Es war die Chance seines Lebens: Dem Vertriebsleiter wurde angeboten, für seine Firma eine neue Filialkette als Geschäftsführer aufzubauen. Er kannte die Branche, war führungsstark und konnte organisieren. Der Job passte zu ihm. Und ein dick dotierter Vertrag winkte.

Doch je länger er im Beratungsgespräch darüber nachdachte, desto mehr Bedenken kamen ihm: »Wer garantiert, dass mir die neue Aufgabe so viel Spaß macht wie meine alte?« – »Habe ich dann noch genug Zeit für meine Familie und für Hobbys?« Und: »Wenn nicht alles rundläuft, fliege ich doch im hohen Bogen raus.« Der Mann hatte, mit Kästner gesprochen, viel Fantasie – deshalb packten ihn die Ängste. Dass sich Menschen nicht vorm Scheitern, sondern vorm Erfolg fürchten, dieses Phänomen hat einen Namen: Erfolgsangst, im Fachjargon: Methatesiophobie.

Jeder Erfolg ist eine Veränderung. Der alte Zustand ist berechenbar, der neue ungewiss. In diesem Vakuum nisten sich Katastrophenfantasien ein: Ein Experte verzichtet darauf, in eine Führungsposition aufzusteigen, weil er Angst davor hat, dem Druck dort nicht gewachsen zu sein.

Das ist so, als würde ein Bergsteiger nicht bis auf den Gipfel klettern, weil es ihm dort oben zu gefährlich erscheint. Aber ist es in der Bergwand wirklich sicherer? Ist der Druck auf einen Mitarbeiter so viel kleiner als auf eine Führungskraft? Gegen Erfolgsangst hilft rationales Denken. Gehen Sie nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen eines Erfolges durch; nicht nur die Vorteile des Alten, sondern auch seine Nachteile. Der Vertriebsleiter suchte ein Gespräch mit einem Geschäftsführer, der eine ähnliche Filialkette aufgebaut hatte. Dabei gewann er Sicherheit. Zwei Jahre später, nun erfolgreich in der neuen Position, resümierte er: »Es wäre die Dummheit meines Lebens gewesen, es nicht zu machen!«