IngenieurinnenBlaumann an – und fertig

Warum eine Bremer Raumfahrtfirma auf weiblichen Nachwuchs setzt. von Anika Kreller

Männer müssen neuerdings draußen bleiben. Zumindest in einem Raum der Bremer Luft- und Raumfahrtfirma Astrium. Franziska Sprute und ihre Kolleginnen haben ein Schild gebastelt, darauf haben sie das Foto eines jungen Kollegen geklebt, mit einem roten Balken über dem Gesicht. Er hatte sich zuletzt in der Tür geirrt. Die Mitarbeiter mussten sich erst daran gewöhnen, dass die Frauen seit vergangenem Jahr eine eigene Umkleide haben. Seit September 2011 macht die 19-jährige Franziska Sprute bei Astrium ihren Bachelor im dualen Studiengang »Mechanical Production & Engineering«, zusammen mit Nadja Albeck und Verena Lübke. Die Firma bietet drei dieser Studienplätze an, alle drei wurden mit einer Frau besetzt. Ein Novum in der Geschichte der Firma. Und auch den Ausbildungsplatz zum Mechatroniker hat sich eine Frau geangelt, die 21-jährige Katharina Breden.

Allgemein steigt die Anzahl der Frauen in den sogenannten MINT-Berufen zwar leicht an, trotzdem ist ihr Anteil in diesen Berufen immer noch sehr gering. Bei den Ingenieurjobs waren es 2011 nur 12,8 Prozent. Warum dieses Jahr bei Astrium mehr Frauen eingestellt wurden als in den Jahren zuvor, dafür hat der technische Ausbildungsleiter Helmuth Backer keine wirkliche Erklärung. Außer: »Sie waren einfach besser als ihre männlichen Mitbewerber.« Vorher war höchstens eine Frau pro Jahrgang dabei. Nun sind es immerhin vier, von insgesamt 27 Studenten und Azubis, die in diesem Jahr bei Astrium angefangen haben. Für den Alltag in der Werkstatt habe sich dadurch nichts geändert, sagt Backer. Weiter als bis zur eigenen Umkleide reicht die Sonderbehandlung denn auch nicht.

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»Wenn in der Werkstatt nur Männer sind, ist der Umgangston schon rauer«, meint hingegen ein Azubi, der zusammen mit den vier Frauen bei Astrium lernt. Gerade lötet er die Drähte für ein Adapterkabel. In der Lehrwerkstatt stehen ein Dutzend Tische mit Metallgestellen, auf denen Schaltungen gesteckt sind. Hier lernen Franziska Sprute und die anderen die Grundlagen: verdrahten, schrauben, Pläne lesen. Im Gegensatz zu anderen Maschinenbau-Studenten machen sie während ihres dualen Studiums bei Astrium zusätzlich eine Ausbildung zum Mechatroniker. An einem Tisch sind Lichtschalter und Steckdosen in einer Reihe aufgehängt. »Da haben wir eine Hausverkabelung gemacht«, sagt Franziska Sprute.

Es wird viel getan, um den weiblichen Nachwuchs für die technischen Berufe zu begeistern. Es gibt Girls Days, an denen Mädchen Ingenieurberufe kennenlernen sollen, oder auch Frauen-Schnuppertage für technische Studiengänge an den Universitäten. Wie erfolgreich dieses Engagement der Unternehmen und Universitäten ist, darüber gibt es keine Studien. Bei Franziska Sprute war das Werben erfolgreich. Astrium nimmt regelmäßig am Girls Day teil. Zusammen mit anderen jungen Frauen wurde Franziska Sprute an diesem Tag durch die Firma geführt, die unter anderem Teile für die Ariane-Raketen baut. Sie fand das so spannend, dass sie am Ende der zwölften Klasse ein Praktikum bei der Raumfahrtschmiede machte. Eine Woche davon verbrachte sie an der Seite von Erika Goldmann, die bei Astrium den Elektronenstrahlschweißer bedient.

