ErfolgsangstDas Zitat... und Ihr Gewinn

Erich Kästner sagt: Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie von 

Es war die Chance seines Lebens: Dem Vertriebsleiter wurde angeboten, für seine Firma eine neue Filialkette als Geschäftsführer aufzubauen. Er kannte die Branche, war führungsstark und konnte organisieren. Der Job passte zu ihm. Und ein dick dotierter Vertrag winkte.

Doch je länger er im Beratungsgespräch darüber nachdachte, desto mehr Bedenken kamen ihm: »Wer garantiert, dass mir die neue Aufgabe so viel Spaß macht wie meine alte?« – »Habe ich dann noch genug Zeit für meine Familie und für Hobbys?« Und: »Wenn nicht alles rundläuft, fliege ich doch im hohen Bogen raus.« Der Mann hatte, mit Kästner gesprochen, viel Fantasie – deshalb packten ihn die Ängste. Dass sich Menschen nicht vorm Scheitern, sondern vorm Erfolg fürchten, dieses Phänomen hat einen Namen: Erfolgsangst, im Fachjargon: Methatesiophobie.

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Jeder Erfolg ist eine Veränderung. Der alte Zustand ist berechenbar, der neue ungewiss. In diesem Vakuum nisten sich Katastrophenfantasien ein: Ein Experte verzichtet darauf, in eine Führungsposition aufzusteigen, weil er Angst davor hat, dem Druck dort nicht gewachsen zu sein.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Das ist so, als würde ein Bergsteiger nicht bis auf den Gipfel klettern, weil es ihm dort oben zu gefährlich erscheint. Aber ist es in der Bergwand wirklich sicherer? Ist der Druck auf einen Mitarbeiter so viel kleiner als auf eine Führungskraft? Gegen Erfolgsangst hilft rationales Denken. Gehen Sie nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen eines Erfolges durch; nicht nur die Vorteile des Alten, sondern auch seine Nachteile. Der Vertriebsleiter suchte ein Gespräch mit einem Geschäftsführer, der eine ähnliche Filialkette aufgebaut hatte. Dabei gewann er Sicherheit. Zwei Jahre später, nun erfolgreich in der neuen Position, resümierte er: »Es wäre die Dummheit meines Lebens gewesen, es nicht zu machen!«

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Leserkommentare
  1. Bescheidenheit ist in heutiger Zeit, nicht sexy.
    Erfolgreich zu sein ist in.
    Verantwortung zu übernehmen, ist wohl zu altmodisch.
    All or nothing, Sekt oder Selters, bringt der Egoismus in heutiger Zeit, hervor.
    Ob Mann oder Frau, mehr Verantwortung für andere Menschen übernehmen, kann doch nur damit einhergehen, dass sie auch die Unterstützung, der Familie erfahren, von den Kolleginnen und Kollegen ermuntert werden und natürlich auch das notwendige Selbstvertrauen für neue Aufgaben haben oder zumindest entwickeln.
    Neue Verantwortungen übernehmen zu sollen, ist auch immer ein Vertrauensbeweis, mit der Frage verbunden, kann "ich" dieses Vertrauen rechtfertigen, oder will ich die Gunst der Stunde nutzen, weil so eine Chance nicht so häufig wieder kommt.
    Die Verantwortung für die Familie zu tragen, ist schon eine Herausforderung und große Aufgabe, die auch viel Energie benötigt. Eine berufliche Entwicklung mit mehr Zeitaufwand,
    reduziert die Zeit für die Partnerin und Kinder.
    Darin liegen immer auch Risiken, die wir nicht, oder noch nicht kalkulieren können.
    Wenn wir uns Sportler, Künstler und Politiker anschauen, sehen wir meist die, die es geschafft haben.
    Eine Scheinwelt, eine künstliche Welt, die uns "vorgespielt" wird. Eine Glitzer und Glemmer Welt.
    Die vielen, vielen die es nicht geschafft haben, werden uns eher nicht vorgeführt.
    Ein gesunder Vater und oder Mutter ist einfach zu normal,
    als dass sie Aufsehen erzeugen können. Von den Kindern ganz zu schweigen.

    • Acrux
    • 25. November 2012 14:46 Uhr

    ist der Artikle natuerlich folgerichting, denn wer Karriere-Coaching in Anspruch nimmt, moechte auch Karriere machen. Auch im Beispielfall ist das so, sonst haette ja gar keine Bewerbung stattgefunden.

    Was aber nicht gesagt wird, ist, dass der Artikel nur eine Facette unter den Menschen beleuchtet, die Karriere machen koennten, sich es aber mit der Entscheidung dafuer oder dagegen schwer machen, weil sie ihre gesamte Lebenssituation und -aussichten in Anbetracht ihrer persoenlichen Prioritaeten beruecksichtigen. Der Artikel geht da fehl, wo er versaeumt, die Beschraenktheit seiner Zielgruppe anzuerkennen und verallgemeinern will.

  2. Wer Angst hat aufzusteigen war noch nicht oben. Wer Angst hat abzusteigen war noch nicht unten.

    Wer sich von beiden Erlebnissen nicht beeindrucken lässt ist erfahren. Denn wenn sich kein Bezug zur eigenen Leistung und Befähigung vor allem bei dem Abstieg ergibt, dann weiß man, dass dies fremdgemacht und fremdbestimmt ist. Kein Grund, die eigene Vorgehensweise zu ändern.

    Sorgen würde ich mir nur machen wenn ich meinem Arbeitgeber mehr versprechen würde als ich halten könnte. Dann zwickt zu Recht das Gewissen.

    Das einfachste ist: Man stellt genau das dar was man kann und was man will. So liegt es in der Verantwortung des Befördernden ob man passgenau befördert wird. Man selbst kann immerhin zur Not auch noch "Nein" sagen.

    Meine Meinung: Also wenn die Bundeswehr es schon zulässt, dass man eine Beförderung zweimal ablehnen darf bevor man nicht mehr befördert wird, dann sollte das die Privatwirtschaft noch allemal können.

  3. "Angst ist dann nur ein selbstinduzierter Freizeitspaß für Leute mit zu viel Zeit." -->

    Eine sehr gewagte Behauptung!

    " Schwierigkeiten im Umgang mit den kollegen sind jedoch bereits vor Beförderungen sichtbar - und sollten ein Grund gegen die betreffende Person sein." ---> da wird die Auswahl aber schwierig, bei dem heutigen Konkurrenzdruck, Ablehnungs- und Mobbingverhalten aufgrund arbeitsirrelevanter und subtiler Gründe innerhalb der Etagen.

    Antwort auf "Karriere"

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  • Serie Das Zitat und Ihr Gewinn
  • Schlagworte Karriereberatung | Karriere | Psychologie
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