehlungen
  4. Wer seine Wochenenden in einer "holsteinischen Ferienhütte" verbringen kann, kommt aus einer Lebenswelt, die es schwer macht nachzuvollziehen, dass es Menschen gibt, die nicht die Möglichkeit haben ihre Arbeit so frei zu wählen und zu organisieren, wie die Authorin. Ein mangelnder Blick über den eigenen Tellerand und somit verdammt schlecht recherchiert. Ich kann der Authorin nur empfehlen ihre sinnlose Freizeit mit einem sinnschaffenden Hobby/Engagement zu füllen. In der Lohnarbeit ist niemand frei.

    16 Leserempfehlungen
  5. Wenn meine Arbeit die eines Konzernchefes ist, mit dem beruhigenden Gefühl im Rücken auch dann noch eine Millioneabfindung zu bekommen, wenn ich meine Arbeit derart schlecht mache daß mein Arbeitgeber hohe Verluste macht und viele meiner Untergebenen ihre Existenzgrundlage verlieren, dann kann ich mir das mit dem Spaß an der Arbeit recht gut vorstellen.

    Ich erspare mir jetzt all die Klischee's über journalistische Arbeit und Journalisten, und komme direkt zum Punkt:

    Frau Finger, gehen Sie mal als Zeitarbeiterin arbeiten, als Aufstockerin im mittlerweile dritten befristeten Vertrag, oder einfach nur als Putzfrau, Küchenhilfe, Friseuse...

    Dann reden wir nochmal über Ihren Artikel!

    19 Leserempfehlungen
  6. sind das zu diskutierende Gegensatz-Paar, sondern Arbeit und Kapital. Erst edr Kapitalöismus hat es geschafft, Arbeit(skraft) zur WAre und das Arbeitsprodukt als Kapital der Arbeit gegenüber zu stellen. (Stichwort Entfremdung). Das produktive Tätigsein für sich selbst ist etwas komplett anderes als der Verkauf der Arbeitskraft für 8 Stunden, dessen Erlös dann eben nicht das Reich der eigentlichen Freiheit in der "Freizeit" finanziert, sondern einzig und allein die REproduktion der (Ware) Arbeitskraft bis zum nächsten Einsatz...
    "In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit...Wo ihn das Kleidungsbedürfnis zwang, hat der Mensch jahrtausendelang geschneidert, bevor aus einem Menschen ein Schneider ward. Aber das Dasein von Rock, Leinwand, ..., musste immer vermittelt sein durch eine spezielle, zweckmäßige produktive Tätigkeit, die besondere Naturstoffe an besondere menschliche Bedürfnisse anpasst. Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln." Marx, Kapital I
    Nützliche, selbstbestimmte Arbeit für ein gutes Leben ist etwas verdammt anderes als abhängige Beschäftigung für Profit anderer! Egal ob im Büro oder in der Strandhütte!

    8 Leserempfehlungen
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    von Hannah Ahrendt wäre hier eine empfehlenswerte Lektüre!
    Arbeiten, Herstellen, Tätigsein...diese drei Stufen haben durch die vorherrschende Wirtschaftsform eine dramatische Verschiebung hin zu ersterem erfahren. Das zieht sich durch bis in den Freizeit- und Privatbereich, indem Beziehungs"arbeit" geleistet wird, Freizeit wie beschrieben durchgetaktet und industrialisiert wird, Politiker einen mehr oder weniger guten "Job" machen, Haus"arbeit", ehrenamtliche "Arbeit", Erziehungs"arbeit" usw. usf.
    "In diesem Werk geht Arendt der historischen Wandlung von Begriffen wie Freiheit, Gleichheit, Glück, Öffentlichkeit, Privatheit, Gesellschaft und Politik nach und beschreibt genau den Bedeutungswandel im jeweiligen historischen Kontext. Dabei ist ihr Bezugspunkt die Attische Demokratie, insbesondere zur Zeit des Sokratischen Dialogs. Ihrer Auffassung nach gilt es, die verlorenen Bereiche des Politischen wiederum in der Gegenwart modifiziert zu verankern und damit die Fähigkeiten politisch denkender und handelnder freier Individuen, die versuchen, sich voreinander auszuzeichnen, fruchtbar zu machen. Im Gegensatz dazu sieht sie den verbreiteten Behaviorismus, der darauf abziele, den Menschen in allen seinen Tätigkeiten „auf das Niveau eines allseitig bedingten und sich verhaltenden Lebewesens zu reduzieren.“"
    http://de.wikipedia.org/w...

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