Vorbilder sollen helfen

Ob in Führungsetagen oder in technischen Berufen, schnell wird die Klage von fehlenden Vorbildern laut, wenn irgendwo zu wenige Frauen vertreten sind. Erika Goldmann ist so ein Vorbild. Die 54-Jährige sitzt am schmalen Ende der riesigen grauen Maschine vor Dutzenden Schaltern und einem Monitor. Mit dem komplizierten Gerät fügt sie Kleinteile zusammen, die später in Satelliten oder dem Antrieb der Ariane-Raketen verbaut werden. Fröhlich erklärt sie jeden Schritt mit dem Steuerhebel. »Und hier noch mal rum, und hier und zack.« Dann sitzt die Schweißnaht. Seit 33 Jahren arbeitet sie bei Astrium, seit 23 an dieser Maschine. Langweilig werde es ihr nie. »Es gibt mehr als 250 Anleitungen für die verschiedenen Teile«, sagt Goldmann. Und manchmal müsse man sich eine Lösung erst ausdenken.

Was genau sie nach dem Ende ihrer Ausbildung in drei Jahren machen will, weiß Franziska Sprute noch nicht. Ab März hat sie ein ganzes Praxisjahr Zeit, die Bereiche der Firma kennenzulernen, in denen sie noch nicht war. »Ich will erst mal rausfinden, was es alles gibt, und dann sehen, was für mich infrage kommt«, sagt sie. Nach den ersten Wochen in der Werkstatt sitzt sie derzeit zusammen mit Nadja Albeck in der Abteilung »Tanks und Komponenten«. Hier tüfteln sie, wie man die Filter der Satellitentanks so bauen könnte, dass sie leichter zu warten sind. Franziska Sprute streicht mit ihren Fingern über das untertassengroße Edelstahlsieb. Sie haben sich eine Lösung überlegt, bei der man die Teile auseinanderschrauben kann, damit man für das Reinigen nicht den gesamten Filter ausbauen muss. Jetzt wird getestet, ob die Idee praxistauglich ist.

Eine Etage tiefer klebt Mechatronik-Azubi Katharina Breden im sogenannten »Cleanroom« mehrere Schichten Folie zu einer Hülle zusammen, die später einen Satelliten schützen wird. Hier unten muss Franziska Sprute labbrige Überzieher über ihre roten Stoffschuhe stülpen, in einen zu großen Kittel schlüpfen und ihre blonden Haare unter einer weißen Haube verstecken – alles andere als ein Businesskostüm. Franziska Sprute macht das nichts aus. Auch die unförmigen Latzhosen, die sie in der Werkstatt tragen muss, sieht sie »entspannt«. »Man kommt zur Arbeit, zieht den Blaumann an, fertig«, sagt sie. In der Umkleide der Frauen wäre noch reichlich Platz für Wechselklamotten. Zehn graue Spinde stehen darin. Ganz schön viele, oder? »Wir haben ja auch viel vor«, sagt sie.

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Leserkommentare
  1. ... für die weibl. Bewerber:

    4 aus 27, das ist kanpp 1/6. Aber 1/3 der Führungskräfte "sollen" (müssen" weiblich sein. Ergo: Top Karrierechancen, auf Kosten gleich qualifizierter Männer.

    20 Leserempfehlungen
  2. Redaktion

    Hallo Hafensonne,

    danke für diesen erfrischenden Kommentar! :) Die Argumentation bei der Berufswahl von Jungen und Mädchen ist teilweise hahnebüchen. Viele Vorurteile halten sich hartnäckig, teilweise wird biologistisch argumentiert. (Die Behauptung, eines der beiden Geschlechter könne besser Mathe gehört beispielsweise dazu.) Dabei gibt es das sogenannte doing gender - das soziale Geschlecht. Wir haben tief verwurzelte Bilder im Kopf darüber, wie Männer und Frauen zu sein haben - und das prägt Jungen und Mädchen zutiefst und wirkt sich entscheidend auch auf die Berufswahl aus. Weil das soziale Geschlecht eine starke Strukturkategorie ist, werden auch künftige Generationen stereotype Berufsentscheidungen treffen - wenngleich sich allmählich eine Veränderung vollzieht.

