Politische Verfolgung : Heimatlos in Krakau

Mubaraks Schergen warfen ihn in den Knast, nach der Revolution floh er vor Islamisten. Wie es dem ägyptischen Blogger Kareem Amer im polnischen Asyl ergeht.

Es ist Nacht, die Luft kalt, Kareem schläft nicht.

Er setzt sich an seinen Laptop und schaltet sein Skype-Programm ein. Mitternacht zieht vorbei, nichts ist zu hören. Kareem Amer ist Blogger, er kommt aus Alexandria, von dorther, wo immer Krach herrscht, immerzu Menschen auf den Straßen lärmen und Fahrer sich nie müde hupen. Über dem verlassenen Park in Krakau, in dem Kareem jetzt in einem alten Villenzimmer lebt, liegt Stille. Keine Autos, keine Nachbarn, keine Straßenhändler. Nur Kastanienbäume. Hier verstreicht die Zeit anders. Sie fließt nicht, sie tröpfelt.

»Es geht mir schlecht«, schreibt Kareem. »Aliaa hat mir diese fürchterliche Geschichte erzählt.« Eine dieser Geschichten aus der Heimat.

Aliaa ist Kareems Freundin, und sie hat aufgeschrieben, was ihr eine junge Frau anvertraut hat: wie sie in Kairo von mehreren Männern überfallen wurde. Wie die Männer sie zwei Tage lang vergewaltigten. Wie sie lachten und alles mit dem Handy filmten, das sie ihr geraubt haben. Wie sie die Frau schwer verletzt davonjagten. »Sie taten mir Unmenschliches an, Aliaa! Ich kann niemandem davon berichten. Meine Brüder würden mich abschlachten, wenn sie davon erfahren, Aliaa! Was für eine dreckige Gesellschaft!«

Kareem geht die Geschichte nicht aus dem Kopf. Er spürt Wut und Ohnmacht und Ekel. Er kennt diese Geschichten, er kennt diese Gesellschaft, ihre Härte, ihre Gewalt, auch ihre Verkommenheit. Er hat sie selbst erlebt. Sie hat ihn aus seiner Heimat getrieben, in ein Land, das er auf der Karte erst suchen, in eine Stadt, die er erst googeln musste, weil er vorher noch nie in seinem Leben etwas von ihr gehört hatte. Kraków. Krakau. Die Stadt war gerade dabei, dem Netzwerk Icorn beizutreten, das bedrohte Schriftsteller für ein, zwei Jahre aufnimmt und finanziert. Eine Ossetin hatte sich beworben, ein Iraner und der Ägypter Kareem Amer. Die stellvertretende Bürgermeisterin entschied sich für ihn. Die meisten Stipendien gehen an Literaten, und Kareem war Blogger, kein Schriftsteller. Wer weiß, ob er sonst Hilfe bekommen hätte.

Kareem war 22, als er für vier Jahre ins Gefängnis musste, weil er den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak und den Islam heftig kritisiert hat; die Al-Azhar-Universität, wo er islamisches Recht studierte, nannte er »eine Universität des Terrors«. Er forderte einen säkularen Staat, in dem Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. All das schrieb er, Sohn eines salafistischen Vaters, in seinem Blog auf, für alle lesbar.

Zwei Mal nahm ihn dafür die Polizei fest. Das zweite Mal ließ sie ihn nicht wieder gehen. Kareem Amer wurde am 22. Februar 2007 in Alexandria verurteilt, am 15. November 2010 kam er frei.

»1470 Tage«, sagt er. Keiner wurde ihm geschenkt. Kareem ist jetzt 28, aber sein Gesicht scheint vom Leben aufgerieben. Er sieht zehn, zwölf Jahre älter aus. Wenn er spricht, dann klingt seine Stimme leise und verwaschen, sein Blick weicht dem Gegenüber aus.

Es ist ein warmer Herbsttag, als Kareem in der Küche der Villa sitzt und seine Vergangenheit bei Google Earth sucht. Er schaut nach dem Ort, der Borg el-Arab heißt. Er findet ihn sofort. In der fahlen Wüste steht ein gigantischer Komplex, ein Quader reiht sich an den anderen, sie sehen aus wie Baracken in einem Lager. »Da saß ich 65 Tage«, sagt Kareem und zeigt auf einen abgesonderten Teil. »Der Todestrakt. Aber ich war nicht zum Tode verurteilt.«

Sein Vater hätte es ihm gewünscht, sagt Kareem. Töten solle man seinen Sohn, fluchte der Vater während des Verfahrens, wenn er nicht innerhalb von drei Tagen seine Taten bereuen würde. Sein Sohn solle bekommen, was er verdiene. 

Nach diesen vier Jahren, in denen er erlebte, wie Gewalttäter und Diebe vorzeitig entlassen wurden, aber er, ein schmächtiger Junge Anfang 20, jeden Tag absitzen musste, holte der Vater den Sohn aus dem Gefängnis. Kareem zog wieder daheim ein. Er sah seine vier Brüder, die lange Gewänder und Bärte trugen, er sah seine beiden Schwestern, die seit ihrem zweiten Lebensjahr einen Hidschab trugen und seit sie zehn waren keine Schule mehr besuchten. Kareem kannte ihre Träume. Er wusste, dass eine von ihnen Ärztin werden wollte; sie erzählte ihm davon, wenn er sie irgendwohin begleitete, so wie es seine Pflicht war als älterer Bruder. »Sie sind noch niemals in ihrem Leben allein irgendwo gewesen, haben nie allein auf der Straße gespielt. Kannst du dir das vorstellen?«

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Meinetwegen

kann sich Aliaa ausdrücken, wie sie will. Wie herrlich ist Meinungsfreiheit, nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern! Außerdem sehe ich keinen Hinweis auf eine Ablehnung des Islams durch Kareem in dem Artikel - wohl aber den Willen, gegen Hass und Unterdrückung zu sprechen.

Vielen Dank für diesen Artikel. Er macht deutlich, wie kostbar unsere Freiheiten und mühsam errungen sie sind. Für mich ein Hinweis darauf, dass es nicht zu viel verlangt ist, wenn sich jeder ab und zu zumindest ein kleines bisschen dafür einsetzt.