    Beste Grüße
    von Tina Groll

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ja was denn nun?"
    • Kriton
    • 21. November 2012 8:36 Uhr

    "Wie erfolgreich dieses Engagement der Unternehmen und Universitäten ist, darüber gibt es keine Studien." Doch es gibt eine qualitative Studie dazu: Anja Schmid-Thomae (2012): Berufsfindung und Geschlecht: Mädchen in technisch-handwerklichen Projekten. VS Verlag

    3 Leserempfehlungen
  3. Für die eine Frau, die dort bislang pro Jahr war, gab es keine Umkleidemöglichkeit? Das ist meines Wissens nicht zulässig. Und wurde/wird immer gerne als Ausrede benutzt, Frauen überhaupt gar nicht erst zuzulassen.

    Da hat sich in den letzten 30 Jahren offenbar nicht wirklich was verändert. Warum sollte man sich dann über das geringe Interesse der Frauen an so einer Laufbahn wundern?

    3 Leserempfehlungen
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    Während meiner Ausbildung 1995 hatte ich keine Herrenumkleide -- naja, da wäre eine am Ende der Welt gewesen. Aber meine Kolleginnen - viele Ossis - sagten: so einen Scheiß machen wir nicht mit, Du ziehst dich bei uns um.

    Getrennte Herren-/Damenumkleideräume sind doch auch irgendwie prä-gender, oder nicht?

    Interesse an einer Branche würde ich nicht an den Umkleidemöglichkeiten festmachen.

  4. "Es wird viel getan, um den weiblichen Nachwuchs für die technischen Berufe zu begeistern."

    Dieser Satz beschreibt das aktuelle Situation ziemlich gut. Die Begeisterung (sofern überhaupt vorhanden) wird oftmals von außen an die Mädchen herangetragen.

    Freie Berufswahl hieße dagegen, die Mädchen das wählen zu lassen, was sie von sich aus wählen würden.

    Es ist ja nicht so, dass irgendjemand bezweifelt, dass Frauen auch schweißen oder löten können.
    Ich lernte schon vor vielen Jahren eine Frau kennen, die Zimmermann gelernt hatte.
    Natürlich "geht" so was, und die, die es machen wollen, sollen es machen. Beweisen muss sich oder uns kein Mädchen mehr etwas!
    Aber eine Massenbewegung aus der Vorbildwirkung dieser "Zimmerfrau" ist daraus, so weit ich weiss, nicht geworden.

    Ich denke, wir sollten uns damit abfinden, dass Jungen und Mädchen dauerhaft unterschiedlichen Berufswünschen nachgehen werden.

    3 Leserempfehlungen
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    Irgendwie sollte sich die Männerwelt mal entscheiden.

    Entweder gibt es angestammte "Frauenberufe", die Mädchen deshalb ergreifen, weil es einfach "in ihrer Natur" liegt, während das Ergreifen eines "Männerberufes" durch eine Frau als atypisch oder sogar widernatürlich angesehen wird.

    Dann sollte man den Frauen aber bitte nicht vorwerfen, sie wären an ihrem geringeren Einkommen selbst schuld, da sie ja von sich aus die (bekanntlich schlechter entlohnten) Frauenberufe ergreifen würden. Sondern setze sich dafür ein, dass die teils unerklärlichen Einkommensdifferenzen zwischen "Frauen-" und "Männer"berufen verschwinden.

    Oder aber Frauen zeigen echte Wahlfreiheit* wie im vorliegenden Artikel, dann sollte man ihnen aber nicht vorwerfen, sie hätten sich "gegen ihre Natur" für einen "Männerberuf" entschieden.

    Wie so oft scheinen es die Frauen den Männern einfach nicht recht machen zu können.

    *Wenn die Wahl nach einem Girl's Day fällt, spricht das doch eher für und nicht gegen einen Girl's Day. Wenn wir glauben, dass Schüler ganz automatisch die für sie selbst beste Berufswahl treffen, dann könnte man die Berufsberatung und die Schülerpraktika ja gleich ganz abschaffen.

  5. Die Zimmerfrau oder die Dachdeckerin sind meist "die Tochter vom Chef", die später mal den Laden übernehmen will. Da werden dann Sonderlösungen gefunden. Als Otto-Normal-Tochter ist das schwieriger. Da ist es immer noch extrem schwierig, eine passende Stelle für das zwingend abzuleistende Praktikum zu finden, wenn man zum Beispiel Maschinenbau studiert.

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  • Schlagworte Frauenquote | Ingenieure | Gleichstellung | Gleichberechtigung | Karriere
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